Naher Osten

Naher Osten

Warum Israel seine Rolle als Regionalmacht annehmen sollte

Israel kann und sollte beginnen, nicht nur als Staat zu handeln, der sein Überleben verteidigt, sondern als proaktive Regionalmacht, die die Zukunft des Nahen Ostens gestaltet.

Israel
IAF F-35 Tarnkappen-Kampfflugzeuge fliegen im israelischen Luftraum. Foto: IDF.

In dem britischen Satireklassiker „The Mouse That Roared“ (Die Maus, die brüllte) erklärt eine kleine, fiktive Nation den Vereinigten Staaten den Krieg, nicht in der Hoffnung zu gewinnen, sondern um zu verlieren und großzügige Nachkriegshilfe zu erhalten.

Stattdessen wird das winzige Herzogtum Grand Fenwick durch eine Reihe von komischen Missgeschicken zum zufälligen Sieger und zur nuklearen Supermacht. Obwohl der Film humorvoll und absurd ist, unterstreicht er eine provokante Wahrheit: Selbst kleine Staaten können die globale Dynamik mit strategischer Absicht, Timing und klarer Zielsetzung verändern.

Israel, das oft als kleine, von Unbeständigkeit umgebene Nation wahrgenommen wird, ist keine komische Figur – aber es ist an der Zeit, eine kühne Realität anzunehmen: Israel kann und sollte beginnen, nicht nur als ein Staat zu handeln, der sein Überleben verteidigt, sondern als eine proaktive regionale Macht, die die Zukunft des Nahen Ostens gestaltet.

 

Von militärischer Macht zu strategischer Führung

Die jüngsten militärischen Leistungen Israels haben seine unübertroffenen Fähigkeiten in der Region unterstrichen. Die Zerstörung der Infrastruktur der Hisbollah, die Lähmung der Kommandostrukturen der Hamas im Gazastreifen und die kalkulierte Reaktion auf iranische Provokationen, die in bedeutenden operativen Erfolgen gipfelte, deuten alle auf einen überwältigenden taktischen Vorsprung hin.

Der Iran, der lange Zeit der aggressivste Herausforderer um die regionale Vorherrschaft war, hat festgestellt, dass seine Stellvertreter geschwächt sind, seine Wirtschaft stranguliert wird und sein Einfluss angesichts interner Unruhen und internationaler Kontrolle schwindet. Der Sturz des Assad-Regimes in Syrien, der indirekt durch die iranische Übermacht begünstigt wurde, führt zu einer weiteren Demontage der Einflussachse Teherans.

Doch eine existenzielle Bedrohung bleibt weiterhin ungelöst: Irans Atomprogramm. Verzögerung und Abschreckung reichen nicht mehr aus. Israel muss eine Koalition anführen – diplomatisch oder militärisch -, um Irans nukleare Fähigkeiten entweder durch eine Vereinbarung, durch Gewalt oder durch beides zu zerstören. Die Zweideutigkeit der iranischen Ambitionen und das Zögern der internationalen Gemeinschaft machen dies zu einer roten Linie, die nicht überschritten werden darf.

 

Eine neue türkische Front

Gleichzeitig hat sich die Türkei von einem stillen Teilnehmer zu einem aktiven Machtvermittler entwickelt, insbesondere in Syrien. Die Stationierung türkischer Streitkräfte in Nordsyrien stellt in Verbindung mit der neo-osmanischen Vision von Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine neue Bedrohung dar.

Türkische Truppen an Israels Nordflanke, inmitten eines fragilen und machtlosen Syriens, sind ein unberechenbarer Faktor. Dies erschwert Operationen, erhöht das Risiko einer Konflikteskalation und könnte rivalisierende islamistische Gruppierungen unter türkischem Schutz ermutigen. Dies darf nicht ignoriert werden.

 

Wer führt die Region an?

Die Türkei strebt nach Einfluss durch eine Kombination aus osmanischer Nostalgie und moderner Wirtschaft und positioniert sich als Brücke zwischen Ost und West.

Katar setzt seinen Reichtum und seine Medien (vor allem Al Jazeera) mit geschickter Soft Power ein.

Der Iran exportiert trotz seiner Rückschläge weiterhin Ideologie und Instabilität.

Gleichzeitig verstärken globale Akteure wie China und Russland ihre Präsenz im Nahen Osten. Chinas „Belt and Road“-Initiative verknüpft im Stillen Häfen, Straßen und digitale Netzwerke vom Golf bis zur Levante.

Russland, das nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes einen Rückschlag erlitt, gewinnt nun wieder an Macht und Beziehungen zur neuen Regierung in Syrien.

