Wochenlesung – כִּֽי־תֵצֵ֥א– Ki Teze – Wenn du ziehst ; 5.Mose 21,10 – 25,19 ; Jesaja 54,1 – 10
Krieg ist keine Möglichkeit, Krieg ist Realität. Die Tora sagt nicht, falls du in den Krieg ziehst, sondern wenn. Der Unterschied ist gewaltig: Krieg gehört zu unserer Existenz. Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob wir kämpfen – sondern wie. Verlieren wir uns im Kampf, machen wir ihn zum Lebenszweck? Oder gelingt es uns, Mensch zu bleiben, Grenzen zu setzen und die Stimme des anderen zu hören.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
„Wenn du zum Krieg gegen deine Feinde ausziehst“. Ja so fängt es diese Woche an, nicht irgendein Auszug, sondern ein Auszug in den Krieg. Beachtet, dass nicht geschrieben steht, falls du ausziehst, sondern: „Wenn du ausziehst“. Denn es ist klar und selbstverständlich, dass wir in den Krieg ziehen. Auch wenn es uns nicht gefällt, auch wenn es schwer ist, auch wenn der Preis unerträglich hoch ist, das ist unsere Realität. Natürlich sind die hauptsächlichen und schwersten Kriege die zwischen Armeen und Völkern oder zwischen einer Armee und grausamen, brutalen Terrorgruppen.
Aber daneben gibt es noch etliche Orte, an denen wir Kämpfen begegnen. Und wenn wir ihnen nicht unsere Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit schenken, können wir sie in alltägliche Kämpfe verwandeln, sei es mit den Autofahrern auf der Straße, mit der Kassiererin im Supermarkt und der langen Schlange, mit dem mangelhaften Kundenservice, mit den verschiedensten Demonstrationen. Und wo nicht? You name it.
Manchmal haben wir keine Wahl und wir sind gezwungen, in diese Kämpfe hineinzuziehen, um uns selbst und unser Recht zu verteidigen. Aber auch hier kommt das Wort Gottes und sagt: „Es gibt Gesetze“! Auch an einem harten Ort der Gewalt, an einem Ort, wo es scheinbar keine Regeln gibt. Auch dann gibt es Regeln. Und diese Gesetze kommen, um uns zu bewahren und zu schützen. Damit unsere Seele nicht verdorben wird und nicht der Gier nach Macht verfällt.
Wenn man in den Kampf zieht, muss man wissen, dass man sich darin nicht verlieren darf, ihn nicht zum Ziel an sich machen darf und schon gar nicht ihn an die Stelle unseres wirklichen Lebens setzen darf.
In Israel gibt es seit mehreren Jahren jeden Samstagabend Demonstrationen im ganzen Land. Vor dem Krieg waren es die Demonstrationen, die lange Zeit wegen der Justizreform andauerten. Und diese Realität der Demonstrationen und der Regierung, die an ihrer Entscheidung festhielt, führte zu einer scharfen Spaltung innerhalb des Volkes, einer Spaltung, von der man sagt, dass sie einen fruchtbaren Boden für den Angriff am 7. Oktober geschaffen hat. Diese Spaltung fühlen wir in diesen schweren Tagen umso stärker. Ich möchte nicht urteilen, ob die Demonstrationen gerecht sind oder nicht. Aber sobald der Krieg begann, änderten diese Demonstrationen ihren Namen und wurden zu Demonstrationen, die mit dem Krieg, mit den Geiseln usw. verbunden sind. Auch hier möchte ich nicht urteilen und sagen, was richtig oder falsch ist.
Der Punkt, den ich betonen möchte, ist, dass die Demonstrationen zu einem Ziel an sich geworden sind und die Lebensrealität ersetzt haben. Ich kenne nicht wenige Menschen, die sich beim Abschied immer sagen: „Wir sehen uns bei der Demo.“ Das ist zu einer Art gesellschaftlichem Ereignis geworden und ich empfinde das als Fehler. Denn der Schwerpunkt des Lebens ist für viele Menschen im Volk zum Kampf geworden.
