Die katholische Verbindung zu messianischen Gläubigen (1) Olivier Fitoussi/Flash90
Religion

Die katholische Verbindung zu messianischen Gläubigen (1)

Nicht alle jüdischen Jeschua-Gläubige sind dem protestantischen Weg gefolgt

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Auch im Jahr 2020 gedenken und erinnern sich noch viele Israelis noch an den verstorbenen Marcel-Jacques Dubois, einen frommen dominikanischen Mönch, Theologen und Philosophen. Er wurde vor einem Jahrhundert in Frankreich geboren. Die meiste Zeit seines Lebens, nämlich 45 Jahre, verbrachte er in Jerusalem. Im Jahr 2007 wurde er im Kloster Beit Jamal in der Nähe der biblischen Stadt Beit Schemesch beigesetzt.

Obwohl er umgangssprachlich fließend Hebräisch sprach und schrieb, konnte er seinen sehr starken französischen Akzent nicht verbergen. Wenn er in seinem weißen Mönchskleid vor israelischen Zuhörern sprach, verlieh diese Aussprache seinem Auftreten einen geheimnisvollen Charme.

Als eingebürgerter israelischer Staatsbürger und Experte für mittelalterliche Philosophie an der 1925 gegründeten national-zionistischen Hebräischen Universität in Jerusalem war Dubois bestrebt, eine positive Perspektive in die zeitgenössischen katholisch-jüdischen Beziehungen einzubringen. Er wurde stark von den Ansichten des Zweiten Vatikanum beeinflusst, insbesondere der berühmten Erklärung “In unserer Zeit” (Nostra aetate), die den Zugang für einen respektvollen Umgang der Katholiken mit dem Judentum und den Juden geöffnet hatte.

Infolgedessen engagierte er sich auch gerne mit den örtlichen jüdischen Gläubigen des Herrn Jeschua und ermutigte sie, ob sie nun protestantische oder katholische Traditionen annahmen oder nicht.

 

“Christlicher Dichter von Zion”

Heute sind viele von Dubois Studenten führende Gelehrte an israelischen Universitäten, die ihn oft als den “christlichen Dichter von Zion” bezeichnen. Im Juli 2020 veranstaltete das Van Leer Jerusalem Institute anlässlich seines hundertsten Geburtstages ein interessantes Symposium auf Hebräisch. Während der gesamten Dauer des Symposiums wurden anregende Themen diskutiert, wie die altgriechische und christliche Philosophie und der Trilog zwischen der katholischen Kirche, den Juden und der muslimischen Welt. Die Vortragenden erwähnten Dubois einzigartigen Beitrag zur öffentlichen kulturellen Toleranz innerhalb der israelischen Gesellschaft, für den ihm 1996 der angesehene Israel-Preis verliehen wurde.

Es überrascht jedoch nicht, dass die jüngste Van Leer-Konferenz einen interessanten, ja sogar bedeutenden Aspekt in Dubois Aktivitäten “vergaß”, nämlich seine enge Interaktion mit den jüdischen Jeschua-Gläubigen im Land Israel.

In diesem zweiteiligen Artikel möchte ich dieses “messianisch-katholische” Thema aus meinen eigenen historischen Erinnerungen und Erfahrungen beleuchten.

 

Protestantische messianische Juden und hebräische Katholiken

Als Dubois sich auf die Entwicklung des breiten Dialogs zwischen Katholiken und Juden konzentrierte, fand das Zentrum seiner Aktivitäten im Beth Yeshayahu (Jesaja-Haus) statt, nicht weit von Jerusalems Shoppingmeile Mamilla und dem Jaffa-Tor in der Altstadt. In jenen Tagen arbeitete er eng mit dem verstorbenen Dominikaner Bruno Husar zusammen, dem hebräisch-katholischen Katholiken, der das Dorf Neve Shalom in der Nähe von Latroun gründete, ein Zentrum für die Versöhnung zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

Sowohl Dubois als auch Husar waren Teil der “Association of Saint James”, einer lokalen Gemeinde, die für hebräischsprachige Juden und andere Katholiken gegründet wurde. Diese beiden Dominikaner waren fest davon überzeugt, dass die katholische Kirche jede Form von Missionierung unter dem jüdischen Volk unterlassen sollte.

