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Ein Fest des Lebens – zu Gast bei Avishay!

Die Erfahrungen eines Überlebenden aus Kfar Azza, der – nach dem Massaker der Hamas und während des seit damals andauernden Krieges – daran arbeitet, sein Leben wieder neu aufzubauen. Eine Geschichte von Mut, Resilienz und Hoffnung.

Avishay
     Avishay mit uns vor seinem beschädigten Haus in Kfar Azza. April 2024. Foto privat.


Es war ein Fest des Lebens, das am 27. Juli 2024, in Reutlingen gefeiert wurde. Genauer gesagt, ein Fest des Überlebens.

Avishay in der Küche. Foto privat.

Denn der geniale Koch, der Meister der Aromen, Gewürze und Zutaten, der uns mit Delikatessen verwöhnte, war einer der Überlebenden des Kibbuz Kfar Azza. Einer, der an dem Schwarzen Schabbat (7.10.23), nach dem brutalen Angriff der Hamas auf Israel, gerettet werden konnte.

Und der nicht aufgegeben hat!

Wir kennen Avishay seit April 2024, als wir ihn in seinem zerstörten Kibbuz an der Grenze zu Gaza besuchten und er uns die verbrannten Häuser und Ruinen von Kfar Aza zeigte. Auch sein eigenes beschädigtes Haus.

Anbei die Geschichte unserer ersten Begegnung: „Verwundetes Israel – Tod und Zerstörung an der Grenze zu Gaza“.  

Neun Monate sind seither vergangen. Die Bewohner des Dorfes konnten nicht zurückkehren und der Kibbuz kann nicht wieder aufgebaut werden, weil der Krieg mit der Hamas andauert und noch immer regelmäßig Raketen hier nieder gehen.

Avishay wohnt inzwischen mit seiner Familie in Herzliya. Der begabte Koch, der schon bei Events von drei israelischen Präsidenten bewirtet hat (Perez, Rivlin und Herzog) ist sehr gefragt. Nicht nur in Israel.

Jetzt im Sommer besucht er Freunde in Deutschland und arbeitet an seinem Traum, ein eigenes Restaurant aufzumachen. „Zwei-drei-zwei“ („2-3-2“)soll es einmal heißen, wie die Straße in Israel, die von Aschkelon entlang des Gaza Streifens, bis zu Kerem Shalom und dem Grenzübergang nach Ägypten führt. Über diese Route fuhr er immer nach Hause. Am 7. Oktober wurde die sonnenbeschienene Straße zu einer Allee des Todes, auf der Hunderte von Menschen ermordet in teilweise ausgebrannten Autos lagen.
Doch Avishay will den Begriff „2-3-2“ mit neuen, anderen Konnotationen wieder zum Leben erwecken.

 

Israel erleben – in Deutschland

Und mit Hilfe engagierter Israelfreunde entsteht ein Abend, unter dem Motto „Israel mit allen Sinnen erleben“.

Hannelore und Kerstin aus Reutlingen haben keine Mühe gescheut, um ein wunderschönes Ambiente für die kulinarischen Künste dieses Gourmetkochs zu schaffen – und die Gäste genießen all die liebevollen Details und natürlich die wunderbar leckeren verschiedenen Speisen, die so ganz anders als die deutsche Küche munden. So wird Avishay zum Repräsentanten seines Landes und jedes Gericht transportiert die Botschaft von Frische, Vielfalt und Einzigartigkeit.

Buffet & Gäste beim Israel-Abend im Juli 2024 in Reutlingen.

 

Leben in Kfar Azza

Doch er hat noch eine andere Botschaft: er spricht über seine Erfahrungen im Kibbuz vor und während des Massakers der Hamas. Delly (von CSI), die sich intensiv für Israel einsetzt, insbesondere auch für Terroropfer, die Avishay seit über 12 Jahren kennt und ihn nach Deutschland eingeladen hat, liefert eine virtuose Übersetzung, so dass nicht ein Hauch seiner Botschaft verloren geht.

Er beginnt mit der Geschichte seiner Ahnen. Seine Familie mütterlicherseits lebt seit 12 Generationen in Israel, schon lange vor der Staatsgründung 1948; die seines Vaters seit 3 Generationen. Sie alle haben Israel mit aufgebaut. Er selbst hat seit seiner Geburt immer in Kfar Azza gelebt, hat geheiratet und zusammen mit seiner Frau Shani und seinen beiden kleinen Söhnen in einem schönen Haus am Ortsrand gewohnt.

