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Gedanken zum Schabbat

Diese Wochenlesung ist eine der längsten der Tora. Sie widmet sich ausführlich dem Stamm Levi, der als priesterlicher, dienender Stamm fungiert.

Tora

Wochenlesung –  נָשֹׂ֗א– Nasso – Erhebe ; 4.Mose 4,21 – 7,89 ; Richter 13,2 – 25

Der Priestersegen ist ein wunderschönes Gebet, ein Ausdruck der Liebe Gottes an uns Menschen. Wenn wir das begreifen, können wir das Gebet als das erkennen, was es ist, ein persönliches Gespräch zwischen Gott und jedem Einzelnen. So hat das Eli Sharabi, ein Geiselüberlebender verstanden. Er hat ein Buch darüber geschrieben, wie er mit drei anderen Gefangenen unter der Erde jeden Tag etwas Gutes im Leben suchte.

Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.   


 

Diese Wochenlesung ist eine der längsten der Tora. Sie widmet sich ausführlich dem Stamm Levi, der als priesterlicher, dienender Stamm fungiert, dazu verschiedenen Gesetzen zur Reinheit des Lagers und der Familie sowie den Opfergaben der zwölf Fürsten der Stämme Israels, die sie am Abschluss der Einweihung des Stiftszelts (משכן) darbrachten.

Mitten in dieser langen und teils ermüdenden Lesung verbergen sich sechs wunderbare Verse, die wir täglich im Gebet sprechen – der sogenannte Priestersegen: Und der Ewige sprach zu Mose: Sprich zu Aaron und seinen Söhnen und sage: So sollt ihr die Kinder Israel segnen; sprecht zu ihnen: „Der Ewige segne dich und behüte dich. Der Ewige lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Ewige wende sein Angesicht dir zu und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Kinder Israel legen – und Ich werde sie segnen“.

Die Priester sind beauftragt, das Volk mit diesen Worten zu segnen, und doch ist der Segen in der Einzahl formuliert, ein ganz persönlicher Segen für jeden Einzelnen. Die Priester sprechen die Worte mit ihrer Stimme, doch der eigentliche Segnende ist Gott. Der Priester selbst besitzt keine segenspendende Kraft, keine besonderen Eigenschaften, keine eigene Bedeutung in diesem Vorgang. Er ist nur ein Kanal, ein Übermittler des göttlichen Segens.

Diese Unterscheidung ist von wesentlicher Bedeutung. Auch heute sollten wir uns daran erinnern. Die persönliche Beziehung jedes Menschen zu Gott läuft nicht über Dritte, so weise, charismatisch oder heilig sie auch erscheinen mögen. Auch wenn solche Menschen existieren, wir dürfen nicht vergessen, dass sie lediglich Mittler sind. Es ist wichtig, keine Abhängigkeit zu entwickeln, sich nicht auf den Mittler zu stützen. Die Verbindung zu Gott ist intim und persönlich.

Wenn wir das wirklich begreifen, können wir das Gebet als das erkennen, was es ist, ein persönliches Gespräch zwischen Gott und jedem Einzelnen. „Der Ewige segne dich und behüte dich“. Der Segen Gottes ist ein Segen der Fülle. Er existiert überall, sogar an den dunkelsten Orten. Gerade jetzt erscheint das Buch von Eli Sharabi, einem Geiselüberlebenden, der nach fast 500 Tagen in Dunkelheit aus den unterirdischen Tunneln freikam.

Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus seinem Buch teilen:

„Auch in diesen schweren Tagen haben wir ein tägliches Ritual, auf das wir nicht verzichten. Am Ende eines jeden Tages sitzen wir, wir vier, zusammen und suchen nach einer guten Sache, die uns heute passiert ist. Ganz gleich, was für ein Tag es war. Angefangen hat es spontan, an einem Abend, um unsere Stimmung zu heben. Ich sagte: Kommt, denkt an eine gute Sache von heute. Sie machten mit und es wurde zur Gewohnheit. Anfangs mussten wir suchen, eine gute Sache konnte sein, dass der grausamste Entführer heute nicht da war. Dass es einen Tag ohne Demütigung gab. Dass wir ein kleines Stück Obst bekamen. Nach und nach beeinflusste dieses Ritual unseren ganzen Tag. Wir begannen, tagsüber nach Dingen zu suchen, für die wir abends dankbar sein konnten.“

Segen existiert überall, aber man muss lernen, mit den Augen des Herzens zu sehen. Manchmal müssen wir uns regelrecht anstrengen, ihn zu entdecken. Und wer das regelmäßig tut, der wird erfahren, wie der Segen wächst und das Leben verändert. Doch das Erkennen allein genügt nicht. Man muss auch lernen, den Segen dankbar anzunehmen und ihn in die Welt hinauszutragen.