In dieser umkämpften Landschaft sticht Israel als stabile, innovative, militärisch überlegene und diplomatisch zunehmend geschickte Nation hervor. Warum sehen wir uns dann oft als Peripherie und nicht als Kernland?

 

Jenseits des Überlebens: Die Macht der Identität

Israels strategisches Selbstverständnis war jahrzehntelang durch das Trauma des Überlebens geprägt – eine einsame Demokratie unter Belagerung.

Doch diese Ära ist im Wandel begriffen. Wie das Sprichwort sagt: „Wer glaubt, geschlagen zu sein, ist es auch“. Wenn wir uns nur als reaktiv oder defensiv wahrnehmen, schränkt dies unsere diplomatische Reichweite ein und erstickt regionale Partnerschaften im Keim.

Ein Land, das wie ein Anführer handelt, zieht andere an. Länder ziehen es vor, sich mit einer starken, stabilen Macht zu verbünden, die zielstrebig und selbstbewusst vorgeht. Indem Israel Stärke zeigt, nicht nur militärisch, sondern auch diplomatisch und wirtschaftlich, kann es zu einem Anziehungspunkt im Nahen Osten werden – für Staaten, Investitionen und Einfluss.

 

Al-jār qabl al-dār‘-‚Der Nachbar vor dem Haus‘

In der arabischen Kultur betont dieses Sprichwort, dass gute Nachbarn wichtiger sind als das beste Haus.

Damit Israel in der Region eine Führungsrolle übernehmen kann, ist eine strategische Normalisierung mit gemäßigten sunnitischen Staaten unerlässlich. Die Abraham-Abkommen war nur der Anfang. Die Vertiefung der Beziehungen zu Staaten wie Saudi-Arabien, Oman und Marokko und sogar die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Jordanien und Ägypten mit neuem Respekt und neuen Anreizen sind von entscheidender Bedeutung.

Bei diesen Partnerschaften geht es nicht nur um Sicherheit. Sie sollten sich zu wirtschaftlichen, technologischen, bildungspolitischen und kulturellen Allianzen weiterentwickeln. Ein Pakt für saubere Energie im gesamten Nahen Osten, ein Konsortium für Wasserinnovationen oder eine Pipeline für technische Talente könnte eine neue Ära der gegenseitigen Abhängigkeit einleiten, mit Israel an der Spitze.

 

Konkurrenten zerstreuen: Türkei, Katar und Ägypten

Der Aufstieg regionaler Rivalen ist nicht unbedingt ein Nullsummenspiel. Der Türkei kann ein Gegengewicht geboten werden, indem Israel engere Sicherheits- und Infrastrukturpartnerschaften mit Griechenland, Zypern und den Balkanländern eingeht.

Katar verfügt trotz seiner „Soft Power“ nur über eine begrenzte „Hard Power“ – Israel kann seinen Einfluss neutralisieren, indem es überzeugendere regionale Narrative anbietet und direkt an das arabische Publikum sendet.

Ägypten bleibt ein Joker. Da es zwischen Instabilität und Nationalismus schwankt, muss Israel leise strategische Unterstützung anbieten – wirtschaftliche Zusammenarbeit, gemeinsame Nutzung von Wassertechnologien und gemeinsame Initiativen zur Terrorismusbekämpfung -, um sicherzustellen, dass Kairo nah und nicht kalt bleibt.

 

Verträge und Vertrauen: Der amerikanische Anker

Die Vereinigten Staaten bleiben ein wichtiger Verbündeter. Da Washington jedoch seinen globalen Fokus neu ausrichtet, muss Israel die Kontinuität dieser Beziehung sicherstellen und sich gleichzeitig auf eine strategische Autonomie vorbereiten.

Die Formalisierung langfristiger Verteidigungsverträge mit den USA, die nicht nur an militärische Unterstützung, sondern auch an technische und nachrichtendienstliche Zusammenarbeit geknüpft sind, könnte die amerikanische Zustimmung zu Israels regionaler Vision sichern.

In der Zwischenzeit sollte diese Strategie durch Kontakte zu Europa, Indien und ausgewählten afrikanischen Staaten ergänzt werden, um zu zeigen, dass Israel nicht nur ein Akteur im Nahen Osten ist, sondern ein eurasischer Knotenpunkt für Innovation und Widerstandsfähigkeit.

 

Umgang mit dem Drachen und dem Bären

Was ist mit China und Russland? Beide können nicht ignoriert werden.

China ist ein wirtschaftlicher Gigant. Das Engagement in diesem Land muss pragmatisch und vorsichtig sein: Investitionen in nicht sensiblen Sektoren (wie Infrastruktur oder saubere Energie) sind willkommen, aber Kerntechnologien und Cyber-Bereiche müssen geschützt werden. Transparenz und Abstimmung mit den USA bei diesen Engagements werden diplomatische Rückschläge verhindern.

