Ein neuer Kardinal in Jerusalem  

„Jerusalem ist das Herz des Lebens in der Welt. Von diesem Herzen aus sollten wir also das Leben aus der ganzen Welt empfangen.“

von Aviel Schneider | | Themen: Christen
Mitglieder des Klerus und der örtlichen katholischen Gemeinde nehmen an einer Messe für den verstorbenen emeritierten Papst Benedikt XVI. unter der Leitung des lateinischen Patriarchen Pierbattista Pizzaballa in der Grabeskirche in der Altstadt von Jerusalem am 10. Januar 2023 teil. Foto: Olivier Fitoussi/Flash90

Papst Franziskus hat vergangene Woche in Rom den lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa (58), im Rahmen einer religiösen Zeremonie auf dem Petersplatz in der Vatikanstadt zum Kardinal erhoben.

„Ich war von der Ernennung durch Papst Franziskus überrascht, aber noch überraschender war die begeisterte Reaktion der gesamten Gemeinschaft“, sagte der neue Kardinal Pizzaballa in einem Interview mit Vatikan News. „Meine Ernennung zum Kardinal hat die Stimme Jerusalems innerhalb der Kirche und auf der internationalen Bühne erhoben.“


Laut Pizzaballa ist Jerusalem das Herz des Lebens in der Welt. „Von diesem Herzen aus sollten wir also das Leben aus der ganzen Welt empfangen. Aber auch dieses Herz, Jerusalem, möchte die Perspektive und die Sehnsucht des Lebens aus Jerusalem in die ganze Welt tragen.“ Das sind schöne Worte, die immer wieder guttun und Hoffnung geben, aber in der Praxis oft als leere Worte enden.

Im koscheren Weinkeller im katholischen Kloster Deir Rafat nahe der israelischen Stadt Bet Shemesh funktionieren diese Worte eher. Im Juli war Pizzaballa dort zu Gast. Foto: Aviel Schneider

Die Frage ist, warum die lieblichen Worte des neuen Kardinals nicht umsetzbar zu sein scheinen? Wegen Israel. In einem Interview mit AP sagte Pizzaballa bereits im April, dass die 2000 Jahre alte christliche Gemeinschaft in der Region zunehmend angegriffen werde. „Weil die rechtslastigste Regierung in Israels Geschichte Extremisten ermutigt, Geistliche zu belästigten und religiöses Eigentum in immer schnellerem Tempo im Heiligen Land zu zerstören“, so der italienische Kardinal in Jerusalem.

Was in den israelischen Meldungen nicht zur Sprache kam, war die Teilnahme von Mitgliedern der PLO an der Zeremonie im Vatikan. Deren Anwesenheit wurde von der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa natürlich groß hochgespielt. Einige Teilnehmer der Zeremonie trugen die palästinensische Flagge und betonten, wie wichtig die Ernennung des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem zum Kardinal ist, um die Stimme der Heiligen Stadt in der ganzen Welt zu erheben und auf das Leiden des palästinensischen Volkes aufgrund der israelischen Besatzung hinzuweisen. „Es muss hervorgehoben werden, wie Israel gegen die islamischen und christlichen heiligen Stätten und den Klerus verstößt, sowie gegen das palästinensische Volk angesichts der Trennmauer, der rassistischen Mauer und der militärischen Sperren, die die Stadt umgeben, wie das Recht auf freien Zugang zu den Heiligen Stätten in Jerusalem verwehrt wird“.

Das katholische Kloster von Deir Rafat. Foto: Aviel Schneider

Im Juli berichtete das Domradio, dass die Kardinalsernennung für den Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa ein „Zeichen der Liebe zum Heiligen Land“ sei. „Im Heiligen Land sieht der Papst das Herz des Problems des Nahost-Konflikts“, sagte der italienische Ordensmann im Juli am Rande eines christlichen Jugendfests im katholischen Kloster von Deir Rafat, gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur KNA.

Jetzt verrate ich Euch etwas. Dieses Kloster besitzt eine der besten Weinkellereien in den judäischen Bergen. Obwohl die Weinkellerei Mony dem Kloster gehört, ist dieser Wein ein koscherer Wein. Das heißt, orthodoxe Juden trinken und lieben den Klosterwein, und weil die Weinkellerei palästinensischen Christen gehört, dürfen diese ihren koscheren Weinkeller auch am heiligen Schabbat öffnen. Ein genialer Trick oder Twist, aber er bringt Christen und Juden zusammen, und warm, wegen des Weines. Mony hat köstliche Rotweine aus der biblischen Gegend von Samson und Delilah, und aus diesem Grund tragen zwei noble Rotweine diese Namen. Ihr müsst einfach mal am Wochenende in Deir Rafat vorbeikommen und mit eigenen Augen sehen, wie viele Menschen den Klosterwein der palästinensischen Christen genießen. Wir sind oft in Deir Rafat und genießen mit Freunden den herrlichen Weingarten mit Ausblick auf die grünen Täler und Weinberge.

