Wochenlesung – אֱמֹר – Emor – Sprich ; 3.Mose 21,1 – 24,23 ; Hesekiel 44,15 – 31
In der Bibel – insbesondere in der Tora – wird Zeit nicht nur gemessen, sondern geheiligt. Der Kalender ordnet das Leben nicht einfach organisatorisch, sondern geistlich. Der biblische Kalender ist ein göttlich eingerichtetes „Zeit-Gerüst“, das dem Leben Sinn, Richtung und Heiligkeit verleiht – persönlich und gemeinschaftlich. Mehr dazu im heutigen Wochenabschnitt.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Ich gehöre zu den Menschen, die Kalender lieben. Zu Beginn jedes Jahres eile ich los, um mir rechtzeitig einen zu kaufen – bevor sie ausverkauft sind. Irgendwie scheint es heutzutage weniger Kalender zu geben, was darauf hindeutet, dass der Bedarf zurückgeht. Aus Erfahrung habe ich gelernt: Was ich nicht plane und in meinen Kalender eintrage, werde ich sehr wahrscheinlich auch nicht schaffen. Ob es sich um Arbeitstreffen handelt, Verabredungen mit Freundinnen, einen Anruf zur Arztterminvereinbarung oder ein Familienereignis – wenn es nicht im Kalender steht, verschwindet es einfach aus meinem Gedächtnis.
Zeitmanagement ist mehr als Organisation – es ist eine Lebensweise. Unser Leben ist eines der größten Geschenke, das Gott uns gemacht hat. Und dieses Geschenk teilt er allen in gleichem Maß zu. Auch die Reichsten unter den Reichen haben nur 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und eine begrenzte Lebensspanne – solang sie auch sein mag, sie ist immer zu kurz. „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre“ (Psalm 90,10).
Egal, wer wir sind, was wir erreicht haben oder welche Fähigkeiten wir besitzen – das Wichtigste in unserem Leben, woran sich alles andere misst, ist die Art und Weise, wie wir unsere Zeit verbringen.
Die praktische Lehre daraus klingt einfach – ist es aber nicht, verlasst euch nicht nur auf To-do-Listen. Nutzt einen Kalender.
Die erfolgreichsten Menschen der Welt tragen ihre wichtigsten Aufgaben mit einem konkreten Datum in ihren Kalender ein. Sie wissen: Was dort nicht steht, wird vermutlich auch nicht passieren.
To-do-Listen sind nützlich, aber nicht ausreichend. Sie erinnern uns zwar an das, was zu tun ist, aber nicht, wann es zu tun ist. Sie unterscheiden nicht zwischen Wichtigem und bloß Dringendem. Sie überfrachten unser Bewusstsein mit Nebensächlichkeiten und hindern uns daran, uns auf das zu konzentrieren, was langfristig wirklich zählt.
Nur ein Kalender, der unseren Aufgaben konkrete Zeiten zuweist, verbindet das Was mit dem Wann. Das gilt sowohl für den Einzelnen als auch für ganze Gemeinschaften und Kulturen.
Genau das ist die Bedeutung des hebräischen Kalenders und von Kalendern überhaupt.
Deshalb ist Kapitel 23 im 3. Buch Mose das Kapitel über die Feste, in unserem Wochenabschnitt, ein Grundpfeiler für das fortdauernde Leben des jüdischen Volkes. Es legt einen wöchentlichen, monatlichen und jährlichen Rhythmus heiliger Zeiten fest.
Die Bibel, Gottes Wort, bringt uns dazu, uns an das zu erinnern, was die moderne Kultur gerne vergisst, nämlich dass wir feste Zeiten brauchen, um uns auf das zu konzentrieren, was unserem Leben Sinn verleiht. Und da wir soziale Wesen sind, sind die wichtigsten Zeiten die, die wir mit anderen teilen.
So ist der hebräische Kalender mit seinen Festzeiten ein System gemeinsamer Zeit. Wir alle brauchen eine Identität, und jede Identität ist mit einer Geschichte verknüpft. Deshalb brauchen wir Festzeiten, um uns unsere Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, woher wir kommen und wohin wir gehen.
Das geschieht an Pessach, wenn wir den Gründungsmoment unseres Volkes lebendig werden lassen, den Aufbruch in die Freiheit.
Wir brauchen einen moralischen Kodex – dies feiern wir an Schawuot, wenn wir uns einmal mehr an den Moment erinnern, als unsere Vorfahren am Sinai Berg standen, einen Bund mit Gott schlossen und die Zehn Gebote hörten.
Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass wir auf einer Reise sind – dass wir „Fremdlinge und Gäste“ auf dieser Erde sind und unser Aufenthalt hier nur vorübergehend ist. Das erleben wir an Sukkot, wenn wir in der Laubhütte sitzen.
Von Zeit zu Zeit müssen wir einen Schritt zurücktreten vom Alltag, zur Ruhe kommen, uns über das Gute freuen, das uns geschenkt wurde, unsere Beziehungen pflegen und unsere körperlichen und seelischen Kräfte erneuern – das ist der Schabbat. Und wie wunderbar, dass wir ihn alle sieben Tage haben – einfach genial!
Es gibt noch viele weitere bedeutende Ereignisse im Laufe des Jahres, an die wir uns erinnern sollten: Geburtstage, Unabhängigkeitstag, Gedenktage und vieles mehr.
Die Erkenntnis, dass diese Dinge wichtig und wesentlich für unser Leben sind, reicht nicht aus, denn manches in unserem Leben wird erst dann real, wenn wir es wirklich leben, nicht nur wissen. Darum müssen sie auch in unserem Kalender stehen.
Genau so befolgen wir die Ordnungen und Gesetze, die uns Elohim, unser Gott, gegeben hat. So hat er uns den Kreislauf des Lebens gelehrt und wie wir ihn gestalten sollen.
Der Jahreskalender ist somit ein Wunder voller Feste und heiliger Zeiten – er schafft für uns heilige und gemeinsame Momente, in denen wir unser Leben mit persönlicher und göttlicher Bedeutung füllen. Es sind Augenblicke der Verbindung, die unser Leben auf Erden mit Sinn und Wert erfüllen.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:50, Ausgang 20:09
- Tel Aviv – Beginn 19:12, Ausgang 20:12
- Haifa – Beginn 19:03, Ausgang 20:13
- Beersheva – Beginn 19:10, Ausgang 20:10
- Eilat – Beginn 18:56, Ausgang 20:07
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




