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Jom Kippur – die großen und die kleinen Engel

Am heiligsten Tag des Jahres vergibt Gott dem Volk Israel seine Sünden. Das hat seinen Preis: Fasten, lange Gebete und gelangweilte Kinder.

Vater und Sohn gehen beten
Vater und Sohn gehen beten Foto: Flash 90

Am Dienstagabend beginnt Jom Kippur, der Versöhnungstag zwischen Gott und seinem Volk.

Am Jom Kippur ist das jüdische Volk wie Engel. Wir essen nicht, wir verbringen fast den gesamten Tag in der Synagoge, beten zu Gott und suchen Abstand von der materiellen Welt, indem wir wie am Schabbat keine Arbeit verrichten.

Das gilt jedoch nur für Männer. Frauen, besser gesagt, Mütter, müssen sich während des Versöhnungstags um die kleinen Engel im Haus kümmern. Die kleinen Engel müssen natürlich nicht fasten und sie sind dementsprechend gut gelaunt. Zumindest während des Morgens, wenn sie merken, dass sie nicht zum Kindergarten oder zur Schule müssen. Im Laufe des Tages tritt jedoch die Langeweile ein und die Laune schwingt um.

Während ich also in der Synagoge, den Engeln gleich, immer höhere spirituelle Höhen erreiche, schlägt sich die geduldigste Ehefrau von allen mit unseren drei Mädchen (8, 6 und 5 Jahre alt) herum. Sie fastet zwar auch wie ein Engel, aber richtet ihre Aufmerksamkeit nicht in Richtung Himmel, sondern in Richtung Boden, um nicht in Legosteine zu treten oder über Kinderwagen zu stolpern.

Da Juden am Jom Kippur keine Arbeit verrichten dürfen, müssen wir die Kinder ernähren, ohne zu kochen, also gibt es Snacks, Butterbrote, Obst, Gemüse und noch einmal Snacks. Die hungrigste Ehefrau von allen muss den Kindern all dies servieren, ohne selbst etwas davon zu kosten und am besten ohne viel Energie aufzuwenden, da das Fasten den Körper sehr schwächt.

Es gibt hier eine Arbeitsteilung: während ich mich um die geistige Stärkung der Familie kümmere, kümmert sich die geduldigste Ehefrau von allen um das körperliche Überleben am Jom Kippur. Ich muss zugeben, dass ich nicht mit ihr tauschen möchte. Ich bin mir sicher, dass die heiligste Ehefrau von allen auch in der Synagoge einen besseren Job machen würde als ich.

Gegen 19.00 Uhr am Mittwochabend endet Jom Kippur und es darf wieder gegessen und getrunken werden. Ich komme meist kurz vorher nach Hause, wo ich von glücklichen Kindern empfangen werde, während die erschöpfteste Ehefrau von allen auf dem Sofa zusammengebrochen ist. Gespannt schaut die Familie dann auf die Uhr und sobald es 18.57 Uhr schlägt, schütten wir ein großes Glas Wasser herunter und gratulieren uns gegenseitig zum überstandenen Versöhnungstag. Wir haben es geschafft, unsere Sünden wurden uns vergeben, unsere Weste ist wieder weiß. Jetzt müssen wir nur noch die Kinder ins Bett bringen, die Wohnung aufräumen, Essen kochen, die Wasch- und Spülmaschine beladen und dann können wir unsere Engelsflügel abnehmen und unser normales Leben fortsetzen.

 

Sie können weitere Geschichten dieses Autors auf seinem Blog „Eine schrecklich jüdische Familie“ lesen.

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Patrick Callahan

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Ein Kommentar zu “Jom Kippur – die großen und die kleinen Engel”

  1. repok sagt:

    Ich habe Michaels Kommentare schon vermisst! So ehrlich und erfrischend! Shalom

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