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Zurück zur alten jüdischen Einteilung der Bibel?

Ein Rabbi will die christliche Kapitel-Einteilung der jüdischen Heiligen Schrift aus einleuchtenden Gründen abschaffen und wieder auf die althergebrachte Unterteilung zurückgreifen.

Foto: Orel Cohen/Flash90

Die Bibel wurde erst im 13. Jahrhundert von Stephen Langton, dem Erzbischof von Canterbury, in Kapitel eingeteilt. Von 1207 bis 1228 dauerte seine Arbeit an der Einteilung der Bibel. Weltweit ist Langton ebenso für seinen Entwurf der Magna Carta bekannt. Den Juden ist er aus anderen Gründen in Erinnerung: Er war der erste, der sie zwang, in England ein unverkennbares, weißes Abzeichen zu tragen. Langton war der typische mittelalterliche christliche Antisemit, der glaubte, dass die Kirche die Juden als erwähltes Volk abgelöst hatte.

Rabbi Bezalel Ariel setzt sich seit 2011 dafür ein, dass die jüdische Einteilung in Kapitel (genannt Seder, Sedarim) wieder hergestellt wird. Die christliche Einteilung reflektiere die Kirche-versus-Israel-Theologie. Rabbi Ariels Projekt „Shiva LeBitzaron“ (Zurück zu unseren Festungen; Sacharja 9,12) wird von anderen Rabbis wie Yaakov Medan unterstützt. Das Projekt soll dabei helfen, die Seder-Unterteilung für jeden zugänglich zu machen, der daran interessiert ist. Man hofft, eines Tages die christliche Kapitel-Unterteilung ablösen zu können.

Für Ariel geht es hier nicht um engstirnige Kleingeistigkeit. Er legt dar, dass die momentane Kapitel-Einteilung einer theologischen Voreingenommenheit unterliegt, die den Lesern einen negativen Blick auf Israel verschafft. Die jüdische Unterteilung, die vor der christlichen gang und gäbe war, reflektiert dagegen positive Ansichten, nämlich dass Israel trotz seiner Fehler für immer Gottes erwähltes Volk bleiben wird.

Die althergebrachte Unterteilung der Bibel in Sedarim wurde in den Schriftrollen vom Buchstaben ס (s) markiert. Die jüdische Bibel ist dementsprechend in 24 Bücher unterteilt, es gibt 154 Kapitel im Pentateuch, 204 in den Propheten und 89 Kapitel der Schriften. Die 154 Kapitel des Pentateuch wurden innerhalb eines Dreijahreszirkels durchgenommen. Heute wird ein Einjahreszirkel praktiziert, bei dem jährlich 54 Abschnitte gelesen werden. Diese relativ langen Wochenabschnitte werden von professionellen Vorlesern gelesen. Die damaligen Seder-basierten Abschnitte waren wesentlich kürzer und dazu geeignet, dass jedermann sie öffentlich lesen konnte. Diese Unterteilung ist heute in der Koren Bibel-Version gekennzeichnet.

Ariel hat bislang viele Beispiele der negativ/positiv-Unterteilung veröffentlicht, von denen hier eines aufgegriffen werden soll: Seder 2 im 1. Buch Mose (Genesis) beginnt mit „Dies ist die Geschichte des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden, zu der Zeit, als Gott der Herr Erde und Himmel machte.“ (1.Mo. 2,4). Seder 3 beginnt mit „Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner, indem er erkennt, was Gut und Böse ist.“ (3,22). Seder 4 beginnt mit „Dies ist das Buch der Geschichte von Adam: An dem Tag, als Gott den Menschen schuf, machte er ihn Gott ähnlich.“ (5,1) Seder 5 beginnt mit „Dies ist die Geschichte Noahs: Noah, ein gerechter Mann, war untadelig unter seinen Zeitgenossen; Noah wandelte mit Gott.“ (6,9).

Seder 2 unterstreicht, dass die Welt erst nach der Schöpfung des Menschen bewohnbar wurde. Seder 3 betont die Einzigartigkeit des Menschen (mit dem Wissen über Gut und Böse). Seder 4 hebt hervor, dass der Mensch Gott ähnlich erschaffen wurde. Seder 5 beleuchtet die Gerechtigkeit Noahs. Diese Unterteilung drückt die fundamentale jüdische Anschauung des Menschen als gut aus.

Die christliche Unterteilung betont das christliche Verständnis, dass der Mensch von Grund auf böse ist. Dementsprechend endet Kapitel 2 mit einem negativen „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und sie schämten sich nicht“. Kapitel 3 beginnt mit einer negativen Beschreibung der Schlange, die Adam und Eva verführt. Kapitel 4 endet mit Kain, der seinen Bruder tötet. Kapitel 6 beginnt mit den negativen Vorkommnissen, bei denen die Söhne Gottes die menschlichen Frauen heiraten.

