Wochenlesung – חֻקַּ֣ת – Chukkat – Satzung ; 4.Mose 19,1 – 22,1 ; Richter 11,1 – 34
Die Episode von „Mei Meriva“, dem „Wasser des Haders“, gehört zu den rätselhaftesten und bewegendsten Momenten der Bibel. Auf den ersten Blick geht es um den Zorn eines Anführers, der seinem Volk kein weiteres Murren mehr verzeiht. Doch unter der Oberfläche verbirgt sich eine menschlichere, tiefere Geschichte, die stille Erschütterung eines Mannes, der trauert. Mose verliert nicht nur die Fassung, er verliert seine Schwester. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel zu seinem Versagen. Denn manchmal ist es nicht die Krise selbst, die uns zu Fall bringt, sondern das Loch, das der Tod eines geliebten Menschen in unserem Herzen aufreißt.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
„Wasser des Haders“ – oder: Was mit einem Menschen geschieht, der trauert. Ich nehme an, dass die Episode von Mei Meriva („Wasser des Haders“) viele von uns vor allem deshalb beschäftigt, weil die Strafe für Mose so hart erscheint, wegen dieser Episode darf Mose nicht das Gelobte Land betreten. Doch worum geht es eigentlich in dieser Geschichte?
Das Volk beschwert sich: Es gibt kein Wasser. Das ist nicht neu – dieses Volk beklagt sich ständig, und das ist auch nicht das erste Mal, dass es sich über Wassermangel beschwert. Es ist eine bekannte, fast schon routinemäßige Klage, wie sie in der Wüste eben vorkommt. Und eigentlich sollte Mose wissen, wie er mit so etwas umgeht. Er hat schon Schlimmeres erlebt. Doch diesmal – bei Mei Meriva – explodiert Mose vor Zorn: „Hört doch, ihr Widerspenstigen! Können wir euch etwa Wasser aus diesem Felsen hervorbringen?“ Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen zweimal mit seinem Stab… Was hat Mose derart aus der Fassung gebracht? Warum verliert er hier – anders als früher – plötzlich die Kontrolle? Und warum gerade jetzt?
Wir kennen zwei frühere Situationen, in denen Wasser fehlte und Mose sie gemeistert hat. Die erste war in Mara (2. Mose 15), kurz nach dem Schilfmeerwunder. Das Volk findet Wasser, doch es ist bitter. Mose betet, Gott zeigt ihm ein Stück Holz, das das Wasser süß macht. Problem gelöst. Die zweite war in Refidim (2. Mose 17), diesmal gibt es gar kein Wasser. Das Volk streitet mit Mose, er ruft zu Gott: „Was soll ich mit diesem Volk tun? Gleich steinigen sie mich!“ Gott befiehlt ihm, mit dem Stab auf den Felsen zu schlagen, Mose gehorcht, Wasser fließt. Auch dort war die Lage dramatisch, doch nichts im Vergleich zur explosiven Spannung in unserer Wochenlesung. Hinzu kommt, Mose ist inzwischen fast 40 Jahre älter und wesentlich erfahrener. Warum verliert er gerade jetzt, nach all den Jahren der Führung, die Nerven?
Ein sehr feiner Hinweis findet sich gleich zu Beginn des Kapitels, einer, den man leicht überliest: „Und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Zin im ersten Monat, und das Volk lagerte in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben. Und es gab kein Wasser für die Gemeinde…“ Viele Ausleger weisen darauf hin, dass mit dem Tod Mirjams die Wasserquelle, die das Volk bis dahin begleitete, versiegt ist, eine wundersame Quelle, die laut Überlieferung aufgrund von Mirjams Verdienst sprudelte.
Doch vielleicht liegt der tiefere Zusammenhang nicht nur im Versiegen des Wassers, sondern im Verlust selbst? Mose verliert die Beherrschung, weil seine Schwester gestorben ist. Er trauert. Es ist schwer, Vater oder Mutter zu verlieren, aber in mancher Hinsicht ist der Tod von Geschwistern noch schmerzhafter. Brüder und Schwestern sind Menschen derselben Generation. Stirbt einer von ihnen, so wird uns unsere eigene Sterblichkeit unausweichlich bewusst. Und Mirjam war für Mose weit mehr als nur eine Schwester.
