Wochenlesung – בְּהַֽעֲלֹֽתְךָ֙– Beha´alotecha – Wenn du anzündest ; 4.Mose 8,1 – 12,16 ; Sacharja 2,14 – 4,7
In dieser Woche konfrontiert uns die Bibel mit Moses Einsamkeit, einem Mann, der Gott von Angesicht zu Angesicht kannte, aber trotzdem an einem Punkt seines Lebens nicht mehr konnte. Seine Worte sind erschütternd: „Töte mich lieber!“ Nicht jede Einsamkeit ist Schwäche. Im Gegenteil, manchmal ist sie ein Ort, an dem man Gott besonders nah ist. Und manchmal, wenn wir schreien, wenn wir klagen, wenn wir nichts mehr haben außer unsere Worte, dann antwortet Gott. Diese Parascha lädt uns ein, unsere eigene Einsamkeit zu erkennen, sie nicht zu fürchten, sondern zu verwandeln, in Nähe, in Tiefe, in Beziehung zu Gott. Und sie wirft ein Licht auf eine andere, größere Einsamkeit: die Einsamkeit Israels unter den Völkern. Auch dort gilt: „Denn Du bist mit mir.“
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Einsamkeit ist eine nicht zu unterschätzende Plage. Man könnte meinen, sie sei ein Phänomen der modernen Gesellschaft, doch beim Lesen der Parascha sehen wir, dass auch Mose unter einer tiefen, schweren Einsamkeit litt, so sehr, dass er den Tod erbat. Die Einsamkeit von Anführern ist besonders schwer. Sie tragen Last und Verantwortung, sie müssen mit dem Volk und dessen ständigen Beschwerden umgehen, eine erdrückende Bürde. Meistens haben sie niemanden, mit dem sie ihre Gefühle oder Gedanken teilen könnten, um sich selbst zu entlasten.
In dieser Woche lesen wir, dass die Israeliten die Wunder und Zeichen, die Gott für sie beim Auszug aus Ägypten vollbracht hatte, sehr schnell vergaßen. Sie vergaßen, dass sie Sklaven gewesen waren, dass man sie geschunden und geschlagen hatte, dass ihre Kinder ermordet und sie selbst körperlich und seelisch gefoltert worden waren. Die Schwierigkeiten der Wüste ließen sie darüber hinaus Ägypten mit einer Art Sehnsucht, ja fast mit Nostalgie betrachten. Plötzlich erinnerten sie sich an das Fleisch, das sie dort „umsonst“ gegessen hatten, an den „kostenlosen“ Fisch, an Gurken, Wassermelonen, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Als hätten die Israeliten in Ägypten wie in einem Gourmet-Restaurant gelebt.
Und jetzt? Die armen Leute essen nur Manna. Was für eine Enttäuschung, ein freier Mensch zu sein – und so langweiliges Essen zu sich nehmen zu müssen. Da wäre es doch viel besser, den Bauch zu füllen und ein Sklave zu sein! Also beschweren sie sich lautstark. Und ein Feuer verzehrt die Ränder des Lagers. Mose betet und das Feuer versiegt. Ihr Verhalten ist – milde gesagt – empörend. Es bringt Mose an seine Grenzen, treibt ihn zur Verzweiflung und lässt ihn den Wunsch verspüren, zurückzutreten, ja sogar zu sterben.
Als Mose schließlich nicht mehr kann, schreit er zu Gott: „Warum hast du deinem Knecht so übel mitgespielt? Warum habe ich keine Gunst in deinen Augen gefunden, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich gelegt hast?“ Und er fährt fort: „Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, es ist zu schwer für mich! Und wenn du so mit mir verfährst, dann töte mich lieber, wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe – damit ich mein Elend nicht länger sehen muss!“ Dies ist der tiefste Punkt in Moses Laufbahn. Das Leiden ist groß, die Enttäuschung über das Volk tief und die Einsamkeit beim Tragen der Last unerträglich, so sehr, dass er lieber sterben möchte. Für ihn scheint der Tod der einzige Ausweg zu sein.
