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Pessach: Tiefe Spaltung und kurzes Gedächtnis

An der Uneinigkeit der Juden ist nichts neu – genau das macht unsere Geschichte so außergewöhnlich.

Eine israelische Familie liest die Haggada am Pessach-Sederabend, 22. April 2024. Foto: Chen Leopold/Flash90.

Es gehört inzwischen fast schon zum Ritual, die „beispiellose“ Spaltung innerhalb der israelischen Gesellschaft zu beklagen. Immer wieder wird der Verlust eines gesellschaftlichen Zusammenhalts betrauert, von dem viele behaupten, er habe früher das Land geprägt.

Doch Hand aufs Herz: Solche Nostalgie grenzt oft an Gedächtnisverlust. Wer sich ehrlich mit der Geschichte – ob früher oder heute – beschäftigt, muss anerkennen, dass jüdische Polarisierung alles andere als neu ist.

Im Gegenteil: Der Mangel an Konsens ist eine unserer ältesten Traditionen. Vielleicht ist es an der Zeit, das Jammern durch Akzeptanz zu ersetzen – und die Uneinigkeit als festen Bestandteil unseres Erbes zu begreifen. Sie ist eine von Gott auferlegte Herausforderung, der wir uns stellen müssen – ob es uns gefällt oder nicht.

Pessach bietet die ideale Gelegenheit, dieses Paradox zu betrachten: ein Volk, das sich oft uneinig ist und doch auf geheimnisvolle Weise zusammengehalten wird – durch eine Lebensmacht, die jenseits unserer Kontrolle liegt. Während sich Juden auf der ganzen Welt an diesem Wochenende zu den Sederabenden versammeln, um an den Auszug aus Ägypten zu erinnern, lohnt sich der Blick auf die Parallelen zur Gegenwart.

Die Haggada erzählt von den Wundern des Exodus – den zehn Plagen, der Teilung des Schilfmeers, der Niederlage der pharaonischen Tyrannei. Doch sie erzählt auch von Zweifel, Undankbarkeit und Streit unter den Israeliten.

In 2. Mose 6,9 etwa überbringt Mose den Israeliten Gottes Verheißung der Erlösung – aber „sie aber hörten nicht auf ihn vor Missmut und harter Arbeit“.

Wer könnte es ihnen verdenken?

Sie waren geschunden, erschöpft und misstrauisch – ähnlich wie viele Israelis heute nach 18 Monaten eines anhaltenden, vielschichtigen Kriegs, dessen Ende oft unerreichbar erscheint.

In dieser Gemütslage fällt es schwer, an Rettung zu glauben. Genauso ergeht es heute jenen, die Premierminister Benjamin Netanjahu zutiefst misstrauen – seinen Motiven ebenso wie seiner Politik.

Dieser Hass auf ihn ist so tief verwurzelt, dass er den Blick auf die Möglichkeit verstellt, dass er das Land vielleicht tatsächlich in Richtung Sicherheit führt und dessen bedrohte Souveränität zu verteidigen versucht. Es sind jene Stimmen, die den nationalen Pessimismus über ein feindseliges Medienecho verstärken.

In 2. Mose 5,20–21, nachdem der Pharao die Arbeit der Israeliten erschwert hat, wenden sich die Aufseher an Mose und Aaron: „Ihr habt uns beim Pharao verhasst gemacht … ihr habt ihnen das Schwert in die Hand gegeben, uns zu töten!

Das ist die antike Variante jener Refrains, die man heute von der israelischen Opposition in Endlosschleife hört. Ganz gleich, was Netanjahu zu Gaza, dem Libanon, Syrien oder dem Iran sagt – oder innenpolitisch zur Justizreform – seine Kritiker werfen ihm vor, Israels Existenz und Demokratie zu gefährden statt zu schützen. Ironischerweise ziehen manche sogar Parallelen zum Auszug und vergleichen ihn mit dem Pharao.