Russlands regionaler Fußabdruck ist weitgehend militärisch und opportunistisch. Israel sollte die Beziehungen zu Moskau nicht romantisieren, auch wenn wir Dekonfliktprotokolle aufrechterhalten müssen.

Stattdessen sollten wir im Stillen in regionale Modelle für die Zeit nach Russland investieren, vor allem im Energiebereich, wo Israel und die verbündeten Akteure im östlichen Mittelmeerraum – Griechenland, Zypern, Ägypten und sogar Katar – die europäische Gasversorgung neu gestalten können.

 

Iran: Eindämmen, isolieren, demontieren

Der Iran bleibt die wichtigste langfristige Herausforderung. Ein Regimewechsel sollte das Ziel sein, aber die Eindämmung des Regimes muss an erster Stelle stehen. Dazu gehört Folgendes:

  • Stärkung der internen Opposition durch digitale und humanitäre Kanäle;
  • Fortführung der Abschreckung über das Internet;
  • Unterbrechung der regionalen Nachschubwege und der Finanzierung von Stellvertretern;
  • Aufrechterhaltung der Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit militärischer Optionen;
  • Und, was am wichtigsten ist, der Abbau der nuklearen Kapazitäten des Landes. Die Diplomatie kann das Land aufhalten, aber die Instrumente der Gewalt müssen auf dem Tisch bleiben.

Engagement aus einer Position der Stärke ist keine Schwäche. Sollte sich Teheran jemals mäßigen, sollte Israel bereit sein, sich mit diplomatischer Kreativität zu bewegen – solange die Sicherheitsgarantien unumstößlich bleiben.

 

Auf dem Weg zur Regionalmacht: Die nächsten Schritte

  1. Nationale Strategie: Bildung eines strategischen Rates für regionalen Einfluss, der sich aus führenden Vertretern der Bereiche Verteidigung, Diplomatie, Wirtschaft und Technologie zusammensetzt.
  2. Öffentliche Diplomatie: Starten einer Initiative zur Wiederbelebung des Images Israels in der Region, mit arabischen Inhalten, Engagement der Jugend und Kooperationsplattformen.
  3. Infrastruktur-Diplomatie: Leitung regionaler Megaprojekte in den Bereichen Wasser, Ernährungssicherheit und KI.
  4. Aktualisierung der Militärdoktrin: Umstellung von reaktiver Verteidigung auf eine proaktive Plus-Doktrin mit strategischer Tiefe.
  5. Bildungsaustausch: Einrichtung von Stipendienprogrammen für arabische und afrikanische Studenten an israelischen Universitäten.

 

Die Vorteile von Denken in größeren Dimensionen

  • Sicherheit: Stabile Nachbarn und gemeinsame Rahmenbedingungen verringern existenzielle Bedrohungen;
  • Wirtschaft: Regionale Märkte und Logistikkorridore können das Wachstum ankurbeln;
  • Prestige: Israel wird zum Gestalter, nicht zum Reagierer;
  • Innovation: Vielfältige Partnerschaften treiben Technologie und Forschung voran; und
  • Stolz der Diaspora: Jüdische Gemeinden in aller Welt sehen Israel nicht als belagertes Land, sondern als Vorbild.

 

Hindernisse

  • Einige sunnitische Regime sind instabil oder heuchlerisch.
  • Die innenpolitische Zersplitterung kann eine kühne Vision blockieren.
  • Der Iran und seine Stellvertreter werden die asymmetrische Kriegsführung fortsetzen.
  • Rivalitäten zwischen Großmächten können den politischen Spielraum einschränken.
  • Regionale Rivalen wie die Türkei und Katar werden versuchen, diplomatisch zu manövrieren

Aber wie ein arabisches Sprichwort sagt, „man jadda wajada“ – „Wer sich bemüht, hat Erfolg“.

Und vielleicht, nur vielleicht, ist es an der Zeit, dass wir nicht mehr darauf warten, dass die Welt uns Legitimität verleiht. Wie das Herzogtum Grand Fenwick in diesem herrlich absurden Film könnten auch wir entdecken, dass mutiges Handeln die Realität schafft, die wir suchen.

Israel hat gebrüllt. Jetzt muss es führen.

 

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Patrick Callahan

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Ein Kommentar zu “Warum Israel seine Rolle als Regionalmacht annehmen sollte”

  1. Roland Kunz sagt:

    Absolut genialer Artikel. So sollte es Israel machen. Und dabei auch zeigen, was es für die Region und die Welt Gutes zu leisten im Stande ist. Denn Israels Bestimmung ist ein Segen für die Welt zu sein. Die Welt könnte diesen Segen schon längst geniessen, wenn sie sich positiv auf Israel einlassen würde.

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