Der Rabbi und die neue Weltordnung

Weder Juden noch Christen sind davor gefeit, falschen Propheten auf den Leim zu gehen

In den letzten Wochen wurde mir mehrmals ein Video zugeschickt, in dem Rabbi Amnon Itzchak über die Neue Weltordnung und Agenda 21 spricht. In den viereinhalb Minuten deckt der 67-jährige Rabbiner den Plan zur neuen Weltordnung anhand eines ihm vorliegenden Dokuments auf. Er warnt die Welt, was bis 2031 auf uns zukomme. „Ihr werdet nicht glauben, was ihr jetzt hören werdet“, offenbart Rabbi Itzchak mit dramatischer Stimme und theatralischem Blick in die Kamera. „Macht euch bereit. Holt tief Luft und atmet ein. Seid nicht verzweifelt, denn letztendlich gibt es einen Gott im Himmel und dieser hält die Zügel in der Hand.“ Als ich mir die viereinhalb Minuten zum ersten Mal angeschaut habe, bekam auch ich es mit der Angst zu tun. Wir können der Welt Goodbye sagen. Amnons Warnung kursiert derzeit weltweit mit deutschen und englischen Untertiteln in den sozialen Netzwerken. Ich wurde gefragt, was ich davon halte, wer dieser Rabbiner Amnon Itzchak eigentlich sei?

Schon seit Jahren verfolge ich Rabbi Itzchaks Auftritte. Berühmt geworden ist er für seine Bemühungen im Land wie auch im Ausland, Juden wieder zu ihrem Glauben hinzuführen. Besonders in den 90er Jahren füllte er in dieser Rolle ganze Stadien. Auf Hebräisch nennt man diese Rückkehr- oder Umkehrbewegung zu Gott Tschuva. 1986 gründete er im Alter von 33 Jahren die Schofar Gesellschaft. Er war der erste Rabbiner, der die neue Technologie und das Internet für seinen Zweck ausnutzte. Zuerst verbreitete er seine Predigten mit Videos, danach mit DVDs und nun via YouTube. Anfänglich warnte er seine jüdischen Zuhörer, dass jemand, der die biblischen Gebote nicht halte, dafür mit der Hölle bestraft werde. Er setzte sich mit der Wissenschaft und der Evolutionsidee auseinander und illustrierte seinen Zuhörern, dass die Bibel Recht hat. Im Jahr 2011 zerschmetterte er mit seinen Anhängern 1000 Fernsehgeräte vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens in Jerusalem.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere versuchte er im Jahr 2012, mit seiner neu gegründeten Partei in Israels 19. Knesset gewählt zu werden. Er sagte sich und seiner Partei dabei einen großen Wahlsieg voraus. Seine Wahlversprechen an Israels Bürger lauteten unter anderem, dass der Brotpreis auf einen Schekel herabgesenkt werde (ca. 25 Cent), es wichtige Medikamente umsonst geben solle, dazu Grundstücke für junge Ehepaare, keine Mehrwertsteuern, ein höheres Geschwindigkeitslimit von 140 Stundenkilometern und niedrigere Benzinpreise. Dies verärgerte seine Konkurrenten, die sephardische Schass-Partei, was zu einem Streit innerhalb der sephardischen Orthodoxie führte. Letztendlich war seine Partei ein Fiasko, was sich maßgeblich auf seine Karriere auswirkte.

In den darauffolgenden Jahren verschwand er völlig aus dem politischen und religiösen Umfeld. Er hatte sich mit den führenden Rabbinern im Land angelegt und damit ihren Segen für seine populäre Umkehr-Bewegung verloren. Im Sommer 2010 sah Rabbi Itzchak für den kommenden Monat einen blutigen Krieg im Land voraus (Quelle: Kikar). Nichts geschah. Im Jahr 2014 prophezeite er Gog und Magog und warnte, dass nur wenige Juden diesen Weltkrieg überleben werden. Im Oktober 2018 prophezeite der Rabbi, dass in der Endzeit, also in dieser Generation, 95 Prozent aller Rabbiner ein gemischtes Volk (ערב רב) sein werden. Hierbei nutzte er einen biblischen Begriff aus der Zeit des Auszuges der Kinder Israel aus Ägypten, mit dem er die Mehrheit der heutigen Rabbiner als eine Art falsche Rabbiner klassifizierte, die aus anderen Völkern stammen. Ende 2019 veröffentlichte er bereits Videos über die Pandemiegefahr und Corona. Für den Virus macht er Bill Gates verantwortlich, der damit gemäß Agenda 21 die Weltbevölkerung dezimieren will. „Bill will mit der Impfung gegen Corona einen Milliardenumsatz machen“, unterstrich Rabbi Itzchak. Daher lehnt der Rabbi jegliche Impfstoffe ab, denn diese seien Teil der Verschwörung, in deren Rahmen Bio-Mikrochips in menschliche Körper injiziert werden sollen, als Teil einer neuen Weltordnung und einer Verschwörung der Freimaurer. Darüber hat er auch in anderen Videos auf YouTube geredet, die teilweise schon gelöscht worden sind.