Sie war es, die ihn als Baby in seinem Körbchen am Nil bewachte. Sie sprach mutig mit der Tochter des Pharao und sorgte dafür, dass ihre Mutter das Kind weiter stillen konnte, so wuchs Mose trotz seiner Zeit am Hof doch in seiner Herkunftsfamilie auf. Später, nach Jahren der Trennung, begleitete Mirjam Mose durch seine ganze öffentliche Mission. Sie führte die Frauen nach dem Schilfmeerwunder im Tanz, war Teil des Führungstrios Mose, Aaron und Mirjam. Geschwister.
Nur ein einziges Mal tritt sie in einem negativen Licht auf, als sie Mose wegen seiner Frau kritisiert und dafür mit Aussatz bestraft wird (4. Mose 12). Aber auch da zeigt sich, wie sehr das Volk sie liebt. Moses Wutausbruch bei Mei Meriva hat also nicht nur mit dem Protest des Volkes zu tun, damit war er längst vertraut. Er bricht zusammen, weil ihn die Trauer überwältigt, über den Tod der Frau, die sein ganzes Leben lang seine Stütze war. Das Volk hat vielleicht nur sein Wasser verloren, das bald wiederkam, aber Mose hat seine Schwester verloren. Die, die ihn als Kind beschützte, ihn groß werden ließ, ihn trug und stützte, als Mensch, Bruder und als Anführer.
Trauer macht uns verletzlich, sensibel, und sehr empfindlich. In den Tiefen von Schmerz und Verlust verlieren wir manchmal die Kontrolle, handeln überstürzt, treffen Fehlentscheidungen. Dafür gibt es im Hebräischen das Sprichwort: „Beurteile niemanden in seiner Stunde des Kummers.“ Gerade jetzt, in Kriegszeiten, begegnen wir oft der Trauer. Junge Männer, Väter, Soldaten und Soldatinnen, sie sterben, und das Leid der Hinterbliebenen ist unermesslich. Für mich persönlich gehört der Besuch bei trauernden Familien zu den schwersten Dingen überhaupt. Menschen, die das Liebste verloren haben, verändern sich und wir können nicht vorhersagen, wie sie in ihrer Trauer reagieren werden.
Wir neigen dazu, von Anführern zu erwarten, dass sie sich auch in größtem Schmerz beherrschen. Aber auch Mose, der größte aller Propheten, war in diesem Moment nicht Führer, sondern Bruder. Ein Bruder, der trauerte. Ein Mensch, der im Augenblick der Schwäche handelte wie ein Mensch. Ja, Mose handelte falsch, er schlug den Felsen, obwohl er sprechen sollte. Er sagte: „Sollen wir euch Wasser bringen?“ – und nicht: „Gott wird euch Wasser geben.“ Er ließ sich vom Zorn mitreißen. Und in diesem Moment sehen wir auch, wie wichtig Mirjam war und wie tief die Verbindung zwischen ihr und Mose war. Der wahre Kern der Geschichte ist nicht Führungsversagen. Es ist die Geschichte eines Mannes in tiefer Trauer, eines Bruders, der den Menschen verloren hat, der ihn zu dem machte, was er war.
Die Geschichte von „Mei Meriva“ ist weniger ein Bericht über einen Felsen, einen Stab oder ein zorniges Volk. Sie ist die stille, erschütternde Geschichte einer großen Frau, deren wahre Größe sich erst in ihrem Tod offenbarte und in der Leere, die sie hinterließ.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 19:09, Ausgang 20:30
- Tel Aviv – Beginn 19:31, Ausgang 20:33
- Haifa – Beginn 19:22, Ausgang 20:35
- Beersheva – Beginn 19:29, Ausgang 20:30
- Eilat – Beginn 19:14, Ausgang 20:25
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




