Die angespannte Ruhe entlang der israelisch-libanesischen Grenze ist am Donnerstag erneut ins Wanken geraten. Die israelische Luftwaffe hat mehrere militärische Anlagen der schiitischen Terrororganisation Hisbollah im Südlibanon angegriffen und nach Angaben der Armee „gezielt zerstört“. Die IDF spricht von Raketenabschussstellen, Waffenlagern und Beobachtungsposten, die zuletzt wieder verstärkt zur Vorbereitung neuer Angriffe genutzt worden seien.
„Diese Aktivitäten verstoßen klar gegen die Vereinbarungen zwischen Israel und dem Libanon“, erklärte die Armee. Seit Wochen hatten Aufklärungsdaten darauf hingedeutet, dass Hisbollah in entmilitarisierten Zonen erneut Waffen sammelt und strategische Infrastruktur aufbaut – trotz der bindenden Verpflichtung zur vollständigen Abrüstung.
Ein Jahr nach dem Waffenstillstand wächst der internationale Druck
Gestern war der erste Jahrestag des Waffenstillstands zwischen Israel und dem Libanon, der am 27. November 2024 in Kraft trat. Das Abkommen, vermittelt von fünf Staaten darunter die USA, verlangte die vollständige Entmilitarisierung des Südlibanon und die Entwaffnung der Hisbollah-Milizen.
Doch geschehen ist das Gegenteil.
„Anstatt abzurüsten, hat Hisbollah das Jahr genutzt, um sich mit iranischer Hilfe wieder aufzurüsten“, sagte IDF-Sprecher Lt. Col. Nadav Shoshani am Donnerstag. Der Tonfall aus Jerusalem wird härter, nicht zuletzt wegen eines neuen diplomatischen Signals aus Washington.
Nach Informationen aus diplomatischen Kreisen, die der israelischen Presse zugespielt wurden, soll die US-Regierung unter Präsident Donald Trump Beirut eine klare Frist gesetzt haben: Bis zum 31. Dezember muss die libanesische Regierung Schritte zur Entwaffnung Hisbollahs einleiten. Geschieht das nicht, trage Beirut selbst die Verantwortung für die Konsequenzen – eine Formulierung, die Israel politische Rückendeckung für weitere militärische Maßnahmen verschaffen könnte.
Hisbollahs Wiederaufbau – und Israels systematische Gegenangriffe
Während die libanesische Regierung weitgehend handlungsunfähig ist und UNIFIL seit Monaten von „Einschränkungen“ ihrer Bewegungsfreiheit berichtet, operiert Hisbollah fast ungestört.
Israel reagiert darauf mit einer Kombination aus Luftschlägen, verdeckten Operationen und punktuellen Vorstößen in entvölkerte Grenzdörfer, die die Miliz zuvor als operative Zonen genutzt hatte.
Dass die Lage erneut eskalieren könnte, zeigte sich bereits zu Beginn Woche: Am Sonntag eliminierte die IAF in Beirut den Hisbollah-„Generalstabschef“ Haytham Ali Tabatabai. Der Schlag – intern „Black Friday“ genannt – war der erste Angriff auf die libanesische Hauptstadt seit Juli und traf die Nummer zwei der Organisation direkt unterhalb von Generalsekretär Naim Qassem.
Kurz darauf erneuerte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seinen Appell an Beirut:
„Ich erwarte, dass die libanesische Regierung ihre Verpflichtung erfüllt und Hisbollah entwaffnet“, sagte er. Nur so könne der südliche Libanon zu einer stabilen Region werden – und nur so seien „friedliche nachbarschaftliche Beziehungen überhaupt denkbar“.
Analyse: Ein fragiles Gleichgewicht
Trotz des Waffenstillstands herrscht an der Nordgrenze ein instabiles Patt. Hisbollah vermeidet direkte Gegenschläge, um das formale Abkommen nicht vollständig aufzukündigen – doch hinter den Kulissen bereitet die Miliz sich weiter auf die nächste Runde vor. Israel wiederum greift selektiv an, um eine massive Wiederaufrüstung zu verhindern.
Mehrere israelische Sicherheitsanalysten warnen bereits:
Sollte Hisbollah ihr aktuelles Tempo beibehalten, könnten diese präventiven Luftschläge bald in eine offene militärische Auseinandersetzung münden – ähnlich wie die Konfrontation im Herbst 2024, die erst nach zwei Monaten und massiven Verlusten beendet wurde.
Für viele in Jerusalem ist klar: Die jetzige Phase ist möglicherweise nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm.