Mose wird zum einsamen Mann des Glaubens. Die Einsamkeit von Führern ist ein bekanntes biblisches Motiv, Elia fühlte sie, ebenso wie Jeremia, Jona, David, der in den Psalmen oft darüber schrieb und natürlich Jeschua (Jesus).
Gott erhörte Moses Hilferuf, wie er auch die Hilferufe anderer Anführer erhörte, aber er nahm ihnen die Last nicht ab. Gott tat etwas anderes. Er ließ sie erkennen, dass sie nicht allein waren. Er erleichterte ihnen nicht die Aufgabe, aber er milderte das Leiden unter der Einsamkeit. Moses tiefe Einsamkeit führte ihn in eine einzigartige Nähe zu Gott. Gott selbst trat für ihn ein und schützte ihn. Moses Einsamkeit verband ihn mit Gott, und diese Einheit half ihm, die tiefe Spiritualität im Alleinsein zu erkennen.
Diese Nähe, diese geistige Tiefe ließ ihn zu neuen Höhen aufsteigen. Dort, in diesen geistigen Höhen, spürte er Gott auf eine Weise, wie es nirgendwo sonst möglich war, dort fühlte er, wie Gott ihn liebevoll an sich drückte. Das nahm ihm zwar nicht die täglichen Schwierigkeiten, es löschte nicht das Gefühl der Einsamkeit aus, aber es ließ ihn erkennen, dass darin ein größerer Sinn lag, eine Einheit mit Gott. Auch uns kann dieses Wissen in Momenten schwerer Einsamkeit trösten, wenn wir in unserem Schmerz zu Gott schreien, dann wird er uns seine heilende und tröstende Hand reichen – und das kann uns tiefen Trost spenden.
Wenn wir es schaffen, unser Leben jenseits der Einsamkeit zu sehen, wenn wir uns nicht länger als Opfer begreifen, dann können wir in der Einsamkeit auch spirituelle Möglichkeiten entdecken – und Größe des Glaubens. Allein durch die Gewissheit: „Denn Du bist mit mir.“ Ich kann diesen Gedanken auch auf mein eigenes Leben übertragen und gestehen, dass diese Deutung aus der Tiefe meiner eigenen Einsamkeit kommt, die auch ich manchmal erlebe. Das Wissen, dass in diesem Zustand Wachstum und Erweiterung möglich sind, ermutigt mich sehr – und hilft mir, von einem Ort der Sorge und Traurigkeit zu einem Ort der Hoffnung und Weite zu gelangen.
Und ich möchte noch einen Schritt weitergehen und darüber nachdenken, wie man durch diese Perspektive auch die Einsamkeit des jüdischen Volkes und des Staates Israel in der Welt verstehen kann, heute wie in der Vergangenheit. Diese Einsamkeit spiegelt jene Gleichung wider, gerade durch die bittere Einsamkeit, durch Leid und Trauer, sucht das Volk Israel immer wieder die Nähe Gottes. Und dadurch vertieft sich Geist und Glaube.
Diese Tatsache führt zu innerem Wachstum und hilft, die Einsamkeit zu lindern – denn das Volk erkennt: Gott und Israel gehen immer gemeinsam. Dann wird die Einsamkeit erträglich. Damals wie heute hat diese Erkenntnis Mose und dem Volk Israel geholfen, den Weg weiterzugehen.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 19:06, Ausgang 20:27
- Tel Aviv – Beginn 19:28, Ausgang 20:30
- Haifa – Beginn 19:19, Ausgang 20:32
- Beersheva – Beginn 19:26, Ausgang 20:27
- Eilat – Beginn 19:11, Ausgang 20:23
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.





Danke für diese wertvollen tröstenden Worte und Gedanken.
Ja, „wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein?“ (Römer 8,31)
Ich wünsche allen Gottes Segen und viel Kraft, Mut und Stärke in diesen nicht ganz so leichten Zeiten durchzuhalten bis der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.
Der Herr kommt bald.