In unserem Tora-Wochenabschnitt Chukkat lesen wir von einer ungewöhnlichen Anfrage der Israeliten an die Edomiter: Sie bitten um Durchzug durch deren Gebiet. Die Edomiter stammen von Esau ab, dem Bruder Jakobs, und lebten südlich von Israel. Sie waren also eine Art Brudervolk – vielleicht entfernt vergleichbar mit Deutschland und Österreich oder England und Australien.
Dementsprechend nennt Mosche sie auch Brüder, als er sie um Durchgang durch ihr Land bittet:
„Danach sandte Mose Boten aus Kadesch zu dem König von Edom: So lässt dir dein Bruder Israel sagen: Du kennst alle Not, die uns begegnet ist; dass unsere Väter nach Ägypten hinabgezogen sind; dass wir lange Zeit in Ägypten gewohnt und die Ägypter uns und unsere Väter misshandelt haben; und wir schrien zum Herrn, und er erhörte unsere Stimme und sandte einen Engel und führte uns aus Ägypten heraus. Und siehe, wir sind in Kadesch, einer Stadt am äußersten Ende deines Gebietes. So lass uns nun durch dein Land ziehen! Wir wollen weder durch Äcker noch durch Weinberge gehen, auch kein Wasser aus den Brunnen trinken. Wir wollen auf der Straße des Königs ziehen und weder zur rechten noch zur linken Seite abweichen, bis wir durch dein Gebiet gezogen sind!“
Der König von Edom aber antwortete: „Du sollst nicht durch mein Land ziehen, sonst werde ich dir mit dem Schwert entgegenziehen!“ Und obwohl Israel noch einmal betonte, nur auf der gebahnten Straße ziehen und sogar für Wasser bezahlen zu wollen, blieb Edom hart. Am Ende heißt es: „So verweigerte Edom Israel die Erlaubnis, durch sein Gebiet zu ziehen. Und Israel wich ihm aus.“
(4. Mose 20,14–21)

Man kann dem König von Edom nicht völlig verübeln, dass er nicht begeistert war, seine lange verschollenen Verwandten nach mehr als 200 Jahren plötzlich an seiner Grenze zu sehen. Wir sprechen hier von einem Volk von etwa zwei Millionen Menschen.
Konnte er Mosche vertrauen, wenn dieser sagte, Israel wolle friedlich durch das Land ziehen? Vielleicht würde Israel angreifen, sobald es sich mit seinen Kriegern mitten in Edom befand.
Andererseits zog nicht nur eine Armee durch die Wüste. Das gesamte Volk war dabei: Frauen, Kinder, Vieh und auch das Gold, das Israel aus Ägypten mitgenommen hatte. Das spricht eher gegen eine feindliche Absicht.
Vorsichtshalber lehnte der König von Edom das Gesuch der Israeliten ab. Damit verspielte er die Freundschaft eines Volkes, das gerade vom Schöpfer auf wundersame Weise aus Ägypten gerettet worden war und auf ebenso wundersame Weise in der Wüste überlebt hatte.
Der nächste König und der nächste König
Im nächsten Kapitel erleben wir ein ähnliches Szenario noch einmal. Mosche bittet Sihon, den König der Amoriter, durch sein Land ziehen zu dürfen. Auch er lehnt ab. Mehr noch: Er greift Israel sogar an.
„Und Israel sandte Boten zu Sihon, dem König der Amoriter, und ließ ihm sagen: Lass mich durch dein Land ziehen! Wir wollen weder in die Äcker noch in die Weingärten abbiegen, wollen auch vom Brunnenwasser nicht trinken; wir wollen auf der Straße des Königs ziehen, bis wir durch dein Gebiet gezogen sind!
Aber Sihon gestattete Israel nicht, durch sein Gebiet zu ziehen; und Sihon versammelte sein ganzes Volk und zog aus, Israel entgegen in die Wüste. Und als er nach Jahaz kam, kämpfte er gegen Israel. Israel aber schlug ihn mit der Schärfe des Schwertes und nahm sein Land in Besitz.“
(4. Mose 21,21–24)
Sihon wusste wahrscheinlich, dass Israel nicht gegen Edom gekämpft hatte. Er hätte also davon ausgehen können, dass Israel auch bei ihm friedlich weitergezogen wäre. Trotzdem griff er an.
Der nächste König, Og von Baschan, sprach nicht einmal mehr mit den Israeliten. Er zog ihnen sofort mit seiner Armee entgegen. Auch er wurde besiegt.

Damals wie heute?
Man kann viel aus dieser Geschichte lernen. Mir als Israeli kommt sie merkwürdig bekannt vor.
Israel macht immer wieder Friedensangebote, aber man unterstellt uns böse Absichten. Dabei hat unsere Geschichte gezeigt, dass wir bereit sind, friedlich mit unseren Nachbarn zu leben. Wer sich heute auch nur ein wenig in den sozialen Medien aufhält, bekommt allerdings schnell das Gefühl, Israel sei die Wurzel allen Übels auf der Welt. Kaum etwas könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.
Immer wieder bekämpfen Völker Israel, statt zu erkennen, dass dieser Kampf sie selbst zerstört. Hätte Og von Baschan nicht lieber Frieden machen sollen? Hätte Sihon nicht einfach sagen können: Zieht durch, bezahlt euer Wasser und geht weiter? Und müsste nicht auch der Iran heute begreifen, dass der Kampf gegen Israel am Ende vor allem dem eigenen Volk schadet?
In diesem Wochenabschnitt ist eine Feindseligkeit gegenüber Israel zu spüren, die keine echte Begründung hat. Sie entspringt Misstrauen, Angst und Hass – und sie wird am Ende zum Ruin der Feinde Israels.
Die jüdischen Weisen nannten solchen Hass „Sinat Chinam“ – grundlosen Hass. Doch dieser Hass ist nicht nur grundlos. Er ist auch selbstzerstörerisch.
Der Unterschied ist: Damals besiegte Israel seine Feinde endgültig und hatte danach Ruhe vor ihnen. Heute kommen die Feinde in neuen Formen, mit neuen Waffen, neuen Ideologien und neuen Ausreden. Aber das Muster ist erschreckend alt und solange Israel seine Feinde nicht vollständig besiegt, wird es immer wieder angegriffen werden.
Israel bittet nicht darum, geliebt zu werden. Oft würde es schon reichen, wenn man uns einfach durchziehen ließe.




