Christen, Israel und das Ende unparteiischer Liebe

„Israel hat sich selbst geschadet, indem es nicht erkannt hat, wie wichtig der jüdische Staat für Christen ist, weil es nicht erkannt hat, dass Israel ein gemeinsames jüdisch-christliches Projekt ist“.

von Tsvi Sadan | | Themen: Christen
Evangelikale Christen ziehen während des Laubhüttenfestes als Zeichen der Unterstützung für Israel durch Jerusalem. Foto: Yonatan Sindel/Flash90

Bevor ich mit Professor Yaakov Ariel sprach, der an der North Carolina University lehrt und dessen Fachgebiet Amerikanische Christenheit ist, hatte ich meine über die letzten zwei Jahrzehnte gefestigte Meinung schon zurechtgelegt, nämlich dass sich amerikanische Evangelikale vermehrt von pro-israelisch zu pro-palästinensisch wandeln. Wie so oft ist die Realität jedoch etwas komplexer.

 

Prof. Yaakov Ariel

Israel Heute: Je liberaler Evangelikale werden, desto mehr stellen sie sich gegen Israel. Ist diese Einschätzung korrekt?

Prof. Ariel: Es stimmt, dass progressive Denominationen Israel gegenüber weniger positiv eingestellt sind, aber es gibt auch Abstufungen. Es gibt pro-palästinensische Lutheraner, die meisten Lutheraner sind aber immer noch pro-Israel. Die meisten Gemeinden versuchen, Neutralität zu wahren. Es gibt aber auch jene, die von der traditionellen pro-Israel in eine starke Anti-Israel-Position abgerutscht sind. Reformkirchen wie die Kirche Schottlands, die in der Vergangenheit den Zionismus unterstützte, sind jetzt Israel gegenüber feindselig eingestellt. Diese Veränderung kann man auch an bestimmten Leitern des Jerusalemer Weltkirchenrates feststellen. Mitri Raheb, ein palästinensischer lutherischer Pfarrer, ist für seine anti-israelische Haltung bekannt.

 

Arabische Christen scheinen also unter den Anstiftern des Wandels zur Anti-Israel-Einstellung westlicher Kirchen zu sein?

Das war bis zum arabischen Frühling und der Zerstörung der christlichen Gemeinden im Irak der Fall. Die koptische Kirche in Ägypten, die gegen Israel war, ist jetzt dem jüdischen Staat gegenüber aufgeschlossener. Dasselbe kann von Christen im gesamten Nahen Osten gesagt werden. Der IS und die katastrophale Situation der ägyptischen Kopten unter Morsi hat einige arabisch-sprachige Christen, gemessen am Wohlstand der Christen in Israel dazu gebracht, Israel wohlwollender zu betrachten.

 

An welchem Punkt begann die Unterstützung für Israel bei westlichen Christen zu bröckeln?

Die uneingeschränkte Unterstützung für Israel, die auf den Sechs-Tage-Krieg folgte, ging in den 1980er Jahren nach und nach zurück, und zwar mit dem Vormarsch der postkolonialen Ideologie. An diesem Punkt begannen einige amerikanische jüdische und christliche Gemeinden von ihrer fast blinden Unterstützung Israels auf einen eher kritischen Ansatz umzuschwenken, der sich auf den ‚Besatzungs-Bericht‘ stützte.

 

Inwieweit trägt Israel Verantwortung für den Rückgang christlicher Unterstützung?

Israel hat darin versagt, die christliche Welt zu verstehen. Unwissende Bürokraten zeigen nach wie vor ein hohes Maß an Gefühlslosigkeit. Am meisten jedoch scheitert Israel daran, seine moderne Wiedergeburt als ein gemeinsames jüdisch-christliches Werk zu sehen, als ein globales Projekt. Israel muss sein Bestes tun, um seine Verpflichtung universellen Werten gegenüber effektiv zu formulieren. Dank kleinkarierter Provinzialität ist es daran bislang kläglich gescheitert. Dass es nicht verstanden hat, wie wichtig der jüdische Staat für Christen ist, schadet Israel.

 

Israelische Leiter sehen sich einem hohen Maß an Feindseligkeit gegenüber. Deshalb wollen viele von ihnen nicht an öffentlichen Debatten oder Konferenzen teilnehmen.

Es wäre falsch, solche Treffen zu meiden. Wenn Juden zu unfreundlichen Foren eingeladen werden, um dort zu sprechen, hat das einen beruhigenden Effekt. Ihre Anwesenheit zwingt die Organisatoren, sensibler zu sein und Rücksicht zu nehmen. Die Teilnahme einiger messianischer Juden bei der Christus-am-Checkposten-Konferenz ist solch ein Fall. Durch ihre Anwesenheit waren die Organisatoren gezwungen, ihre Erklärungen abzuschwächen. Dadurch wurden Möglichkeiten zukünftiger Kommunikation geschaffen.

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