Tacheles mit Aviel – Ein Oberrabbiner ist zu viel

Tacheles, offen und unverblümt sage ich meine Meinung. Mit Klartext und ohne Umschweife werde ich Themen auf den Kern der Sache bringen. Solange zwei Oberrabbiner das Judentum in Israel bestimmen, wird der Tribalismus in der israelischen Bevölkerung nicht zum Ende kommen.

von Aviel Schneider | | Themen: Justizreform, Tacheles mit Aviel
Der aschkenasische Oberrabbiner David Lau und der sephardische Oberrabbiner Yitzhak Yosefrepräsentieren ihre jeweiligen Gemeinden. Foto von Olivier Fitoussi/Flash90
Der aschkenasische Oberrabbiner David Lau und der sephardische Oberrabbiner Yitzhak Yosefrepräsentieren ihre jeweiligen Gemeinden. Foto von Olivier Fitoussi/Flash90

Israel ist nicht erst seit gestern ein gespaltenes Volk, sondern stolperte schon während seiner ruhmreichen Geschichte immer wieder über eine gewisse Polarisierung in seiner Gesellschaft. Die Vielfältigkeit im Volk ist zwar schön, wie man anhand der Kultur und besonders an der köstlichen Küche unschwer erkennen kann, aber in Sachen Politik und Religion stößt die Vielfältigkeit an seine Grenzen. Und solange im Volk Israel zwei Oberrabbiner die jüdische Religion führen, ein sephardischer und aschkenasischer Rabbiner, wird die Stammeszugehörigkeit im Land ein gesellschaftliches Hindernis in der Politik bleiben.

Das israelische Rechtssystem, besonders der Oberste Gerichtshof, wird als ein Club aschkenasischer Juden betrachtet. Allein dieser Umstand verärgert die sephardischen Juden im Land. Ein aschkenasischer Jude oder ein blonder und blauäugiger Israeli wird automatisch als Linker abgestempelt – dagegen wird ein sephardischer, religiöser und dunkler Jude als rechter Wähler abgestempelt. In der Realität stimmt das nicht immer, aber so hat sich das in unseren Köpfen festgesetzt. In Israel ist alles noch in Stämme getrennt.

In der Armee kommen alle Stämme Israels zusammen. Foto von Kobi Gideon/FLASH90
In der Armee kommen alle Stämme Israels zusammen. Foto von Kobi Gideon/FLASH90

Vor etwa drei Monaten habe ich geschrieben, dass Israels Stammestum lebt und bebt. Wir sind wieder dieselben Stämme, die aus der ganzen Welt nach Israel eingewandert sind. Ein Stamm der orientalen Juden, ein Stamm der europäischen Juden, ein Stamm säkularer Juden und ein Stamm religiöser oder orthodoxer Juden sowie ein Stamm traditioneller Juden. Ein russischer Stamm und äthiopischer Stamm kann man ebenso hinzufügen. Ein Tribalismus wie früher, auch während des Exodus der Kinder Israels zog ein gemischtes Volk ins Gelobte Land.

Die israelischen Politiker im Parlament, ob rechts oder links, jüdisch oder arabisch, religiös, orthodox oder säkular, spielen alle im Bewusstsein oder im Unbewusstsein in die Hände eines Tribalismus. Jede Menschengruppe im Land hat seine bestimmte Sichtweise, und das ist normal. Zu den Komponenten der problematischen Vielfältigkeit im Land zählt Abstammung, Kultur, Sprache, Religion, Tradition, Wirtschaft und Siedlungsgebiet. Aber in Israel ist dies wegen der biblischen Vergangenheit und dem politischen Konflikt mit den Palästinensern dreimal so schlimm.

Die Bibel beschreibt zahlreiche Konflikte zwischen den Stämmen, nicht nur vor der Monarchie in Israel, sondern ebenso infolge der Spaltung zwischen dem Königreich Juda und Königreich Israel im Norden. Der Streit zwischen den Stämmen führte bis hin zu Bürgerkriegen im Volk. Schon in biblischer Zeit waren die Stämme oft die größere Feinde für das Volk als die äußeren Feinde um Israel.

„So wie die israelische Gesellschaft aussieht, kehren wir in die Zeit der Richter zurück. Stämme und Chaos. Wenn es der israelischen Gesellschaft nicht gelingt, den Tribalismus aufzulösen und einen gemeinsamen staatlichen Nenner zu finden, wird dies die Existenz Israels zermürben.“ Mit diesem Hinweis auf den Vers aus dem Buch Richter hat das Israelische Institut für Demokratie (IDI) eine Studie über den Tribalismus in der israelischen Gesellschaft formuliert.

