Messianisch-jüdische Geschichte: Ein Blick auf die Fakten (Teil 2) Louis Fisher/Flash90
Religion

Messianisch-jüdische Geschichte: Ein Blick auf die Fakten (Teil 2)

Die Entwirrung des Geflechts der messianisch-jüdischen Geschichte in Eretz Israel, Teil 2. Seien Sie dabei!

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Historiographische Falschdarstellungen über das gemeinsame Auftauchen der modernen jüdischen Jeschua-Gläubigen in Eretz-Israel, werden zu einem beliebten Phänomen. Gewisse lokale messianische “Superstars”, die über keinerlei historiographische Qualifikationen verfügen, gehen fälschlicherweise davon aus, dass sie amateurhaft über die Geschichte der messianischen Bewegung schreiben oder referieren können. Ohne qualifizierte Ausbildung produzieren sie zunehmend halb-faktische und spekulative Erzählungen über vergangene Ereignisse. Dabei sind die willkürlich angehäuften Bruchteile der Wahrheit schlimmer als eine ganze Lüge. Nur einen begrenzten Prozentsatz der Realität zu erzählen, ist nichts anderes als eine unehrliche Propagandatechnik.

Nicht nur israelische messianische Pseudo-Historiker verdrehen und schreiben die Geschichte oft um. Auch in anderen Ländern fehlen messianischen Pseudo-Historikern entweder vollständige und genaue chronologische Aufzeichnungen oder sie ignorieren sie absichtlich. Traurigerweise wird dies manchmal von israelischen messianischen Pseudo-Historikern nachgeahmt.

 

Persönliches Zeugnis

Seit mehr als vier Jahrzehnten beschäftige ich mich wissenschaftlich mit der Geschichte und der Theologie der messianisch-jüdischen Bewegung. Mein Fokus liegt dabei hauptsächlich auf der Zeit ab dem 19. Jahrhundert bis heute. Durch die Gnade des Herrn Jeschua hatte ich das Privileg, meine Doktorarbeit über eben dieses Thema an der Hebräischen Universität Jerusalem zu verfassen. Auch mein B.A.- und M.A.-Studium der Geschichte habe ich an der gleichen einflussreichen Institution absolviert.

Während der sieben Jahre meiner Doktorarbeit habe ich systematisch Primärmaterialien aus vielen Quellen gesammelt, darunter zum Beispiel auch Dokumente, die in Eretz Israel produziert wurden, aber von Auslandsmissionaren in weltweit verstreute Archive “exportiert” wurden.

Ich habe meine Forschung nicht ohne professionelle Aufsicht durchgeführt. Ein Komitee aus mehreren führenden Historikern und anderen Fachleuten, die sowohl aus dem Bereich der alten als auch der modernen Geschichte kamen, hatte den Prozess der Fertigstellung der Dissertation sorgfältig überwacht. Die Ergebnisse meiner vielseitigen Studien wurden in zahlreichen Artikeln und Abhandlungen in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Mit anderen Worten, ich habe durchaus Erfahrung und Urteilsvermögen über die zeitgenössischen Darstellungen der messianisch-jüdischen Geschichte, besonders in Eretz Israel.

 

Zahnärzte sollten KEINE Herzoperationen durchführen

Ärzte innerhalb medizinischer Fachkreise bekennen sich klar zu ihrer jeweiligen Fachposition. So würden z.B. unqualifizierte Ärzte es nicht wagen, in Bereiche einzugreifen, in denen sie nicht ausgebildet oder spezialisiert sind. Wenn beispielsweise jemand dringend einen Herzchirurgen seines Vertrauens braucht, würde er sich dann an einen Zahnarzt oder einen Psychologen wenden? Und doch erlauben sich auf dem Gebiet historischer Darstellungen nicht wenige sogenannte Ärzte, die eine völlig andere Ausbildung haben, die Geschichte der messianischen Juden dilettantisch zu erzählen.

Wenn solche Amateure über die komplexe messianisch-jüdische Geschichte ohne jegliche professionelle Akkreditierung sprechen, schaden sie dem wahrheitsgemäßen kollektiven Gedächtnis der zeitgenössischen jüdischen Jeschua-Gläubigen. In der Tat beschädigen sie damit das breite Wissen, das die gemeinsame Identität der Gruppe bildet. Im Ergebnis verletzt die manipulative Geschichtsschreibung sowohl die Interessen derer, die noch unter den Lebenden weilen, als auch das Vermächtnis derer, die bereits verstorben sind.

 

Oberflächliche “Chronisten”

Nicht wenige unter denen, die sich nebenbei mit Geschichte beschäftigen, sind eher scharlatanhafte “Chronisten”, denen es an langfristiger Perspektive fehlt. Texte ohne historischen Kontext oder Ereignisse, die aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden, sind keine historische Darstellung. Das gilt auch dann, wenn ein Vortragender eine Krawatte trägt oder eine heitere und leidenschaftliche Miene zeigt. Wenn bestimmte Ereignisse mit eindrucksvollen Dias und/oder mit theatralischen Computershows visuell präsentiert werden, sind sie nicht unbedingt eine wahrheitsgemäße Geschichte. Das war meine Erfahrung bei einem Vortrag, der in einer lokalen messianischen Bildungseinrichtung angeboten wurde.

