Am Donnerstagmorgen um 10 Uhr stand das öffentliche Leben in Israel für zwei Minuten still. Eine landesweite Sirene ertönte – Fußgänger blieben stehen, Autofahrer stiegen aus ihren Fahrzeugen, Busse und Züge hielten an. Das ganze Land verharrte in stillem Gedenken an die sechs Millionen Juden, die im Holocaust ermordet wurden.
Diese Gedenkminute ist Teil des jährlichen Holocaust-Gedenktages Jom HaShoah, der seit 1951 am 27. Nissan begangen wird. Die Tradition der landesweiten Sirene begann in den frühen 1960er Jahren und hat sich zu einem der eindrucksvollsten nationalen Rituale Israels entwickelt – ein Moment, der das ganze Land in stiller Erinnerung und Reflexion vereint.

Bereits am Vorabend des Gedenktages fand die zentrale staatliche Zeremonie in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem statt. Überlebende, Vertreter der Regierung, Diplomaten und Bürger kamen dort zusammen, um Kerzen zu entzünden und die Namen der Opfer zu verlesen. Auch Staatspräsident Isaac Herzog und seine Frau Michal sowie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine Frau Sara nahmen an der Zeremonie teil.
In seiner Ansprache erinnerte Präsident Herzog an die Verantwortung, das Gedenken wachzuhalten und Antisemitismus in all seinen Formen entschieden entgegenzutreten. Der Holocaust, so Herzog, sei nicht nur Teil der jüdischen Geschichte, sondern ein Mahnmal für die ganze Menschheit.
Ein fester Bestandteil des Jom HaShoah ist auch die Veranstaltung „Lechol Isch Jesch Schem“ (לכל איש יש שם, „Jeder Mensch hat einen Namen“), die am Gedenktag selbst, also am heutigen Donnerstag, stattfindet – traditionell in der Knesset und an weiteren Orten im ganzen Land. Dabei werden öffentlich die Namen von Holocaust-Opfern verlesen, um jedem einzelnen der Ermordeten seine Identität und Würde zurückzugeben. Die Initiative wurde 1989 von Yad Vashem ins Leben gerufen und gehört seither zu den bewegendsten Momenten dieses Tages des Erinnerns, der heute überall in Israel begangen wird.
Der Tag erinnert nicht nur an die Opfer, sondern mahnt auch, den Kampf gegen Antisemitismus und Hass in der Gegenwart fortzusetzen.





Angesichts der heutigen globalen Entwicklung ist dieser Gedenktag so aktuell wie bei seiner Gründung. Und er soll alle Freunde Israels und der Juden daran erinnern, dass jüdisches Leben – wie es Prof. Dr. Michael Wolffsohn ausdrückt – Existenzrecht auf Widerruf ist, wenn wir uns nicht für dessen Schutz einsetzen.