Wochenlesung – הַאֲזִינוּ – Haasinu – Höret ; 5.Mose 32,1 – 52 ; 2.Samuel 22,1 – 51
Mose wählt keinen langen Vortrag, keine Rede voller Mahnungen, sondern ein Lied. Ein Lied, das nicht vergessen wird. Ein Lied, das Generationen erinnern soll, wer Gott ist: der Eine, der Einzige, der die Welt trägt, richtet und erhält.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
„Seht nun, dass ich, ich allein es bin und kein Gott neben mir ist …“. Zum zweiten Mal in seinem Leben schreibt Mose ein Lied. Das erste Mal geschah dies nach der Durchquerung des Schilfmeeres. Damals verfasste Mose das Lied am Meer, dessen Zweck es war, Gott zu loben, zu preisen und für die Wunder und Zeichen zu danken. Vierzig Jahre später schreibt Mose erneut ein Lied, doch diesmal mit einem völlig anderen Ziel. Jetzt soll das Lied den kommenden Generationen in Erinnerung rufen, wer Gott ist, wer die Welt lenkt und bestimmt.
Und warum entschied Mose, seine Worte gerade in Form eines Liedes zu beenden? Vielleicht, weil er spürte, dass er genug gesagt hatte? Vielleicht, weil er verstand, dass er nichts Neues mehr hinzufügen konnte? Vielleicht, weil er merkte, dass seine Worte nicht mehr durchdrangen und auf taube Ohren fielen? Vielleicht, weil das Volk wieder vom Weg abkommen und vergessen würde, wer sein Gott ist? Oder vielleicht, weil er seine Botschaft so beschließen wollte, wie er sie begonnen hatte, mit einem Lied?
Ein Lied ist uns näher als lange Sätze. Es ist zugänglicher und einprägsamer. Oft vermag eine einzige Liedzeile die Seele mehr zu erheben als viele Verse. Und Mose verstand das. Am Ende spricht das Lied eine zentrale Wahrheit aus, es gibt nur den einen, einzigen Gott. Es ist der allmächtige Gott! Ein Gott, der sich freuen kann, aber auch zürnt. Ein Gott, der tötet und der Leben gibt. Der straft, aber auch rettet und heilt.
„Seht nun, dass ich, ich allein es bin und kein Gott neben mir ist …“. Zweimal steht „Ich“. Damit wir verstehen und nicht vergessen, wer Gott ist. Es gibt kein „Ich“ außer ihm. Gott ist ein eifersüchtiger Gott, er will keine Rivalen. Er lehnt Götzendienst entschieden ab. Er will uns ganz, ohne Teilung. Und genau das müssen wir durch alle Generationen im Gedächtnis behalten, denn dies ist die zentrale Botschaft der gesamten Bibel.
Unser Gott ist da und gegenwärtig. Er existiert in jedem Augenblick, in allem, was war, ist und sein wird. Die Frage ist nur: Sehe ich ihn? Spüre ich ihn? Höre ich ihn? Gebe ich seiner Gegenwart Raum? Oder ersetze ich ihn durch andere „Götter“?
Nicht zufällig haben wir diese Parascha kurz vor Jom Kippur gelesen, dem Tag, an dem jeder und jede seinen persönlichen Seelen- und Glaubensspiegel vor Gott hält. Ein Tag, an dem wir prüfen: Wie lebendig, wie real und wie gegenwärtig ist Gott in meinem Leben? Wie bereit bin ich, ihm zu begegnen, ihn anzuschauen und auf seine Stimme zu hören?
Das ist der Tag, an dem wir uns fragen müssen: Welchen Gott habe ich in diesem Jahr erlebt? Den Gott des Zorns und der Strafe? Oder den Gott des Segens und der Fülle? Habe ich seine schützenden Flügel gespürt? Oder fühlte ich mich allein und verlassen? Begegnete ich ihm in der Stille oder im Sturm? Im eigenen Zuhause oder in der Ferne? In Hass oder in Liebe? In Erinnerung oder in Vergessenheit? Und wenn wir uns nur diese eine Zeile des Liedes bewahren, es genügt: „Hört zu, ihr Himmel, ich will reden, und die Erde höre die Worte meines Mundes …
Denn der Herr, dein Gott, er geht mit dir; er lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht.“ Gott ist hier, mit uns, für alle Ewigkeit. „Möge deine Einschreibung gut abgeschlossen werden“ – גמר חתימה טובה.
Schabbat Schalom.
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 17:46, Ausgang 18:56
- Tel Aviv – Beginn 18:01, Ausgang 18:58
- Haifa – Beginn 17:52, Ausgang 18:57
- Beersheva – Beginn 18:03, Ausgang 18:58
- Eilat – Beginn 17:53, Ausgang 18:58




