
Kürzlich erhielt ich überraschenderweise eine Nachricht von einer jungen israelischen Frau namens Tomer Zisser, die aus eigener Initiative bereits mehrfach mein Buch „Ihr aber wählet das Leben“ eine junge Witwe erreichte – und mir bestätigte, dass Worte auch in dunklen Zeiten heilen können“ auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht hat. Nachdem sie das Buch geteilt und gelobt hatte, schrieb sie mir mehrere persönliche Nachrichten. Hier ein Auszug: „Hallo Anat, ich wollte dir nur mitteilen, dass dein wunderbarer Sohn Tomer mir zwei Exemplare deines Buches geschickt hat. Ich habe einen Podcast mit einem ganz ähnlichen Namen wie dein Buch: ‘Und du wirst das Leben wählen’. Darin berichte ich von meinem Weg der Bewältigung nach dem Verlust meines Mannes am 7. Oktober 2023. Und ich möchte dir sagen, wie unglaublich passend das für mich war. Ich habe sofort den aktuellen Wochenabschnitt gelesen und er war auf so perfekte Weise mit meinem Leben synchronisiert, dass es kaum zu beschreiben ist. Einfach danke für dieses Buch.“ Eine Woche später erreichte mich eine weitere Nachricht: „Dein Buch ist einfach großartig, ein Geschenk für die Welt! Ich bekomme Gänsehaut, weil alles so präzise mit dem Leben verbunden ist, Woche für Woche.“
Tomer Zisser hat ihren Mann, Major Ilay Zisser, am 7. Oktober 2023 verloren. Der 27-jährige Befehlshaber in Israels Elite-Einheit Sayeret Matkal fiel im Kampf um den Kibbutz Aza. Seine Frau Tomer wählte das Leben. Sie erhob sich aus der Trauer, ging einen neuen Weg und begann einen Podcast zu moderieren, in welchem sie Frauen einlädt, die wie sie schweres Leid erlebt haben.
So beschreibt sie ihr Projekt: „‚Und du wirst das Leben wählen‘ ist ein Podcast, der unterwegs entstanden ist, aus meinem Herzen, das wachsen wollte. Nachdem ich meinen Mann am 7. Oktober verloren hatte, wurde mir klar, die Wahl, wie ich mein Leben weiterführe, liegt allein in meinen Händen. In jeder Folge treffe ich Frauen wie mich, die durch den Krieg zerbrochen wurden und wir sprechen offen über das, was wir erlebt haben, über das, was uns stärkt, und über die Entscheidung für das Leben. Der Podcast gibt einen kleinen, bewegenden Einblick in unseren Weg, in dem es alles gibt: Schmerz, Freude, Trauer und Lachen. Meine Botschaft ist einfach: ‚Und du wirst das Leben wählen‘.“
Tomer verkörpert diese Hingabe an das Leben. „Am Ende bleiben wir hier zurück, und es ist unsere Aufgabe, das Leben wieder zu lieben, dem Universum, der Welt zu vertrauen, dass es wieder gut wird“, erklärt sie. Tomer ist 29 Jahre alt, lebt in Tel Aviv und leitet Gruppen in der Organisation „Gesher“. Die Nachricht von ihr war ein Höhepunkt in meiner persönlichen Lebensphase seit Ausbruch des Krieges.
So oft stellte ich mir die Frage: Wie kann ich helfen? Trage ich genug bei? Ich habe nicht selten geschrieben, dass die Sorgen während dieses Krieges mein Inneres zerfressen haben, mich zeitweise gelähmt haben. Ich habe begonnene Prozesse der Begleitung mit Menschen ausgesetzt und hatte oft Gewissensbisse, vielleicht nicht genug zu tun. Und dann kam diese Nachricht. Sie war für mich eine Bestätigung meiner Berufung – die Art, wie ich meine Aufgabe in die Welt bringe, ist durch das Schreiben. Durch meine Texte streue ich die Botschaft, die mir anvertraut wurde, in die Welt. Ich gebe Gottes Wort Deutungen für unsere Zeit und zeige, dass es lebendig, atmend, relevant ist, in jeder Epoche. Das ist meine Aufgabe.
Und zu erfahren, dass Menschen durch meine Worte Kraft schöpfen und den Anschluss an ihr Leben wiederfinden, in schweren Krisen wie auch in glücklichen Momenten, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Im Hebräischen heißt es: „Der Bäcker soll seine eigene Backware nicht loben.“ Und gewiss ist es auch nicht meine Absicht, mich selbst zu rühmen. Oft habe ich das Gefühl, dass die Frau, die diese Texte schreibt, gar nicht ich bin. Denn die meisten meiner Texte entstehen in Momenten reiner Inspiration, in einer tiefen inneren Verbindung. Das sind Augenblicke, die ich „Schätze und Perlen“ nenne. Sie sind nicht jederzeit da, im Gegenteil, ich kenne auch Wüstenzeiten ohne Inspiration. Doch wenn sie kommt, weiß ich es sofort. Es ist eine Nähe zur Schechina, zur inneren Stimme. Diese Inspiration hat keinen festen Ort, keine Uhrzeit. Sie kann mitten in der Nacht auftauchen, beim Kochen oder unterwegs. Als wäre sie ein eigenes Wesen.
Und um diese Momente einzufangen, fange ich an, im Kopf zu schreiben und im Herzen zu jubeln, oft, wenn ich gerade nicht am Computer sitze. Darum habe ich Techniken entwickelt, um diese Impulse nicht zu verlieren. Wenn ich mich dann hinsetze und schreibe, weiß ich sicher, diese Worte werden andere Herzen erreichen. Denn das ist die Natur der Inspiration, sie verbindet Herzen, ohne dass sie sich kennen. Sie öffnet uns für neue Einsichten, hilft uns in herausfordernden Zeiten. Die Inspiration kommt zwar durch eine bestimmte Person, doch sie erhebt nicht diese Person, sie macht sie zu einer Brücke, die Himmel und Erde verbindet.
Wenn eine junge Frau wie Tomer Zisser, die das Schlimmste erlebt hat und ihr Leben neu aufbaut, mir schreibt, dass meine Texte ihr helfen und sie „ein Meisterwerk“ nennt, dann weiß ich, ich bin am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Und mein Herz ist voller Dankbarkeit.