Eine sporadische oder zusammenhanglose Sammlung von Fakten und Ereignissen ohne Erklärung von Ursachen und Wirkungen ist keine historische Darstellung. Manchmal bemühen sich Vortragende sogar, ihre Zuhörer zu beeindrucken, indem sie flüchtig einige oberflächliche Übersichten zeigen, begleitet von bunten Diagrammen und übertriebenen statistischen Torten. Doch oft werden solche Diagramme ohne angemessene chronologische Reihenfolge präsentiert und vermeiden eine tiefgründige Analyse.

Ich erinnere mich zum Beispiel gut an die „Forschung“ zu einer Doktorarbeit, die einem renommierten Professor der Abteilung für vergleichende Religionswissenschaft an der Hebräischen Universität vorgelegt wurde. Diese Dissertation bestand hauptsächlich aus Diagrammen und bunten Tabellen. Da dieser Dissertation jedoch umfassende und systematische historische Vergleiche und analytische Untersuchungen fehlten, wurde sie schändlich abgelehnt.

Quantitative Daten können qualitative Auswertungen nicht ersetzen. Auch hochmoderne Computertechnik mit vielen animierten Konfigurationen kann ein solides Studium der historischen Ereignisse und Entwicklungen nicht ersetzen. Jede Geschichtsschreibung muss, zumindest minimal, die relevanten Informationen einbeziehen. Andernfalls ist die bloße Bereitstellung einzelner Fakten ohne angemessene Interpretation kaum nützlich und oft gefährlich irreführend.

 

Vernachlässigung von authentischen Dokumenten und aktualisierten Studien

Jede seriöse Geschichtsschreibung ist irrelevant ohne eine Sammlung von Originaldokumenten, die durch aktualisierte und begutachtete historische Literatur analysiert werden. Es ist natürlich kein Geheimnis, dass alle Historiker ihre eigenen privaten Ansichten und persönlichen Überzeugungen haben, aber gleichzeitig müssen sie ihre Fälle und Argumente auf der Grundlage solider Quellen präsentieren. Es versteht sich auch von selbst, dass Historiker transparent sein müssen und ihre private Agenda nicht verstecken dürfen.

Absichtlich relevante Publikationen zu einem bestimmten Thema zu ignorieren, einschließlich der modernen messianischen Juden, ist eine Politik der Verleugnung, wie das Verhalten eines Straußes, der seinen Kopf im Sand versteckt. Nur antiquierte Publikationen zu erwähnen, ohne auf neue Studien hinzuweisen, ist ein klares Rezept für eine irreführende Geschichtsschreibung.

Manchmal bedienen sich Pseudo-Historiker in ihren Darstellungen auch unanständiger Plagiate. Sie erwähnen nämlich Materialien, die von anderen veröffentlicht wurden, ohne die entsprechenden Quellenangaben zu machen.

 

Die voreingenommene Geschichtsschreibung des Zionismus

Ich möchte ein bemerkenswertes Beispiel für voreingenommene Geschichtsschreibung aus einem anderen Bereich anführen. Die moderne zionistische Bewegung hat sich lange Zeit auf das aus den westlichen christlichen Ländern stammende Judentum konzentriert. Der Zionismus hat das Erbe der jüdischen Gemeinden, die aus östlichen muslimischen Ländern stammen, weitgehend ignoriert. Die langjährige Betonung des Beitrags des abendländischen Judentums in der zionistischen Geschichtsschreibung ging auf Kosten der orientalisch-jüdischen Beiträge zur hebräischen Nationalbewegung.

Das okzidentale Judentum hatte innerhalb der zionistischen Mainstream-Geschichtsschreibung den beachtlichen Anteil nordafrikanischer und nahöstlicher Juden, die an der phänomenalen Restauration des Zionismus beteiligt waren, weitgehend ausgelöscht.

Im Gegensatz zu aschkenasischen Juden, die den Löwenanteil des Interesses an der zionistischen Geschichte auf sich gezogen haben, kämpfen sephardische Juden immer noch darum, in die jüdische nationale Geschichtsschreibung aufgenommen zu werden. Erst seit kurzem kommt die historische Aufarbeitung des sephardischen Judentums langsam in Schwung. Es hat viele Jahrzehnte gedauert, diesen historiografischen Fehler zu rehabilitieren.

 

Der Rat des Apostels Paulus

Eine der ergreifenden Lehren des Apostels Paulus ist für diese Überlegungen relevant. “Ein jeder in der Berufung, in die er berufen worden ist, in dieser soll er bleiben” (1. Korinther 7,20). Mit anderen Worten: Jede einzelne Person – oder Gruppe – hat eine rechtmäßige Berufung und einen legitimen Platz im Gefüge des privaten und nationalen Lebens. Keiner sollte die Berufung des anderen ersetzen.

Jeder sollte seine besondere Berufung von oben gut erkennen, sich daran halten und gleichzeitig auch die Bedeutung der Spezialität des anderen voll respektieren.

 Teil 1 der Serie

 

(Anm. d. Red.: Gershon Nerel, der Autor dieser neuen Serie, ist ein Historiker der modernen Bewegung der jüdischen Jeschua-Gläubigen. Seine Doktorarbeit schrieb er an der Hebräischen Universität über “Messianische Juden in Eretz Israel 1917-1967.”

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