Gleichzeitig hatte Dubois die komplexe Situation zwischen den beiden Zweigen der jüdischen Jeschua-Gläubigen, die zwei gegensätzlichen historischen Traditionen folgen, gut beobachtet: Protestantische messianische Juden und hebräische Katholiken.

Hierbei ist hinzuzufügen, dass es neben diesen beiden “Polen” noch weitere jüdische Jeschua-Gläubige gibt, vor allem unter den Neueinwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, von denen einige die Traditionen der Russischen Ostorthodoxen Kirche übernommen haben.

 

Neues Vokabular

Photo: Gershon Nerel

Die Gestaltung der lokalen Selbstidentität unter allen modernen jüdischen Jeschua-Gläubigen hatte Dubois nicht nur als anthropologische Angelegenheit interessiert. Er wies auch auf die Achse ihrer national-religiösen Sprache und ihre patriotische Verbundenheit mit dem Land hin. Dubois war sich voll und ganz der Tatsache bewusst, dass die soziale und zivile Integration dieser Gläubigen in den jüdischen Staat auch ein neues rituelles Vokabular hervorbringen würde. Nämlich: Wie kann man traditionellen christlichen Begriffen Ausdruck verleihen, für die es im zeitgenössischen modernen Hebräisch kein Wort gibt?

Ein prominentes Beispiel für dieses Dilemma ist die Frage, wie man die Bibel nennen soll. Die hebräische Bibel heißt TANACH, ein hebräisches Akronym für Thora, Neviim (Propheten) und Schriften. Doch wie soll man eine Bibel nennen, die das Tanach als auch das Neue Testament enthält? Eine gemeinsame israelisch-protestantisch-katholische Initiative erfand einen neuen hebräischen Begriff: Sefer Habritot, was “Das Buch der Bündnisse” bedeutet. Dieser Begriff wurde erstmals 1976 von Robert Lisle Lindsey veröffentlicht, dem verstorbenen amerikanisch-baptistischen Herausgeber einer Broschüre mit dem Titel Christliche Begriffe in Hebräisch, die vom Vereinigten Christenrat in Israel (UCCI) herausgegeben wurde. Tatsächlich tragen heute die meisten Publikationen des gebundenen Bandes des Alten und Neuen Testaments in modernem Hebräisch, hauptsächlich von der Bibelgesellschaft in Israel, nur noch den Titel Sefer Habritot: Buch der Bündnisse.

Aus jüdischer Sicht ist diese experimentelle Bezeichnung der “ganzen” Bibel jedoch bei weitem nicht zutreffend, da sie dem panoramaartigen und umfassenden Inhalt des TANACH, bei dem es nicht nur um einen Bund geht, keinen Ausdruck verleiht. Auch ist der TANACH nicht überholt, als wäre er nur das ältere von zwei Testamenten.

 

Wer hat das Neue Testament ins moderne Hebräisch übersetzt?

Eine weitere gemeinsame protestantisch-katholische Zusammenarbeit in Israel war die erste Übersetzung des Neuen Testaments ins umgangssprachliche Hebräisch. Diese Version wurde mit der sprachlichen Unterstützung von zwei weiteren katholischen Mönchen durchgeführt: dem jüdischen Dominikaner Gabriel Grossman und dem im Juli 2020 verstorbenen Lexikologen Yohanan Elihay (Jean Leroy).

Diese ungewöhnliche Ausgabe wurde erstmals 1976 von dem verstorbenen Victor Smadja, Inhaber der messianischen Druckerei Yanetz in Jerusalem, veröffentlicht. In den 1990er Jahren stellte Smadja jedoch die Herausgabe dieser modernen Version des Neuen Testaments ein und konzentrierte sich seitdem nur noch darauf, die klassische Übersetzung von Delitzsch im biblischen Stil zu drucken.

Gershon Nerel (www.iseeisrael.com)

Auf die Verbindung zwischen römisch-katholischen und jüdischen Jeschua-Gläubigen werden wir in Teil 2 dieser historischen Studie näher eingehen.

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