Rabbiner Amnon Itzchak erscheint zu einem Vortrag in der Stadt Tiberias im Norden des Landes am 3. März 2019

Zualledem zog Rabbi Itzchak im Land großen Unmut auf sich, als er Hitler und Herzl miteinander verglich: „Zwei große Verbrecher hat es in der Geschichte des jüdischen Volkes gegeben, Adolf Hitler und Theodor Herzl. Hitler wollte den Körper des jüdischen Volkes zerstören. Herzl wollte die Seele töten, was viel schlimmer ist.“

Egal wie man es sehen will, Fakt ist, dass der Rabbi über die Jahre hinweg sein Publikum verloren hat und nun immer wieder versucht, neue Schlagzeilen zu machen. Die Frage ist, ob es allein die Enttäuschung der Menschen war, die zur Abkehr von Rabbi Amnon führte. Spielte hier auch ein religiöser Aspekt eine Rolle? Immerhin nehmen die Juden die Thora beim Wort und dort steht ganz klar und deutlich, was man von Leuten halten soll, die falsche Botschaften und Prophetien verbreiten. „Wenn der Prophet im Namen des HERRN redet, und jenes Wort geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist es ein Wort, das der HERR nicht geredet hat, der Prophet hat aus Vermessenheit geredet, du sollst dich vor ihm nicht fürchten!“ (5.Mose 18,22). Und in Vers 21 wird ganz klar gesagt, dass man einen falschen Propheten eben danach beurteilen sollte. Einmal falsch die Zukunft vorhergesagt reicht da völlig aus. So sehr hasst Gott die falschen Propheten, dass er seinem Volk damals sogar die Anweisung gab (Vers 20), jene müssten sterben.

Da Gott derselbe gestern, heute und in alle Ewigkeiten ist, können Christen ebenfalls davon ausgehen, dass Ihm auch heute noch falsche Propheten ein Gräuel sind. Sicherlich wird die Todesstrafe heute nicht mehr angewandt, da sich die Gesetze geändert haben und wir in anderen Zeiten leben. Doch wir können uns auch heute noch anhand der Bibel an bestimmten Fragen und Antworten orientieren. Was hält Gott den Schriften zufolge von falschen Propheten? Er hält sie für vermessen! Und nun lassen sich viele Christen heute von allerlei vorgeblichen Propheten beeindrucken, die angeblich von Gott gehört haben wollen und deren Vorhersagen zum Großteil nie eintreffen? Das wird dann entweder schnell vergessen oder mit einem Schulterzucken bedacht. Warum eigentlich? Warum lassen sich so viele Menschen so leicht verführen? Warum wird heute nicht mehr geprüft, so wie damals die Beröer in Mazedonien, die sogar Paulus und dessen Lehre unter die Lupe nahmen und anhand der Thora sehen wollten, ob es sich auch so verhielte?

Weder Juden noch Christen sind davor gefeit, falschen Propheten auf den Leim zu gehen. Wichtig ist, sich am Wort Gottes zu orientieren und alles und jeden zu prüfen. Alle Jahre wieder nominieren christliche Prediger einen neuen Antichristen – so war bereits Obama der Antichrist, aber auch Putin, Breschnew, Sadat, Kissinger, Khomeini und diverse Päpste. Wie oft wurden Weltuntergänge prophezeit? Wie oft wurde das Kommen des Messias vorhergesagt. Während der Jahrtausendwende Y2K haben amerikanische Prediger Jesus auf dem Ölberg erwartet. Auch sollte Gog und Magog in den letzten drei Jahrzehnten längst hinter uns sein. Und wenn sich die vorausgesagten Dinge nicht erfüllen, dann werden zumindest bei christlichen Predigern deren falsche Prophezeiungen sehr schnell vergessen. In der jüdischen Welt ist man mit den Prophezeiungen dagegen sehr vorsichtig. Es stimmt, auch Rabbiner streiten sich ab und zu untereinander und verurteilen einander als falschen Propheten. Aber die Prophetie steht nicht im Mittelpunkt des jüdischen Glaubens, so wie es in christlichen Kreisen im Westen oft ist. Prophetie darf kein Spiel und privates Werkzeug werden. Gott geht schöpferisch mit seinen Verheißungen um. Er erfüllt sie wohl, aber anders als oft gedacht. Oder zu einem anderen Zeitpunkt als erhofft. Nicht umsonst hat Gott uns einen Verstand gegeben, mit dem kritisches Denken erst möglich wird.

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