Tacheles mit Aviel – Vieles verstehe ich nicht

Tacheles, offen und unverblümt sage ich meine Meinung. Was den Kriegsausbruch betrifft, verstehe ich vieles nicht. Und das macht mich und viele im Volk wahnsinnig.

von Aviel Schneider | | Themen: Tacheles mit Aviel, Krieg in Israel, Hamas, Gazastreifen
Menschen versammeln sich am 17. Oktober 2023 auf dem Dizengoff-Platz in Tel Aviv und zünden Kerzen an, um der Opfer zu gedenken, die von militanten Hamas-Kämpfern ermordet wurden. Foto: Tomer Neuberg/Flash90

Über Monate haben wir immer wieder geschrieben, dass nur ein Krieg das Volk Israel wieder vereinen kann. Zehn Monate lang haben sich die Menschen im Volk gestritten und gegenseitig als Verräter, Faschisten und Anarchisten beschuldigt. Die einen waren für die Rechtsreformen und die rechte Regierungskoalition und die anderen waren dagegen, sie befürchteten eine mögliche Diktatur unter Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und das Vorhaben seiner rechts bis orthodoxen Koalition. Beide Hälften im Volk haben sich gehasst und dies führte zu einer tiefen Spaltung im Volk. Und auf beiden Seiten wurde immer wieder betont, dass nur eine Katastrophe das Volk vor sich selbst retten kann. Und nun soll der Schwarze Schabbat unsere Erlösung sein?  

Das Volk war gespalten. Demonstration gegen die Justizreform. Foto: Tomer Neuberg/Flash90

Wir spekulierten viel, wie etwa von einem möglichen Kriegsausbruch im Norden oder einem iranischen Raketenangriff aus dem Osten. Im Süden sah man einen neuen Raketenangriff aus dem Gazastreifen voraus und einen blutigen Palästinenseraufstand im biblischen Kernland Judäa und Samaria. Vielleicht auch alles auf einmal. Nur das wäre ein Szenario gewesen, was das Volk in Zion zusammengerüttelt und wieder vereint hätte. Ein Terroranschlag von zwei Toten, zehn bis hundert Toten hätte nichts wachgerüttelt.

Mit über 1.400 Toten an dem Schabbatmorgen im Süden ist dem Zweck, das Volk zu vereinen, Genüge getan. Menschen, gesamte Familien wurden abgeschlachtet. Dem Hamasregime im Gazastreifen ist es gelungen, das Volk Israel zu überraschen und zu überrumpeln. Das ist genau das, was Israel brauchte, um wachgerüttelt zu werden. Die jetzige Regierung wäre niemals in der Lage gewesen, das so sehr zerstrittene Volk zu vereinen. Der Bruderhass zwischen links und rechts, säkular und religiös, war einfach zu schlimm und zu tief in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert.

Siehe: Jeder Kibbuz und Moschaw im Süden wurde überfallen

Aber dann ist die Hölle im Süden ausgebrochen und das Volk war innerhalb kürzester Zeit wieder vereint. All diejenigen, die wöchentlich gegen die Regierung und ihre Absichten im Rechtssystem protestiert und mit einer Verweigerung gedroht hatten, waren schon in den ersten Stunden am Schabbatmorgen im Kriegseinsatz. Auch die Kampfpiloten und auch der linksliberale Meretz Politiker Yair Golan, der noch Monate zuvor zum zivilen Aufstand aufgerufen hatte und deswegen als Verräter und Anarchist im Volk verflucht wurde. Er war einer der ersten im Süden, der mit seinem Team zahlreichen Israelis das Leben rettete. Aber nicht nur er, viele andere Menschen aus allen Bevölkerungsschichten ebenso.

Im Süden ist die Hölle ausgebrochen. Tote und Zerstörung im Kibbuz Kfar Aza. Edi Israel/Flash90

„Ich“ frage mich ganz ehrlich und offen, wer hat diesen blutigen Überfall am Schabbatmorgen im Süden Israels veranlasst? Menschen, die an Gott glauben, werden sagen, dass Gott dahinter stehe. Auch ich glaube an Gott. Aber dennoch frage ich mich, wie wurde alles auf der Erde und im Land geregelt, dass dieser Krieg jetzt ausbricht. Die Wiedergeburt Israels ist ein Wunder und die Propheten haben dies in der Bibel verheißen. Aber dennoch musste dies taktisch in der Weltpolitik im Volk Israel in der Diaspora eingespielt werden. Dafür musste ein Visionär wie Theodor Herzl in Europa die Idee aussprechen und umsetzen, dafür mussten Juden aus allen Enden der Erde nach Israel bewegt werden, dafür mussten Juden in der Politik mit europäischen Regierungen verhandeln und Juden im Holocaust vernichtet werden.

