Jeder vierte Europäer ist immer noch antisemitisch

Antisemitische Vorurteile unter Muslimen deutlich höher als bei anderen Volksgruppen.

von David Lazarus | | Themen: BDS
Foto: Uri Lenz/Flash90

Basierend auf den Ergebnissen einer kürzlich durchgeführten Umfrage der Anti-Defamation League (ADL), hat jeder vierte Europäer immer noch eine negative und hasserfüllte Einstellung gegenüber Juden.

Der Antisemitismus ist in ganz Europa nach wie vor weit verbreitet und der Hass auf Juden nimmt in den befragten Ländern deutlich zu. Vorurteile gegenüber Juden und Verschwörungstheorien über die jüdische Dominanz der Finanzwelt und doppelter Loyalität sind traurigerweise immer noch weit verbreitet und nehmen sogar zu.

Die Umfrage wurde zwischen April und Juni 2019 im Rahmen des ADL Global 100 Index in 18 Ländern wie Ost- und Westeuropa, Kanada, Südafrika, Argentinien und Brasilien durchgeführt – Länder mit großer jüdischer Bevölkerung.

Zusätzlich zu den beunruhigenden Ergebnissen aus Europa fand die Umfrage ebenfalls einen signifikanten Anstieg der antisemitischen Einstellungen in Argentinien, Brasilien, Polen, Russland, Südafrika und der Ukraine, verglichen mit der ADL-Studie aus dem Jahr 2015.

In Polen, wo die Wiederherstellung des während des Holocaust geraubten jüdischen Eigentums in den letzten Jahren im Mittelpunkt eines öffentlichen Diskurses stand, ist die antisemitische Einstellung auf 48 Prozent der Bevölkerung angewachsen, verglichen mit 37 Prozent im Jahr 2015. Polen, wo die bedeutendste europäische jüdische Kultur und Bevölkerung vollständig vernichtet wurde, behaupten immer noch drei von vier Befragten, dass „die Juden zu viel darüber reden, was mit ihnen im Holocaust passiert ist“.

In Ungarn, wo eine nationalistische Regierung gegen Einwanderer kämpft, und darunter Anschuldigungen gegen den jüdischen Tycoon George Soros erhebt, glauben 25 Prozent der Bevölkerung, dass „Juden unsere nationale Kultur schwächen wollen, indem sie die Einwanderung in unser Land unterstützen“. Der gesamte antisemitische Index in Ungarn erreichte 42 Prozent, verglichen mit 40 Prozent im Jahr 2015.

„Es ist sehr beunruhigend, dass etwa jeder vierte Europäer die gleichen antisemitischen Einstellungen hat, die schon vor dem Holocaust herrschten“, sagte Jonathan Greenblatt, der Global Executive Director der ADL. „Dies ist ein Weckruf, dass der Kampf gegen Antisemitismus in diesen Ländern entschlossen angegangen werden muss. Zudem sollten die Sicherheitsmaßnahmen für die jüdische Bevölkerung in den Gebieten, in denen die Zahl der gewalttätigen antisemitischen Vorfälle steigt, erhöht werden“. sagte Greenblatt.

Die Untersuchung negativer Einstellungen gegenüber Juden ist nur ein Teil der ADL-Studie. Weitere Aspekte die untersucht werden, sind die Anzahl und Art der antisemitischen Vorfälle jedes Jahr und Umfragen unter jüdischen Gemeinden über den Grad des Antisemitismus, den sie in ihren Gemeinden und in Bezug auf die Regierungspolitik erleben.

Hier sind einige der wichtigsten Erkenntnisse der aktuellen Umfrage 2019:

Das Vorurteil der jüdischen Kontrolle über Geschäfts- und Kapitalmärkte gehört zu den bösartigsten und verwurzeltsten antisemitischen Vorstellungen, welches vor allem in den untersuchten Ländern Mittel- und Osteuropas verbreitet ist. Als die Befragten gefragt wurden, ob sie mit dem Sprichwort „Juden haben zu viel Macht in der Geschäftswelt“ einverstanden sind, stimmten nicht weniger als 72 Prozent der Ukrainer zu, 71 Prozent der Ungarn, 56 Prozent der Polen und 50 Prozent der Russen.

Jüdischer Verrat an der Nation, in der sie leben, ist ein weiterer häufiger antisemitischer Stereotyp. In Österreich, Belgien, Dänemark, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Spanien glauben mehr als 40 Prozent der Bevölkerung, dass Juden dem Staat Israel gegenüber loyaler sind als ihrem eigenen Land. Auch in Brasilien (70 Prozent), Südafrika (60 Prozent) und Kanada (25 Prozent) ist dieses Konzept sehr verbreitet, verglichen mit dem Gesamtindex aller Länder von 8 Prozent.

Antisemitische Stereotypen waren bei Muslimen deutlich höher als bei anderen Volksgruppen – im Durchschnitt fast dreimal so hoch in diesen sechs untersuchten Ländern: Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und das Großbritannien. Gleichzeitig war der muslimische Antisemitismus in Europa deutlich geringer als bei den Umfragen 2014 im Nahen Osten und in Nordafrika, wo der Antisemitismus unübertroffen war. Möglicherweise ist dies darauf zurückzuführen, dass in Europa Muslime, die Juden begegnen, stark über den Holocaust belehrt werden und die sozialen Werte von Akzeptanz und Toleranz in diesen Ländern mitbekommen.

Die Umfrage ergab andererseits eine signifikante Abnahme des Antisemitismus in Italien und Österreich. In Italien ist die antisemitische Einstellung um 11 Prozent zurückgegangen. In Österreich gab es einen Rückgang von 8 Prozent. Dagegen blieb Belgien mit 24 Prozent, Deutschland mit 15 Prozent und Dänemark mit 10 Prozent unverändert.

In den meisten europäischen Ländern geben nur wenige Menschen den Juden die Schuld an den Einwanderungsproblemen. Die Umfrage ergab jedoch, dass viele Befragte glauben, dass die Traditionen ihres Landes durch die Einwanderungsströme gefährdet sind. Dies ist besonders häufig in Österreich, Dänemark, Ungarn und den Niederlanden der Fall (50% und mehr). In Südafrika stimmten 41 Prozent dem Satz zu: „Juden wollen unsere nationale Kultur schwächen, indem sie Einwanderer bei der Einreise in unser Land unterstützen“.

Unterstützung der BDS Kampagne ist noch gering

In allen untersuchten Ländern – mit Ausnahme von Südafrika – wurde die Unterstützung für die BDS-Kampagne gegen den Staat Israel als relativ gering eingeschätzt. Trotz des hohen Antisemitismus in den europäischen Ländern betrug die Unterstützung für den Boykott Israels weniger als 15 Prozent. In Südafrika, einem Land, das einen Boykott gegen seine eigenen Regierungen der Apartheid-Ära erlebte, unterstützen 38 Prozent der Bevölkerung die BDS-Kampagne gegen Israel.

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