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Israel steht im Gazasteifen am Scheideweg

Mehr als ein Jahr nach Beginn des Gaza-Kriegs haben Israels Militäroperationen gegen die Hamas bemerkenswerte Erfolge erzielt. Doch um die Terrorgruppe endgültig zu besiegen, muss nun die zivilpolitische Front in Angriff genommen werden.

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Israelische Truppen während eines Einsatzes im Gazastreifen, Oktober 2024. Foto: IDF.

Mehr als ein Jahr nach der militärischen Kampagne zur Zerschlagung der Hamas-Terrorarmee und des islamistischen Regimes im Gazastreifen steht Israel an einem Scheideweg, wie ehemalige israelische Verteidigungsbeamte gegenüber JNS erklärten.

Oberstleutnant a.D. Amit Yagur, ehemaliger stellvertretender Leiter des palästinensischen Bereichs in der Planungsabteilung der israelischen Streitkräfte und ehemaliger Offizier des Marinegeheimdienstes, betonte den beispiellosen Charakter der israelischen Militäroperationen in Gaza. Mit Blick auf die Fähigkeit der IDF, in tief verschanzte feindliche Stellungen einzudringen, erklärte er: „Ich glaube, dass wir hier gezeigt haben, wie man mit Terror in der Zivilbevölkerung umgehen kann, ohne dass es auf der anderen Seite Opfer gibt. Trotz der gemeldeten Zahlen, selbst wenn wir die vom Hamas-geführten Gesundheitsministerium veröffentlichten Zahlen nehmen, die [feindliche Kämpfer] einschließen, werden wir feststellen, dass die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung sehr, sehr gering sind“, erklärte er.

„Was hier getan wurde, ist ein außergewöhnlicher Akt der Kriegsführung. Auf taktischer Ebene gibt es in keinem der Sektoren etwas zu beanstanden; die Taktik ist bemerkenswert. Die Militäraktion sollte fortgesetzt werden. Ich denke jedoch, dass die strategische Ebene die taktische Ebene leider untergräbt“, warnte Yagur.

Er betonte, wie wichtig es sei, zivile Überlegungen in die Beseitigung der Hamas als regierende Kraft einzubeziehen.

„Der zivil-kognitive Aspekt hat eine sehr, sehr, sehr große Bedeutung in diesem militärischen Akt. Wir müssen das verstehen und anfangen, diese gemeinsame Sprache zu sprechen“, erklärte er.

Yagur befürwortet einen parallelen Ansatz, der sowohl die militärischen als auch die zivilen Aspekte der Regierungsführung berücksichtigt.

Während die IDF alle möglichen erfolglosen Versuche unternommen haben, mit den lokalen Clans zusammenzuarbeiten, „glaube ich, dass die IDF dies nicht ausreichend vorangetrieben hat, und die Regierung auch nicht“, sagte er. „Sie haben die Bedeutung der Sache nicht ausreichend verstanden“, fügte er hinzu.

Der erste Schritt sei, der Hamas die Möglichkeit zu nehmen, humanitäre Hilfe zu stehlen und zu verteilen, und die IDF vorübergehend mit der Verteilung zu beauftragen. Die Hamas müsse auch aus den verbleibenden lokalen Gemeinden des Gazastreifens vertrieben werden, etwa im südlichen Gazastreifen.

Das Oberkommando der IDF hat sich diesen Ideen mit dem Hinweis auf fehlende Ressourcen widersetzt. Aus diesem Grund, so Yagur, stehe eine neue Idee auf der Tagesordnung: die Hinzuziehung amerikanischer privater Sicherheitsfirmen, deren Mitglieder ehemalige US-Soldaten sind und die unter dem Schutz der IDF dabei helfen können, „humanitäre Blasen“ in Gaza zu schaffen.

Siehe dazu: Israel will humanitäre Hilfsmission in Gaza privatisieren

Innerhalb dieser Gebiete werden diese privaten Unternehmen die humanitäre Hilfe an die Bevölkerung des Gazastreifens verteilen und die Hamas überflüssig machen – laut Yagur der schlimmste Schlag, den die Terrorgruppe erleiden kann.

„Sobald man die Hamas überflüssig macht, gerät sie unter Druck, denn sie sieht sich selbst am Tag nach dem Krieg als äußerst relevant an“. „Jede Aktion, die die Hamas jetzt unternimmt, und ihre sogenannte feste Haltung bei den Geiselverhandlungen – vorausgesetzt, sie weiß überhaupt, wo alle Geiseln sind – dienen nur dazu, sich am Tag danach als relevanter Akteur in Gaza zu erhalten. Und nebenbei bemerkt ermöglicht [Palästinenserpräsident Mahmud] Abbas der Hamas, dies zu tun“, so Yagur.

Israel muss sich der Gefahr bewusst sein, dass externe Akteure versuchen, im Gazastreifen ein libanesisches Hisbollah-Modell durchzusetzen, das es der Hamas ermöglichen würde, ihre Terrorarmee und politische Macht wieder aufzubauen. „Wir müssen aufwachen, und je früher, desto besser, und diese Lücke füllen, die man als zivilpolitische Frage bezeichnet“, erklärte er.