Genau das frage ich mich jetzt. Wie wurde alles in die Wege geleitet? Wer oder was steckt dahinter, dass ausgerechnet zur „rechten Zeit“ solch ein Krieg im Land ausbricht und das Volk vereint? Verwirklichen sich tatsächlich Prognosen, Gefühle, Verheißungen, nur weil wir daran glauben, dass dies so passieren muss? „Was für ein Glück hat der Bibi wieder gehabt“, höre ich von zahlreichen Freunden, die nicht seiner Wähler waren. „Der Krieg ist genau das, was die Koalition brauchte, um die Menschen wieder zusammenzubringen“. Dennoch verstehe ich das nicht. Wie war solch ein Überfall möglich?

Ich höre immer mehr Gerüchte von Konspirationen, dass Verräter im Sicherheitssystem waren und dem Hamasregime im Gazastreifen zum Überfall verholfen haben. Glaube ich nicht. Wie ist es möglich, dass Israels gesamter Sicherheitsapparat nichts von der Planung gewusst hat, weder der israelische Geheimdienst Mossad, noch der Sicherheitsdienst Schin Bet, nicht einmal der Armee-Nachrichtendienst Aman, einfach keiner. Hat die gesamte Volksführung mit dem gesamten Sicherheitssystem so sehr versagt und wurde dies absichtlich geplant? Noch einmal, um das Volk in dieser Notzeit vor sich selbst zu retten?

Joe Alon, Bild: IDF

Das erinnert mich an Joe Alon, der ein israelischer Luftwaffenoffizier und Militärattaché in den USA war und auf mysteriöse Weise am 1. Juli 1973 in der Einfahrt seines Hauses in Chevy Chase, Maryland, erschossen wurde. Offiziell wurde Joe Alon von PLO-Terroristen getötet. Joe Alons Töchter glauben der israelischen Regierung jedoch nicht. Vor über zehn Jahren zeigte Israels staatlicher Fernsehkanal den Dokumentarfilm „Who Shot My Father?“ Zwei Historiker präsentierten eine Theorie, nach der Joe Alon ermordet worden sei, weil er unfreiwillig von der Verschwörungstheorie über den Jom-Kippur-Krieg erfahren hatte, ein Plan des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger. Der Krieg sei zwischen den USA, Israel und Ägypten „vereinbart“ gewesen. Nachdem die arabischen Nationen im Sechstagekrieg 1967 eine fürchterliche Niederlage gegenüber Israel erlitten hatten, war keiner wegen der Blamage bereit, mit Israel zu reden. Die Araber mussten zuerst ihren Stolz erwecken, bevor mit Israel über Frieden verhandelt würde.

Und so sei es zum Jom-Kippur-Krieg gekommen. Die Amerikaner wurden als Retter und zukünftige Machtmakler ausgerufen, Ägypten und Syrien bewiesen sich als starke Kämpfer am Anfang des Krieges und Israel hat den Krieg am Ende gewonnen, aber dafür einen hohen Preis bezahlt, 2.700 gefallene Soldaten. Israels ehemaliger Staatspräsident und Befehlshaber der israelischen Luftwaffe, Ezer Weizmanm behauptete vor der Kamera, dass „Joe getötet wurde, weil er etwas wusste, was er nicht wissen sollte“. Im Film wird nachgewiesen, dass Joe von eigenen Leute getötet wurde, weil er etwas „wusste, was er nicht wissen sollte“.

Warum erwähne ich Joe Alon, kann es sein, dass auch der Schwarze Sabbat am 7. Oktober 2023 eine mögliche Verschwörung war, nur um das Volk zu vereinen? Ich weiß nicht, wer dahinter steckt. Auch Netanjahus politischem Gegner Ehud Barak wird viel nachgesagt. Barak, Israels ehemaliger Generalstabschef, ist mächtig, manipuliert Israels Realität und führt die linke Elite im Volk an. Die Wahrheit werden wir nie erfahren, aber offene Fragen treiben die Menschen im Land zu zahlreichen Verschwörungstheorien. Wie kann es sein, dass keiner der Sicherheitsdienste des Landes von dem Angriff wusste? Das ist so unwahrscheinlich wie die Verschwörungstheorie. Oder haben israelische Politiker oder Mächte im Land hinter den Kulissen eingegriffen und für den Angriff gesorgt? Darüber zerbrechen sich die Menschen im Land den Kopf. Denn wie man es auch dreht und wendet, es ist unfassbar, dass Israel mit all seiner Technik und Cyber derart geschlagen wurde. Wie man es auch betrachtet, es macht einfach keinen Sinn.

Hinter all diesen Fragen haben gläubige Menschen es leichter, eine Antwort zu finden, dass alles in Gottes Händen ist und Er die Kontrolle auf dieser Erde hat. Und dennoch möchte ich es wissen, wie Er das bewirkt hat. Ihr habt keine Ahnung, wie sehr mich das wahnsinnig macht, wie sehr ich die Wahrheit wissen möchte. „Wie unergründlich sind Seine Entscheidungen und unerforschlich Seine Wege!“