In unserem Torah-Wochenabschnitt „Wajigasch“ enthüllt der Premierminister von Ägypten gegenüber seinen Brüdern, dass er Joseph ist. Die Brüder, die sich gerade noch inmitten einer Konfrontation mit dem „ägyptischen Beamten“ befanden, sind von dieser Offenbarung geschockt, aber auch verängstigt. Sie hatten Joseph als Sklave nach Ägypten verkauft und nun war er der ranghöchste Offizielle im Hof des Pharaos.
Joseph überrascht die Brüder ein weiteres Mal, denn er sieht die Vergangenheit aus einem ganz anderen Blickwinkel als sie:
„Da sprach Joseph zu seinen Brüdern: Tretet doch her zu mir! Als sie nun näherkamen, sprach er zu ihnen: Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt! Und nun bekümmert euch nicht und macht euch keine Vorwürfe darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur Lebensrettung hat mich Gott vor euch her gesandt! Aber Gott hat mich vor euch hergesandt, um euch einen Überrest zu sichern auf Erden, und um euch am Leben zu erhalten zu einer großen Errettung.
Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott: Er hat mich dem Pharao zum Vater gesetzt und zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten.“
(Mose 45:4-8)
Die Umdeutung
Rabbi Jonathan Sacks beschreibt Josephs gigantische moralische Leistung folgendermaßen:
Joseph hatte seine gesamte Vergangenheit neu interpretiert. Er sah sich nicht mehr als einen Mann, dem seine Brüder Unrecht getan hatten. Er sah sich nun als einen Mann, der von Gott mit einer lebensrettenden Mission betraut worden war. Alles, was ihm widerfahren war, war notwendig gewesen, damit er sein Lebensziel erreichen konnte: eine ganze Region während einer Hungersnot vor dem Verhungern zu retten und seiner Familie einen sicheren Zufluchtsort zu bieten.
Diese einzige Umdeutung ermöglichte es Joseph, ohne brennendes Gefühl von Wut und Ungerechtigkeit zu leben. Sie ermöglichte es ihm, seinen Brüdern zu vergeben und sich mit ihnen zu versöhnen. Sie verwandelte die negativen Energien der Gefühle über die Vergangenheit in eine fokussierte Aufmerksamkeit für die Zukunft. Ohne es zu wissen, war Joseph zum Vorläufer einer der großen Bewegungen in der Psychotherapie der modernen Welt geworden. Er zeigte die Kraft der Umdeutung. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber indem wir die Art und Weise ändern, wie wir über die Vergangenheit denken, können wir die Zukunft verändern.
Die Kraft der Umdeutung, oder Refraiming (etwas in einem neuen Rahmen sehen) ermöglicht es dem Menschen Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und wer Gott ins Bild bringt, kann sogar rückblickend Seine Führung im eigenen Leben erkennen.
Auschwitz
Rabbi Sacks beschreibt wie auch der jüdische Psychologe Viktor Frankl im Konzentrationslager Auschwitz ähnliches gelernt hatte.
Als Häftling dort entdeckte Frankl, dass die Nazis den Menschen fast alles genommen hatten, was sie zu Menschen machte: ihren Besitz, ihre Kleidung, ihre Haare, sogar ihre Namen. Bevor er nach Auschwitz deportiert wurde, war Frankl als Therapeut tätig gewesen, der sich auf die Behandlung von Menschen mit Selbstmordabsichten spezialisiert hatte. Im Lager widmete er sich so gut er konnte der Aufgabe, seinen Mitgefangenen den Lebenswillen zu geben, da er wusste, dass sie ohne diesen bald sterben würden.
Dort machte er die grundlegende Entdeckung, für die er später berühmt wurde:
„Wir, die wir in Konzentrationslagern gelebt haben, können uns an die Männer erinnern, die durch die Baracken gingen, andere trösteten und ihr letztes Stück Brot verschenkten. Es mögen nur wenige gewesen sein, aber sie sind ein ausreichender Beweis dafür, dass einem Menschen alles genommen werden kann, außer einer Sache: die letzte der menschlichen Freiheiten – seine Haltung in jeder Situation selbst zu bestimmen, seinen eigenen Weg zu wählen.“
Was den Unterschied ausmachte, was den Menschen den Willen zum Leben gab, war der Glaube, dass es eine Aufgabe für sie zu erfüllen gab, eine Mission, die sie noch nicht abgeschlossen hatten und die in der Zukunft auf sie wartete. Frankl entdeckte, dass „es nicht wirklich darauf ankam, was wir vom Leben erwarteten, sondern vielmehr darauf, was das Leben von uns erwartete“. Es gab Menschen im Lager, die die Hoffnung so sehr verloren hatten, dass sie nichts mehr vom Leben erwarteten. Frankl gelang es, ihnen klar zu machen, dass „das Leben noch etwas von ihnen erwartete“. Einer von ihnen hatte beispielsweise ein Kind, das noch lebte, in einem fremden Land, und auf ihn wartete. Ein anderer erkannte, dass er Bücher zu schreiben hatte, die niemand sonst schreiben konnte. Durch dieses Gefühl einer zukünftigen Berufung gelang es Frankl, ihnen zu helfen, ihren Lebenssinn zu entdecken, selbst im Tal des Todesschattens.
Die damit verbundene mentale Veränderung wurde vor allem in der kognitiven Verhaltenstherapie als „Reframing-Umdeutung“ bekannt. So wie ein Gemälde in einem anderen Rahmen anders wirken kann, so kann auch ein Leben anders wirken. Die Fakten ändern sich nicht, aber die Art und Weise, wie wir sie wahrnehmen, schon. Frankl schreibt, dass er Auschwitz überleben konnte, indem er sich täglich vorstellte, er wäre an einer Universität und würde einen Vortrag über die Psychologie des Konzentrationslagers halten. Alles, was ihm widerfuhr, wurde durch diesen einen Gedankenakt in eine Reihe von Illustrationen für die Punkte verwandelt, die er in seiner Vorlesung behandelte. „Durch diese Methode gelang es mir irgendwie, mich über die Situation, über die Leiden des Augenblicks zu erheben und sie zu betrachten, als gehörten sie bereits der Vergangenheit an.“ Reframing lehrt uns, dass wir zwar nicht immer die Umstände ändern können, in denen wir uns befinden, aber wir können die Art und Weise ändern, wie wir sie sehen, und das allein verändert schon die Art und Weise, wie wir uns fühlen.
Der biblische Joseph hat es vorgemacht und seine Familie dadurch geheilt. Tausende Jahre später haben seine (spirituellen) Nachkommen das Refraiming als psychologisches Werkzeug festgehalten, das nun jedem Menschen ermöglicht seine Vergangenheit und Zukunft neu einzurahmen.