Der dramatischste Moment der Entfremdung im Exodus findet sich in 2. Mose 14,11–12. Angesichts der nahenden Streitwagen des Pharao schreien die Israeliten Mose an: „Gibt es etwa keine Gräber in Ägypten, dass du uns weggeführt hast, damit wir in der Wüste sterben?

Sie gingen sogar so weit, die Sklaverei dem Vertrauen in Mose vorzuziehen – eine Haltung, die man mit dem Ausdruck „Sich ins eigene Fleisch schneiden“ umschreiben könnte. Genau dieses Prinzip scheint derzeit von Teilen der israelischen Elite mit Nachdruck propagiert zu werden.

Kaum war der Auszug geschafft, murrten die Israeliten über das Essen und sehnten sich nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Auch das israelische Linkslager blickt gerne verklärt in die Vergangenheit.

Es macht Netanjahu nicht nur für die angebliche „Zerstörung“ eines „gesunden“ Systems verantwortlich, sondern behauptet gar, er ziehe den Krieg aus Eigeninteresse in die Länge und sei gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Geiseln. Das ist eine moderne Form der Blutschuldvorwürfe – nur diesmal in Form von Demonstrationsplakaten.

Mose musste mit solchen Aufständen fertigwerden. Und auch wenn Netanjahu kein Prophet ist, hat er wie kaum ein anderer heutiger Politiker die inneren Zerreißproben Israels zu spüren bekommen – als Heilsbringer für die einen, als Tyrann für die anderen.

Die Israeliten, die Ägypten verließen, waren nicht bereit, sofort eine Nation zu bilden. Es brauchte Jahrzehnte der Wanderschaft – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Daran sollten wir denken, wenn wir auf den heutigen Staat Israel blicken. Er ist ein blühendes Symbol für technologische Innovation, militärische Stärke und gesellschaftliche Widerstandskraft – und doch vor allem: die Heimat des jüdischen Volkes.

Und das bedeutet: Genau jene DNA, die Israels Wunder ermöglicht, ist auch verantwortlich für die fortwährenden, schmerzhaften Spaltungen, die unser Volk seit jeher begleiten. Ob wir das als gute oder schlechte Nachricht empfinden, liegt an uns. Versuchen wir in diesem Jahr am Sederabend, es als das Erstere zu sehen.

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Patrick Callahan

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2 Kommentare zu “Pessach: Tiefe Spaltung und kurzes Gedächtnis”

  1. Theodor Fritz sagt:

    Uneinigkeit als fester Bestandteil des Erbes? Eine von Gott auferlegte Herausforderung? Nein, der feste Bestandteil des Erbes ist die Treue Gottes, wie er beständig trotz ihres Streits und der Uneinigkeit sein Volk führt und aufrechthält. Niemals legt er als Herausforderung so etwas wie Streitsucht und gegenseitiges Bekämpfen auf! Die Widerspenstigkeit ist Teil des Unglaubens und in unserem eigenen Herzen angesiedelt, in uns allen. Und die Liebe Gottes will uns davon befreien durch den Gehorsam gegenüber seinen Geboten und der Liebe und der Hingabe zu ihm.

  2. j-glaesser sagt:

    Es ist keine Leistung den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu erkennen und anzunehmen – sondern ein Geschenk und Gnade.
    Hesekiel Kapitel 36:
    21 Da tat es mir leid um meinen heiligen Namen, den das Haus Israel entheiligte unter den Völkern, wohin sie auch kamen. 22 Darum sollst du zum Hause Israel sagen: So spricht Gott der HERR: Ich tue es nicht um euretwillen, ihr vom Hause Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr entheiligt habt unter den Völkern, wohin ihr auch gekommen seid. 23 Denn ich will meinen großen Namen, der vor den Völkern entheiligt ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt, wieder heilig machen. Und die Völker sollen erfahren, dass ich der HERR bin, spricht Gott der HERR, wenn ich vor ihren Augen an euch zeige, dass ich heilig bin. …

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