Die vielen Kriegsregeln dienen auch dazu, die Menschlichkeit der Kämpfer zu bewahren. Und es gibt eine Betonung, dass nicht jeder geeignet ist, in den Krieg zu ziehen! In der Bibel gibt es bestimmte Befreiungen in besonderen Fällen: Wer ein neues Haus gebaut hat oder einen neuen Weinberg gepflanzt hat, ist im ersten Jahr vom Kriegsdienst befreit. Wer frisch verheiratet ist, ist im ersten Jahr befreit. Und achtet auf das, wer ein weiches Herz hat und nicht kämpfen will, ist befreit, in den Krieg zu ziehen. Doch was haben diese Gesetze mit unserer heutigen Realität zu tun? Nichts!
Frisch Verheiratete werden eingezogen, und wir hören von jungen Witwen. Neue Geschäftsinhaber, deren Unternehmen gerade in der Anlaufphase sind, werden eingezogen und so viele Geschäfte sind regelrecht zertrampelt worden, Menschen sind in wirtschaftliche Not geraten. Und wer heute einen „Freibrief“ hat, das sind diejenigen, die es vorziehen, die Tora zu lernen, statt in den Krieg zu ziehen! Das steht nirgends geschrieben und ist nirgends ein Gebot! Das ist eine Erfindung dieser Generation.
Es erstaunt mich, dass gerade diejenigen, die sich die Tora in Israel aneignen und ein Monopol auf sie beanspruchen, genau diejenigen sind, die sie zynisch zum eigenen Vorteil missbrauchen und den Text zu ihren Gunsten verfälschen. Über die klaren Gesetze der Tora kann man vielleicht heute lernen, wie man Kriege vermeiden könnte, die ja nach allgemeiner Auffassung für niemanden ein idealer Zustand sind.
Aber wie bereits gesagt, in Kriegen gewinnt niemand. Vielleicht kann man, statt zu kämpfen, die Aufmerksamkeit auf Orte lenken, an denen man wachsen und gedeihen kann, auf Orte, an denen man sich mit Hoffnung beschäftigen kann und nicht mit Kampf. Orte der Liebe, der Kontinuität, des Bauens und des Schaffens.
In Europa hat man es für eine gewisse Zeit geschafft, den Kampf in Aufbau und Wachstum zu verwandeln und hoffentlich wird es so bleiben. Im Nahen Osten klingt das noch immer wie ein Hirngespinst. Nicht selten klingen die Worte Gottes nicht umsetzbar, ja unverständlich, weil Ego und Gier stärker sind. Aber mein Glaube ist, dass wir eines Tages dorthin gelangen, zu den Tagen des Friedens, die uns verheißen sind, bald in unseren Tagen.
Ein weiterer Punkt, der sehr stark mit den Kämpfen zu tun hat und der in dieser Parascha betont wird, die mehr Gebote enthält als jede andere in der Bibel, sind die Angelegenheiten zwischen Mensch und Mitmensch. Und hier legt die Bibel den Schwerpunkt auf Mitgefühl und Barmherzigkeit. Wie wichtig sind diese Eigenschaften, gerade dann, wenn man in einer Situation ist, in der einem Macht zu Kopf steigen und einen blind machen kann.
Die Tage jetzt sind die Tage des Monats Elul, Tage der Selbstprüfung und der Vergebung, zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mitmensch. Und nun kommt diese Wochenlesung und lädt uns ein, Anteilnahme und Rücksicht auf den Menschen, ja, sogar auf die Natur um uns herum zu zeigen. Sie lädt ein, den Kampf zu beenden, indem man der Stimme des anderen Aufmerksamkeit und Gehör schenkt. Wie über den Monat Elul gesagt wird: „Diese und jene sind Worte des lebendigen Gottes.“ Und das führt zu einer großen Erkenntnis: Manchmal genügt es, um einen Krieg zu vermeiden, einander zuzuhören, Respekt zu zeigen und das Gefühl der Gleichwertigkeit zu haben.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:18, Ausgang 19:35
- Tel Aviv – Beginn 18:40, Ausgang 19:37
- Haifa – Beginn 18:30, Ausgang 19:37
- Beersheva – Beginn 18:39, Ausgang 19:36
- Eilat – Beginn 18:27, Ausgang 19:33