Dieses negative Bild, das mit Menschen im Allgemeinen beginnt, spitzt sich immer mehr auf Israel gerichtet zu. So wird beispielsweise die jüdische Unterteilung mit dem Vers eingeleitet, der das positive in der sündigen Situation mit dem Goldenen Kalb hervorhebt, genau der gleiche Vers, mit dem das christliche Kapitel endet: „Und als er mit Mose auf dem Berg Sinai zu Ende geredet hatte, gab er ihm die beiden Tafeln des Zeugnisses, Tafeln aus Stein, beschrieben mit dem Finger Gottes.“ (2.Mo. 31,18). Für die Juden beginnt dagegen die Seder mit einer hoffnungsvollen Mitteilung: Das Gesetz ist gegeben worden, trotz der Sünde des Goldenen Kalbs. Die christliche Einteilung unterteilt zwischen dem Positiven und dem Negativen mit dem Beginn von Kapitel 32: „Auf, mache uns Götter, die uns vorangehen sollen!“ Dieser Satz hinterlässt bei dem Leser einen negativen Eindruck über den moralischen Charakter Israels.

Gewohnheiten lassen sich leider nicht so leicht abschaffen. Es mag wichtig sein, doch auch nach 10 Jahren ist Rabbi Ariels Projekt noch immer weitestgehend so gut wie unbekannt. Das bedeutet nicht, dass es nicht irgendwann einmal einen Moment geben könnte, an dem die Juden wieder auf die Lesart zurückgreifen, in der sie die Bibel bis ins 15. Jahrhundert hinein gelesen hatten, bevor Gutenbergs erste gedruckte, in christliche Kapitel eingeteilte Bibel die handgeschriebenen Manuskripte ablöste.

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Patrick Callahan

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4 Kommentare zu “Zurück zur alten jüdischen Einteilung der Bibel?”

  1. marie.luise.notar sagt:

    Ariel.. legt dar, dass die momentane Kapitel-Einteilung einer theologischen Voreingenommenheit unterliegt, die den Lesern einen negativen Blick auf Israel verschafft.
    DAS IST FÜR MICH NICHT NACHVOLLIEHBAR….geht es um Kapitel oder um Inhalt..!!! Der HL Geist führt uns in alle Wahrheit….für mich als österreichische Christin sind Juden : die GELIEBTEN um der Väter willen. Gott bewahre uns, die Brüder und Schwestern von JESUS negativ zu beurteilen…zum Christsein gehört auch das in der Bibel STUDIEREN…in einer Bibel, in der wir uns auskennen und uns nicht wieder mit irgend einem neuen Kapitelsystem auch noch anfreunden müssen….

  2. jotfried sagt:

    Die Einteilung in Kapitel und die Untergliederung in Verse ist ein Segen für alle, die sich schriftlich darüber austauschen wollen. Darüber „zu rechten“, wessen Einteilung „richtig ist“, verhindert den Blick aufs Wesentliche.

    Das Dilemma sämtlicher Religionen besteht darin, dass ihre Vertreter einen Bogen machen um das Wort ‚Zwischenzeit‘, welches die Schnittstelle benennt zwischen noch imaginärer Zukunft und schon hinter uns liegender Vergangenheit, die nun also schon wieder total tot ist.

    Obwohl von zeitloser Dauer, ist nur in der Zwischenzeit Platz für das lebendige Leben, aber auch gleichzeitig für die Gegenwart Gottes.

    Die Unterteilung der Bibel in Kapitel und Verse ist dagegen papalapap – trotz ihrer eingangs erwähnten Nützlichkeit.

  3. Patricia Schekahn sagt:

    Fühlen sich jüdische Menschen unverstanden, ist es unsere Aufgabe dem mit Verständnis und Weisheit zu begegnen. Das entscheidet, ob Mauern zwischen uns ab- oder aufgebaut werden.
    Wenn meine Familie leidet, leide ich mit, besonders wenn ihnen unverschuldet Ungerechtigkeit widerfährt.
    Im Gottesvolk ist es ebenso.
    Viele Missverständnisse und Fehlinterpretationen über Jahrhunderte haben unser Verständnis getrübt.
    Ich darf auf einen Vortrag von Dr. John und Dr. Patrice Fischer, November 2022, Berlin hinweisen, der dies behandelt:
    “DAS 1. BUCH MOSE RICHTIG LESEN – JAKOB UND JOSEF NEU VERSTEHEN, UM ANTIJÜDISCHE INTERPRETATIONEN ZU BESEITIGEN”
    „Die Geschichten von Jakob und Josef werden oft so interpretiert, dass diese Interpretationen die Grundlage für offenen oder unbeabsichtigten Antisemitismus und Antijudaismus bilden. Wir müssen ihre Geschichten richtig verstehen.“
    Allen Mitarbeitern Gottes herzliche Segensgrüße nach Jerusalem.
    Schalom.

  4. eberhard.siebel sagt:

    Egal was dieser Herr Langton für ein Mensch war, man sollte nicht anfangen, die Buch-, Kapitel- und Verseinteilung der Bibel zu ändern. Jeder, der eine Bibel hat, weiß das in Hiob 19,25 steht „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ oder in
    Joh 3,16 „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Es ist so gut, daß man sich weltweit über die Bibel unterhalten kann und weiß über welchen Text man spricht.

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