Anat und Aviel Schneider

Im Mai sind wir in der Schweiz, zum nächsten Israel Happening. Dort werden wir dieses Thema tiefer und frontal angehen. Wir laden Euch ein, dabei zu sein!

https://www.israelheute.com/erfahren/israel-feiert-seinen-75-jahrestag-wird-es-diesmal-100-jahre-erreichen/

 

In unserer heutigen Zeit stellt sich die Frage: Wenn es keine zwei Judentümer gibt, warum gibt es dann zwei Oberrabbiner? Es besteht eigentlich kein Bedarf an zwei orthodoxen Oberrabbinern im Land, einen sephardischen und einen aschkenasischen, weil es keine zwei Judentümer gibt. Die klassische Trennung zwischen sephardischen und aschkenasische Juden ist ein traditionelles Überbleibsel einer fiktiven Vergangenheit. Eigentlich gibt es auch kein sephardisches Judentum, so wie es auch kein aschkenasisches Judentum gibt. Demgegenüber gibt es auch nicht nur ein Judentum. Was gibt es also?

Eine Serie jüdischer Traditionen aus verschiedenen geografischen Regionen bestimmen in unserer Generation das Leben. Zu den sephardischen Juden zählen die Marokkaner aus Nordafrika, aber auch die Juden aus dem Balkan. Theoretisch sind sephardische Juden orientalische Juden und europäische Juden aschkenasische Juden. Aschkenasische Juden essen zu Pessach keine Hülsenfrüchte, andere jüdische Gemeinden dagegen schon. Nach dem Genuss von Fleisch muss man sechs Stunden warten, bis man Milchiges zu sich nehmen darf. Umgekehrt, wer Milchspeisen gegessen hat, muss drei Stunden warten, bis er Fleisch essen darf. Holländische Juden warten nur eine Stunde und andere Gemeinden nur drei Stunden. Jeder hat seine Tradition mit ins Land gebracht.

Und dies ist nur die Spitze des Eisberges jüdischer Traditionen, die unser Leben in Israel geformt haben. Diese Traditionen prägen unser Leben nicht nur in den Gemeinden, Synagogen und an jüdischen Feiertagen, sondern auch in der Politik. Teil der jetzigen nationalreligiösen Regierungskoalition sind zwei orthodoxe Knessetparteien, einmal die sephardische Schass mit 11 Mandaten sowie die aschkenasische Vereinte Tora, die 7 Mandate hält. Diese Parteien wären niemals dazu in der Lage, zusammen eine Liste (also ein Bündnis) zu gründen, genausowenig wie ein Oberrabbiner in Israel das Judentum führen könnte. Es geht einfach nicht. Die zahlreichen traditionellen Unterschiede trennen das jüdische Volk in Zion, besonders in der Politik.

Ashkenasische Juden sehen aus wie Europäer. Foto von Gershon Elinson/FLASH90
Aschkenasische Juden sehen aus wie Europäer. Foto von Gershon Elinson/FLASH90

Die jüdischen Gebräuche, die grundsätzlich auch in den biblischen Geboten und Verboten fundiert sind, prägen die so genannten Stämme im Volk. Die orientalischen Juden fühlen sich von den europäischen Juden diskriminiert. Die sephardische Schass Partei spielt in jeder Wahlkampagne die Diskriminierungs-Karte aus und beklagt, wie sehr die orientalischen Juden in den Pionierjahren von den europäischen Juden missachtet und begrenzt wurden. Auch die rechte Likud Partei bläst ins selbe Horn und das ist seltsam, denn die Mehrheit ihrer Wähler sind orientalische Juden, wobei die Parteichefs der Likud immer nur europäische Juden waren, wie Benjamin Netanjahu, Ariel Scharon, Itzchak Schamir oder Menachem Begin. Ein Paradox.

Und so zieht die Streitfrage um die Rechtsreformen, dafür oder dagegen, in der trockenen Theorie zwischen orientalischen und aschkenasische Juden im Land eine trennende Linie. Religiöse, rechte und orientalische Juden haben mit dem Obersten Gerichtshof und seinem linken Rechtssystem ein Problem, denn dies gehört zur europäischen Elite im Land, die Israels orientalische Juden im Laufe der Staatsgeschichte vernachlässigt hat. Das wiederum wird von der rechtsnationalen und orthodoxen Regierungskoalition als Katalysator zur Berechtigung ihrer Reform des Rechtssystem ausgespielt. Deswegen reden wir im Land von einem Kampf zwischen den Stämmen.

 

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Eine Antwort zu “Tacheles mit Aviel – Ein Oberrabbiner ist zu viel”

  1. hdfuerst sagt:

    Ja, diese unterschiedlichen Auslegungen der göttlichen Gebote muss aufhören.
    Deshalb predige ich schon seit Jahren, dass in Israel ein Grundgesetz vorhanden sein muss.
    Dieses muss alle Ge- und Verbote enthalten, die ER erlassen hat; ohne Zusätze und Weglassungen. Es wird in den Prophezeiungen ausdrücklich gesagt, dass es nur ein Volk geben wird, nicht mehr geteilt in Stämme.

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