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Gedanken zum Schabbat

Von einem Aufbauzelt in der Wüste, einem Tempel in Jerusalem bis hin zu Synagogen überall auf dieser Erde. Darüber geht es diesmal in unserer Wochenlesung.

Stiftszelt

Wochenlesung –  תְּרוּמָ֑ה – Teruma – Hebe/Abgabe ; 2.Mose 25,1 – 27,19 ; Könige 5,26 – 6,13

Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.   


 

Teruma beschreibt die Anweisungen für den Bau des Mischkans (Stiftszelt), des ersten kollektiven Hauses der Gottesverehrung in der Geschichte Israels. Es war das erste, aber nicht das letzte. Nach dem Mischkan (משכן) wurde in Jerusalem der Tempel errichtet.

Ich möchte mich dieses Mal auf einen bestimmten Moment in der Geschichte des jüdischen Volkes konzentrieren – einen Moment, der den Glauben in ihrem Tiefpunkt des Verfalls und in ihrem höchsten Aufstieg symbolisiert, den Moment der Zerstörung des Tempels. Es ist schwer, das ganze Ausmaß der Krise zu begreifen, die die Zerstörung des Ersten Tempels über das jüdische Volk brachte. Die gesamte jüdische Existenz beruhte auf einer Beziehung zu Gott, deren zentrales Symbol der ständige Tempeldienst war. Als Jerusalem 586 v. Chr. von den Babyloniern zerstört wurde, verloren die Juden nicht nur ihr Land und ihre Unabhängigkeit – mit der Zerstörung des Tempels verloren sie auch die Hoffnung selbst.

Die drängendste Frage war: Wie sollte man sich nun an Gott wenden, wenn der Ort seiner Verehrung in Trümmern lag? Die tiefe Verzweiflung der Juden in dieser Zeit wird in einem der bekanntesten Psalmen beschrieben: „An den Strömen Babylons, da saßen wir und weinten, als wir Zions gedachten …Wie könnten wir das Lied des Ewigen auf fremdem Boden singen“? (Psalm 137) Und doch – gerade aus dieser Zerstörung erwuchs eine innovative Lösung. Der Tempel stand nicht mehr, aber seine Erinnerung blieb erhalten – und diese Erinnerung war stark genug, um das jüdische Volk weiterhin miteinander und mit Gott zu verbinden. In Babylon, im Exil, begannen Juden sich zu versammeln, um in der Tora zu lernen, eine gemeinsame Hoffnung auf Rückkehr zu entwickeln und sich an den Tempel und seine Rituale zu erinnern.

Der Prophet Hesekiel war einer der Visionäre dieser Rückkehr und des Wiederaufbaus. Ihm verdanken wir die erste indirekte Erwähnung einer neuen, revolutionären Institution, die später als Synagoge bekannt wurde: „Darum sollst du zu ihnen sagen: So spricht Gott, der HERR: Ich habe sie wohl fern unter die Nationen getan und in die Länder zerstreut; aber ich bin ihnen doch ein wenig zum Heiligtum geworden in den Ländern, dahin sie gekommen sind“. (Hesekiel 11,16)

Der große Tempel war zerstört worden, doch ein kleines Heiligtum – eine Miniatur davon – blieb, die Synagoge. Ein kleines Gebetshaus, aber viele, verstreut in der Welt. Die Synagoge ist eine der beeindruckendsten Errungenschaften der jüdischen Geschichte. Sie wurde nicht durch einen göttlichen Befehl, sondern durch das Bedürfnis des Volkes nach Gottesdienst erschaffen. Die Bibel erwähnt keine Synagogen, noch gibt es eine explizite Mizwa (Gebot), Gebetshäuser zu errichten.

In der Bibel bedeutet „Haus Gottes“ immer entweder das Stiftszelt (Mischkan) oder der Tempel – das zentrale Heiligtum für das gesamte Volk. Und doch bewirkte die Schaffung der Synagoge eine gewaltige Transformation im jüdischen religiösen Leben. Durch die Synagoge revolutionierte das Judentum das Konzept der Gottesverehrung. Die Synagoge und die jüdische Gemeinde im Exil verlagerten den Fokus der Gottesverehrung vom Tempel als heiligem Ort hin zur Versammlung der Gläubigen – der Gemeinschaft. Die Synagoge wurde zu einer Art „Jerusalem im Exil“, zum Zuhause des jüdischen Herzens – die lebendigste Verkörperung des Monotheismus, der lehrt, dass Gott überall ist.

Woher kam dieser revolutionäre Gedanke? Er entsprang nicht dem Tempel, sondern einer früheren Institution – dem Mischkan, dem Stiftszelt, das in unserer Wochenlesung beschrieben wird. Die Mobilität des Stiftszelt war sein zentrales Merkmal. Es bestand aus Zeltbahnen und Holzrahmen, die leicht abgebaut und transportiert werden konnten. Die Leviten trugen es auf all ihren Wanderungen durch die Wüste. Das Stiftszelt, ein provisorischer Bau, erwies sich als dauerhaft. Der Tempel, der als ewig gedacht war, erwies sich als vergänglich.

Doch noch entscheidender als der physische Bau des Mischkans war sein geistliches Konzept. Die Vorstellung, dass der Mensch einen Wohnort für Gott auf Erden errichten kann, scheint eine logische Unmöglichkeit. Doch die Antwort auf dieses Paradox steckt bereits im zentralen Vers der Parascha: „Und sie sollen mir ein Heiligtum bauen, damit ich in ihnen wohne“. Grammatikalisch müsste hier eigentlich stehen: „damit ich darin wohne“, also im Heiligtum. Doch stattdessen heißt es: „damit ich in ihnen wohne“ – im Herzen der Menschen. Die göttliche Gegenwart ist überall. Aber wir können entscheiden, wo wir sie spüren. Wir erfahren sie am stärksten dort, wo wir unser Ego beiseiteschieben und uns vollständig auf unsere Verbindung zu Gott konzentrieren. Genau das war der Sinn des Stiftszelt.

Und wenn die zentrale Lehre des Mischkans ist, dass Gott im Herzen der Menschen wohnt, dann ist sein physischer Standort irrelevant. Diese Idee öffnete 700 Jahre später die Tür für die Entstehung der Synagoge, dem ultimativen Ausdruck des Glaubens, dass Gott überall ist und wir ihn überall anrufen können. Es ist bewegend zu erkennen, dass das zerbrechliche Zelt, das in unserer Parascha beschrieben wird, die Inspiration für jene Institution war, die das jüdische Volk 2000 Jahre lang im Exil am Leben hielt. Was für einen Gott haben wir!

 

Schabbat Schalom!

 

Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :

  •  Jerusalem – Beginn 16:56, Ausgang 18:12
  •  Tel Aviv – Beginn 17:18, Ausgang 18:14
  •  Haifa – Beginn 17:06, Ausgang 18:13
  •  Beersheva – Beginn 17:18, Ausgang 18:14
  •  Eilat – Beginn 17:09, Ausgang 18:16

 

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Patrick Callahan

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