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Die Versöhnung nach dem siebten Oktober

Jom Kippur: Nach der Tragödie vom 7. Oktober steht der Versöhnungstag im Zeichen der Verantwortung, der Selbstprüfung und der Suche nach nationaler Einheit.

Oktober
Menschen beten um Vergebung (Selichot) an der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem am frühen Morgen des 10. Oktober 2024 vor dem Versöhnungstag Jom Kippur, dem wichtigsten Tag im jüdischen Kalender. Foto von Chaim Goldberg/Flash90

Der biblische Versöhnungstag Jom Kippur erhält in diesem Jahr nach der Tragödie vom 7. Oktober eine zusätzliche Bedeutung. Neben den üblichen Gebeten an diesem Tag müssen wir uns andere Fragen stellen. Wo haben wir versagt? Wen haben wir im Stich gelassen? Wie hochmütig waren wir? Wen haben wir verlassen und vergessen? Haben wir genug geschrien, wo haben wir zu wenig hinterfragt? Was und wen haben wir übersehen? Warum haben wir nicht zusammengestanden? Das vergangene Jahr war das Schlimmste in der 76-jährigen Geschichte des Staates Israel. Ich wünsche mir für dieses Jahr eine Versöhnung wie zwischen Esau und Jakob. „Und Esau lief ihm entgegen und umarmte Jakob und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten“. Nur so vereint können wir mit Gottes Hilfe und Gnade unsere Feinde im Kampf besiegen.

Die Übernahme von Verantwortung für unsere schlechten Absichten oder unsere Gleichgültigkeit sind eines der wichtigsten Elemente des biblischen Versöhnungstages. „Denn an diesem Tag wird für euch Sühnung erwirkt, um euch zu reinigen; von allen euren Sünden sollt ihr gereinigt werden vor dem HERRN“ (3. Mose 16, 30). Es ist ein Tag, an dem man nicht mit dem Finger nach außen zeigen sollte. Es ist ein Tag, an dem wir anerkennen, dass jeder von uns Teil der Katastrophe vor einem Jahr war, auch unsere Führer im Volk. Jeder muss demütig und mutig seine Verantwortung übernehmen, um die Heilung und Wiedergutmachung im Volk zu ermöglichen.

Seit 1973 ist der Jom Kippur im israelischen Bewusstsein nicht nur als ein Tag der persönlichen Selbstreflexion, wie er über Jahrhunderte geprägt wurde, sondern auch als ein Tag der nationalen Verantwortung verankert. Durch die Geschichte hindurch war es ein Tag, an dem das Volk Israel fastete, betete und sich fragte: „Wie haben wir gesündigt, betrogen, gestohlen, schlecht geredet und falschen Rat gegeben?“ Diese Frage stellen wir uns alle jedes Jahr. Was wollen wir im nächsten Jahr besser machen? Der Jom-Kippur-Krieg hat diesem Nachdenken eine weitere Ebene hinzugefügt.

Israelische Soldaten beten neben ihren Artillerieeinheiten nahe der israelischen Grenze zum Libanon im Norden Israels, 29. September 2024. Foto von David Cohen/Flash90.

Und jetzt, am Jom Kippur nach dem siebten Oktober, tragen wir ein neues, schmerzhaftes Bekenntnis der Verantwortung für eine Katastrophe – und diese Katastrophe war schlimmer als der Jom-Kippur-Krieg. In diesem Jahr müssen wir uns zusätzliche Fragen stellen:

  • Wo und warum haben wir als Gesellschaft versagt?
  • Warum haben wir das als Gesellschaft verdient?
  • Wie konnte es passieren, dass wir am siebten Oktober so furchtbar überrascht wurden?
  • Hochmut?
  • Totales Versagen?
  • Verrat oder was?
  • Sind nur die Regierung und der Sicherheitsapparat dafür verantwortlich oder die gesamte Gesellschaft des Landes?
  • Was haben wir an jenem Schabbatmorgen versäumt?

Ich kenne niemanden im Land, der darauf eine klare Antwort geben kann.

Die Verantwortung für unsere schlechten Absichten oder unsere Gleichgültigkeit zu übernehmen, gehört zu den Grundregeln der Versöhnung untereinander, aber auch mit Gott. Die Selbstprüfung, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene, bringt zwar die Anklage, weist aber auch den Weg zur Sühne und zum Neuanfang. Jom Kippur ist nicht der Tag, an dem die Schuld auf andere abgewälzt werden sollte. Es ist der Tag, an dem wir alle anerkennen, dass jeder von uns seinen Anteil an der Katastrophe hat. Wir alle sind von unseren Führern enttäuscht, die einen mehr, die anderen weniger. Die einen geben allein dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu die Schuld am Versagen, die anderen dem gesamten Sicherheitsapparat, der sich über Jahrzehnte in einem falschen Konzept verrannt hat. Aber die israelische Führung ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Menschen versammeln sich am 6. Oktober 2024 auf dem Dizengoff-Platz in Tel Aviv und zünden Kerzen an, um der Opfer des Krieges zu gedenken. Foto: Yonatan Sindel/Flash90.

Und noch etwas: Es ist auch wichtig, sich nicht nur auf die Brust zu schlagen, sondern sich auch auf die Schulter zu klopfen und sich daran zu erinnern, wie viel Gutes wir in diesem Jahr getan haben, wie sehr wir geliebt haben, wie sehr wir das Leben gewählt haben, wie sehr wir für jede Aufgabe bereit waren, wie sehr wir geweint haben, wie sehr wir uns engagiert haben. Wir haben an alle gedacht, wir haben unsere Lieben umarmt, wir haben unsere Herzen gereinigt, wir haben zwischen Gut und Böse unterschieden, wir haben gelitten, wir haben Verantwortung übernommen, wir haben unsere Pflichten erfüllt, wir waren verzweifelt und sind wieder aufgestanden, wir haben mutig vergeben, wir haben einige der Geiseln befreit, wir haben für diejenigen geschrien, die noch in Not und Gefangenschaft sind, wir haben trotz allem die Hoffnung bewahrt, wir haben unsere Mitmenschen gesehen, wir haben weiter gedient und nicht aufgegeben. Wir leiden und kämpfen, weil wir das Leben lieben und leben. Aber wir müssen es gemeinsam tun, in Liebe, wie der Psalmist (133) schreibt:

„ Siehe, wie fein und wie lieblich ist’s, wenn Brüder in Eintracht beisammen sind!“ Denn dort hat der HERR den Segen verheißen, Leben bis in Ewigkeit“.

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Patrick Callahan

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Ein Kommentar zu “Die Versöhnung nach dem siebten Oktober”

  1. Judith Bahmann-Hänke sagt:

    Liebe Israel heute Redaktion,
    Danke für dieses zielweisende, mutige Kommentar. Wir können nur betend neben/mit euch stehen. Wir sind n i c h t in eurer Haut. Seid geschwisterlich umarmt!
    Be’esrat ha Schem tazliach.
    Iom Kippur Schalom.

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