Foto: Aviel Schneider

Die christliche Weinkellerei leidet nicht unter den jüdischen Extremisten, so wie es die Kirchenoberhäupter immer wieder behaupten. Im Gegenteil, am Freitag sind die Weingärten bis zum Schabbateingang voll besetzt mit religiösen und orthodoxen Juden. Diese schwärmen von dem Klosterwein. Am Schabbat sind alle Tische mit säkularen Juden bis auf den letzten Platz besetzt. Die wahren Feinde der arabischen Christen sind nicht die Juden, so wie es oft von den palästinensischen Kirchen dargestellt wird, sondern der Islam im Nahen Osten.

Aber den Islam wagen sich die Kirchenführer weniger zu kritisieren, und das brauche ich nicht zu erklären. Um die christlichen Gläubigen in einer islamischen Region zu bewahren, wie in den Palästinensergebieten und Jordanien, muss sich jeder Patriarch, Kardinal und andere Kirchenführer vorsehen. Ich kenne keinen Kirchenführer, der jemals die PLO oder Palästinenserführung öffentlich und direkt kritisiert hat. Das kann doch nicht sein, dass die palästinensischen Christen von ihren moslemischen Geschwistern nur umarmt werden.

Dieser Gebetsgarten legit oberhalb der Weinkellerei. Foto: Hadas Parush/Flash90

Der Anteil der Christen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung in den Palästinensergebieten Judäa und Samaria, einschließlich in Jerusalem und im Gazastreifen beträgt zwischen 1 und 2 Prozent, nicht mehr. Das sind ungefähr 50.000 Menschen, im Gazastreifen leben heute nur noch knapp 1000 Christen. Die überwiegende Mehrheit palästinensischer Christen lebt derzeit in Bethlehem und Umgebung, einige wenige in Ramallah, in Taybeh und bei Nablus. Etwa 50 Prozent der palästinensischen Christen gehören der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Jerusalem an, einer der 15 Kirchen der Ostorthodoxie. Während der Staatsgründung Israels 1948 betrug der Anteil der palästinensischen Christen gemäß Umfragen und Schätzungen zwischen 8 und 11 Prozent an der palästinensischen Gesamtbevölkerung.

Viele von ihnen verließen das biblische Kernland Judäa und Samaria und wanderten in lateinamerikanische Länder aus, andere entschieden sich für die Einwanderung in die USA und nach Kanada. Israels Zentralamt für Statistik veröffentlichte Ende 2022 statistische Daten über die christliche Bevölkerung in Israel, 185.000 Christen an der Zahl, was 1,9 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung ausmacht. Die Statistik zeigt, dass sich 76 Prozent der Christen in Israel als Palästinenser bezeichnen. In den vergangenen Jahren haben wir oft über die Auswanderung der palästinensischen Christen und Bethlehem geschrieben und etliche Christen zitiert, die sich wieder eine israelische Herrschaft in Bethlehem herbeisehnen.

Dennoch wünschen wir dem neuen Kardinal Pierbattista Pizzaballa Weisheit, Mut und Liebe, wirklich das richtige für seine christliche Gemeinden in Zion zu tun. Das ist nicht leicht, aber er ist der Ausgewählte, vielleicht sollte er mehr von der einmaligen Weinkellerei Mony im katholischen Kloster lernen. Mit einem Glas Wein funktioniert wahrscheinliches vieles besser.

Foto: Aviel Schneider

 


Der neue Kardinal Pierbattista Pizzaballa. EPA-EFE/GIUSEPPE LAMI

Pizzaballa wurde am 21. April 1965 in Bergamo, Italien, geboren. Er trat 1984 in den Orden der Minderbrüder ein und wurde am 15. September 1990 in der Kathedralkirche von Bologna zum Priester geweiht, bevor er im Oktober desselben Jahres nach Jerusalem zog. Nach seinen philosophischen und theologischen Studien erwarb er einen Abschluss in Biblischer Theologie am Franziskanischen Bibelinstitut in Jerusalem. Juli 1999 trat er formell in den Dienst der Kustodie des Heiligen Landes ein und diente auch als Patriarchalvikar im Lateinischen Patriarchat von Jerusalem. Im Mai 2004 wurde er zum ersten Mal für eine Amtszeit von sechs Jahren zum Kustos des Heiligen Landes gewählt.

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3 Antworten zu “Ein neuer Kardinal in Jerusalem  ”

  1. j-glaesser sagt:

    Froh und dankbar darf man sein, wenn man mit solchen Personen und Vereinen nichts zu tun haben muß.
    Leider muß der Staat Israel aber damit leben.

  2. spenglersilvia sagt:

    Weltlich gesehen kann es schon sein, dass der Kardinal evtl. Gutes bewirkt.
    Aber nur für kurze oder lange Momente.
    Wer hat ihn eingesetzt?
    Der Hirte der Juden und die sich ihnen anschließen, ist Jeshua/Jesus.
    Wenn ER kommt, wird alle Welt erfahren, dass ER der König der Juden und der Welt ist, und wenn Palästinenser sich auch IHM anschließen, dann werden sie auch dabei sein, aber auch nur durch Herzensbeschneidung wie auch wir Christen.
    Auch alle Kardinäle der Weltgeschichte erfahren dann entweder Heil oder auch nicht. Vor dieser Prüfung stehen wir alle gleichermaßen.
    Kann einer dieser „Herren“ von den Toten auferwecken und das Neue Jerusalem Regieren?

  3. Willi Weglehner sagt:

    Der Wein erfreue des Menschen Herz!

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