Nach Ansicht von Moshe Fuzaylov, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Misgav-Institut für nationale Sicherheit und ehemaliger hochrangiger Vertretery des israelischen Sicherheitsdienstes (Shin Bet), ist der Sieg über die Hamas eine Voraussetzung für regionale Stabilität.

„Der Weg zur Freilassung der Geiseln und zur Schaffung von Hoffnung auf Frieden und Wohlstand im Nahen Osten beginnt mit der entscheidenden Niederlage der Hamas in Gaza“, sagte er gegenüber JNS.

„Im vergangenen Jahr, seit den Ereignissen vom Oktober 2023, können wir die Hamas in der Arena als Boxer mit neutralisiertem Arm sehen, der blutet und vernichtende Schläge einstecken muss, immer wieder auf die Matte fällt – und doch wieder auf die Beine kommt.“

Notwendig sei ein K.o.-Schlag – in Form eines Ausschlusses der Hamas von der Verwaltung des Gazastreifens.

„Israel muss eine klare und eindeutige Niederlage der Hamas herbeiführen, in deren Verlauf die IDF die Gebiete im Gazastreifen kontrollieren, das Gebiet von Terrorzentren säubern und die Verantwortung für die Sicherheit an die IDF, ihre Zivilverwaltung oder an Partnervermittler übertragen. Dies ist eine entscheidende Voraussetzung für den Sieg über die Hamas. Die Verwaltung durch die IDF wird uns in die Lage versetzen, die zivilen Machtzentren zu kontrollieren und sicherzustellen, dass die Hamas keine neue Unterstützung in der lokalen Bevölkerung rekrutieren kann.“

Fuzaylov betonte, wie wichtig es sei, die militärische und zivile Kontrolle Israels im Gazastreifen zu etablieren. Dies werde „uns dabei helfen, Prioritäten in dem Gebiet zu setzen, die Hamas daran zu hindern, gefährliche Ideologien zu verbreiten und die lokale Bevölkerung für den Kampf zu rekrutieren. Auf diese Weise können wir unseren Vorteil als starke Armee nutzen, um die Realität im Gazastreifen zu beeinflussen und einen Bewusstseinswandel bei den Bewohnern herbeizuführen – ein Bewusstsein dafür, dass es unter israelischer Kontrolle echte Möglichkeiten für Rehabilitation, Wohlstand und sogar Frieden gibt.“

Er argumentierte, dass solche Maßnahmen die Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln beschleunigen und den Grundstein für langfristige Vereinbarungen legen werden, die Israel und den friedenssuchenden Menschen in der Region Sicherheit garantieren.

Fuzaylov plädiert für einen Marshallplan-ähnlichen Ansatz zum Wiederaufbau des Gazastreifens nach dem Ende der Hamas.

„Ich schlage vor, einen ähnlichen Ansatz wie den Marshall-Plan im Nahen Osten zu verfolgen – einen Plan, der von uns verlangt, dass wir zusammen mit internationalen Partnern, vor allem gemäßigten sunnitischen Ländern und den Vereinigten Staaten, in die Infrastruktur, das Bildungs- und Gesundheitswesen und die Wirtschaft in Gaza investieren“, erklärte er.

„Je klarer und eindeutiger die Niederlage der Hamas ist, desto größer ist die Chance, einen echten Frieden und langfristigen zivilen Wohlstand zu erreichen“, erklärte er.

Professor Oberst a.D. Gabi Siboni, ein leitender Mitarbeiter des Misgav-Instituts für nationale Sicherheit, erklärte während eines vom Israel Center for Grand Strategy am Sonntag veröffentlichten Webinars, die Erwartungen an ein baldiges Ende der Kämpfe im Gazastreifen seien unrealistisch.

„Ich möchte uns alle nur daran erinnern, dass wir seit 2002 in Judäa und Samaria kämpfen, und wir kämpfen immer noch, und in Gaza werden wir wahrscheinlich noch Jahrzehnte lang kämpfen“, sagte er.

„Die Ziele der israelischen Regierung sind ganz klar: Erstens, die Zerstörung der Hamas, sowohl der zivilen Führung als auch der militärischen Fähigkeiten, zweitens, die Schaffung von Bedingungen für die Rückkehr der Geiseln und drittens, die Verhinderung, dass der Gazastreifen zu einer erneuten Bedrohung für Israel wird“, erklärte er.

Auch Siboni kritisierte die mangelnde Dynamik bei der Einrichtung einer zivilen Regierung im Gazastreifen: „Es ist ein strategisches Versagen unseres Sicherheits- und Militärsystems, das immer noch nicht bereit ist, den Stier bei den Hörnern zu packen … und eine Antwort in Form einer teilweisen vorübergehenden Militärregierung im Gazastreifen zu geben.“

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Patrick Callahan

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