Er berichtet von den Jahren vor 2005, bevor sich Israel komplett aus dem Gazastreifen zurückzog, weil es hoffte, damit Frieden in der Region herstellen zu können. Er erzählt von den israelischen Orten im Gazastreifen, die unter dem Namen Gush Katif bekannt waren und wie er und seine Familie an die schönen Strände von Gaza zum Baden und Essen fuhren.

Avishay schildert das Miteinander mit den Arabern, wie die Bewohner des Kibbuz den Palästinensern geholfen haben, ohne zu wissen, dass sie damit manchmal indirekt die Hamas unterstützen. Und von dem Jahr 2005, als Israel seine eigenen Landsleute mit Gewalt aus dem Gazastreifen evakuierte. Dies geschah ohne jede Gegenleistung der Palästinenser; als Opfer Israels für Frieden in der Region.

Doch es kam ganz anders als erhofft! Die Hamas wurde zur herrschenden Macht und das Miteinander veränderte sich. Die Angriffe aus dem Gaza Streifen nahmen zu. Immer wieder und immer mehr Raketen. Das Haus seiner Eltern, das Haus seiner Schwester wurden getroffen – schon vor 2024.

Der 7. Oktober

Dann der Morgen des 7. Oktober. Stundenlanges Schrillen der Sirenen, wie nie zuvor. Als es endlich ruhiger wurde und er sich aus dem Schutzraum hinaus traute, hörte er schon die Schüsse der Terroristen und ihm war klar, dass etwas Schreckliches geschah. Da er keine Waffen besaß, nahm er das größte Messer aus der Küche und verbarrikadierte sich mit seiner Familie so gut wie möglich im Schutzraum.

Und dann begannen die Nachrichten über WhatsApp zu kommen, eine nach der anderen. Verzweifelte Nachrichten, Schreie um Hilfe, ununterbrochen – stundenlang. Familien, in deren Häuser die Terroristen eingedrungen waren oder deren Häuser abgebrannt wurden. Menschen, die mit ansehen mussten, wie ihre Liebsten vor ihren Augen umgebracht wurden und wie andere verschleppt wurden. Menschen, die hilflos und wehrlos waren angesichts dieser Orgie der Gewalt und Brutalität.

Er versuchte mit seinen Eltern, die im gleichen Ort wohnten, Kontakt aufzunehmen, doch sie schrieben ihm, dass sie nicht sprechen konnten, weil sonst die Terroristen, die im Haus waren, sie hören würden. Er versucht seine Schwester in Beeri anzurufen, konnte sie aber nicht erreichen. Endlose, grauenvolle Stunden vergingen – immer mehr Nachrichten und manchmal dann ein plötzliches, schreckliches Schweigen. Er wollte seinen Freunden beistehen, aber seine Frau flehte ihn an, bei ihr und den Kindern zu bleiben. Es war beiden klar, dass sie, wenn die Terroristen in ihr Haus kämen, keine Chance hatten. Sie beschlossen, dass er in diesem Fall mit dem Messer kämpfen würde, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich und den Kindern das Leben zu nehmen. Denn nach all dem, was sie von den anderen mitbekamen, zogen sie es vor zu sterben, statt verschleppt zu werden. Sein kleiner Sohn war zu diesem Zeitpunkt erst 3 Monate alt.

In der Nacht wurden sie schließlich von der IDF gerettet: von Soldaten, die nach endlosen 23 Stunden Hölle eintrafen und die erwarteten, nur noch Leichen vorzufinden. Doch stattdessen evakuierten sie eine Frau mit einem drei Monate alten Baby im Arm und einem achtjährigen Jungen an der Hand, der seinen Teddy festhielt. Es war dunkel – daher sah man nicht alles genau auf dem Weg zu dem Fahrzeug, dass sie wegbrachte. Negev, der große Sohn Avishays, war verwundert, dass sich so viele Menschen auf den Weg „zum Schlafen hingelegt hatten“… Avishay ist bis heute froh, dass sein Sohn nicht verstand, dass es sich um Leichen handelte. Sie waren die erste Familie, die aus Kfar Azza gerettet wurde. Der Kampf um die Befreiung des Kibbuz von den Terroristen dauerte insgesamt 78 Stunden.