„…und behüte dich“. Wovor schützt dieser Schutz? Wenn es bereits einen Segen gibt – wozu dann noch Bewahrung? Vielleicht ist es Schutz vor anderen. Oder Schutz vor uns selbst, dass wir den Segen nicht ablehnen oder vergeuden. Vielleicht auch Schutz vor Arroganz, dass wir uns durch den Segen nicht überheben und vergessen, woher er kommt. Wer sein Vertrauen in Gottes Segen setzt, wird gleichzeitig Demut und innere Geborgenheit finden.

„Der Ewige lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“. Gott ist Licht, das Licht der Welt. Dieses göttliche Licht ist in jedem von uns. Damit es in uns leuchten und durch uns strahlen kann, braucht es ein offenes Herz und ein waches Bewusstsein. Manchmal verdeckt etwas dieses Licht, Schatten, Angst, Zweifel. Dann müssen wir nach innen gehen und das innere Licht aktivieren – wie einen Lichtschalter im Haus. Sobald es leuchtet, stehen wir auf einem strahlenden Weg, gesegnet und segnend. Dann finden wir Gnade in Gottes Augen.

„Der Ewige wende sein Angesicht dir zu“. Das hebräische Wort für „sein Angesicht“ steht in der Mehrzahl – panaw (פניו) –, um die vielen Seiten Gottes zu zeigen, die der Gnade, des Gerichts, der Liebe, aber auch des Zorns oder der Vergeltung. Wenn Gott uns sein Angesicht zuwendet, erkennen wir darin auch unsere eigene Vielfalt. Wir begreifen, dass Gott sich auf unterschiedliche, ja manchmal widersprüchliche Weise zeigt. Je mehr wir diese göttlichen Widersprüche akzeptieren, desto mehr können wir auch unsere eigenen inneren Widersprüche annehmen – und dadurch unsere Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit erweitern.

„…und gebe dir Frieden“. Schalom (שלום) ist ein magisches Wort. Vielleicht die größte aller Bitten. Doch bevor wir uns aufmachen, Weltfrieden zu schaffen, was, wie wir wissen, kaum möglich scheint angesichts der Geschichte voller Kriege und Konflikte, müssen wir zuerst inneren Frieden finden. Frieden mit uns selbst. Frieden zwischen den widersprüchlichen Kräften in uns. Dieser innere Schalom ist die Voraussetzung für Frieden mit anderen.

Jeder ist dafür verantwortlich, bei sich selbst zu beginnen. Wenn wir diesen inneren Frieden ernsthaft suchen, wird er Wirkung nach außen entfalten und vielleicht, ja vielleicht, schaffen wir es dann, auch Frieden mit unseren Feinden zu schließen.

Der Priestersegen ist, wie gesagt, in persönlicher Sprache geschrieben. Er richtet sich an dich. An jeden und jede von uns. Er lädt uns ein, uns täglich neu für Gottes Segen zu öffnen, ganz individuell. Der Segen ruft uns auf, das volle Glas in unserem Leben zu sehen, jetzt, in diesem Moment und dafür zu danken. Und was könnte besser dazu passen als das Fest von Schawuot, das Fest der Tora, wo wir einst am Fuße des Sinai standen und mit einer Stimme riefen: „Na’ase wenishma“ (נעשה ונשמע) – Wir wollen tun und hören – die lebendigen Worte Gottes in Liebe.

 

Schabbat Schalom!

 

Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :

  •  Jerusalem – Beginn 19:03, Ausgang 20:24
  •  Tel Aviv – Beginn 19:25, Ausgang 20:27
  •  Haifa – Beginn 19:16, Ausgang 20:28
  •  Beersheva – Beginn 19:23, Ausgang 20:24
  •  Eilat – Beginn 19:08, Ausgang 20:20

 

 

Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.  

 

About the author

Patrick Callahan

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