Avishay bei seiner Ansprache. Foto privat.

Seit diesem Tag arbeitet Avishay daran, sein Leben neu aufzubauen: Stück für Stück. Diese konstruktive Arbeit hilft ihm, die furchtbaren Erinnerungen in den Hintergrund zu drängen.

Er hatte viel Zeit nachzudenken. Und heute meint er: man hätte es kommen sehen können. Aber die Menschen in Israel waren zu selbstsicher und zu gutgläubig. Das ist jetzt vorbei. Sie werden kämpfen, bis sie alle Geiseln nach Hause bringen, sagt er und zeigt auf das T-Shirt, das er trägt, dass so viele in Israel tragen: „Bring them home.“ Und sie werden weiterkämpfen, bis die Hamas besiegt ist. Weil die Hamas für das Böse schlechthin steht.

Sie haben die ganzen Jahre an Frieden geglaubt. Und sie hassen nicht alle Muslime. Aber das Böse muss in die Schranken gewiesen werden, sonst breitet es sich weiter aus. Das ist Israels aktuelle Mission.

 

Denkt selbstständig!

Und dann wendet er sich an uns, die Gäste im friedlichen Reutlingen und meint: „ihr Deutschen seid ein wunderbares Volk. Hier funktioniert alles, weil sich jeder daran hält, was ihm gesagt wird.“ Aber er warnt auch: „lernt selbstständig denken, beurteilt die Dinge selbst, lasst euch nicht einfach vom Mainstream mitreißen. Fangt an, kritisch zu reflektieren und fragt euch, warum Juden heute in Deutschland wieder Angst haben, sich auf der Straße zu ihrem Judentum zu bekennen. Die Geschichte wiederholt sich – dabei habt ihr geschworen: nie wieder!

Ihr habt Millionen von Muslimen aufgenommen. Ich sage nicht, dass das nicht gut ist, aber achtet darauf, dass sie euch nicht vereinnahmen. Macht ihnen klar, dass sie willkommen sind, aber dass von ihnen erwartet wird, sich anzupassen. Verteidigt eure Werte und eure Identität. Denn in nicht allzu langer Zeit werden sie noch viel mehr sein und wenn ihr nicht darauf achtet, werden sie ihre Werte und ihre Kultur durchsetzen in eurem Land. Mitten in einer Demokratie und aufgrund von demokratischen Mehrheiten werden sie eine sehr laute Stimme haben.“

Es sind Worte, die nachhallen und nachdenklich machen …

Und dann kommt er zum Schluss – es wird ein Finale con brio, genauso wie sein Dessert, dass er vor seinem staunenden Publikum zubereitet. Eine Kombination von Originalität und Genialität, dargebracht mit einem Schmunzeln im Mundwinkel und leuchtenden Augen. Schnell, schlicht und betörend lecker.

Das Kunstwerk Dessert. Foto privat.

 

Finale con brio!

Dies ist seine Schlussbotschaft: „Dass ich heute hier vor euch stehe, dass ich meine Geschichte erzählen kann, ist mein Sieg!“

Am 7. Oktober wurde Simchat Tora gefeiert, es ist der letzte jüdische Feiertag des Sukkot (Laubhütten) Festes und es war sein jüdischer Geburtstag. Dass er das Massaker an diesem Tag überlebt hat, ist für ihn wie eine Wiedergeburt. Ein Neuanfang.
Ob und wann er wieder nach Kfar Aza zurückkehren kann, ist aktuell völlig ungewiss. Im besten Fall in mehreren Jahren.
Doch diese Zeit will er nutzen und seine Träume leben. Wie an diesem Abend! Das Leben feiern. Israel feiern! Sein Überleben!

Was für eine wunderbare Botschaft der Resilienz und der Hoffnung.

Wir freuen uns darauf, dich bald wieder in Deutschland zu begrüßen, Avishay!

Beim Fest des Lebens. Foto privat.

 

Schalom chaver schelanu – Le hitraot! Auf Wiedersehen, unser Freund! Bis bald!       

 

 

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Patrick Callahan

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