TREUCHTLINGEN, Bayern – Es ist das Jahr 1928. Ein stiller Seder findet im Haus von Siegfried Meyer statt, dem Vorsteher der kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt. Die Familie hat sich um den festlich gedeckten Tisch versammelt, im Zentrum ein prachtvoll verzierter Sederteller – der ganze Stolz der Familie.
Etwa 14 Jahre später wird dieser Teller, zusammen mit dem gesamten Besitz der Familie Meyer, im Zuge der Plünderungs- und Vernichtungskampagne des Dritten Reichs zerstört oder geraubt – Jahrhunderte jüdischer Geschichte und Kultur werden ausgelöscht.
Der Aufstieg der Nationalsozialisten bedeutete das Ende jüdischer Gemeinden in ganz Deutschland. Doch in vielen Regionen waren alte jüdische Gemeinden bereits zuvor durch Urbanisierung und Migration verschwunden.
Schon vor dem NS-Regime hatte der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden ein Dokumentationsprojekt initiiert. Geleitet wurde es vom Kunstforscher Theodor Harburger, der zwischen 1926 und 1932 in der Region tätig war.
Harburger überlebte den Holocaust und wanderte nach Israel aus. Mit sich brachte er seine einzigartige Sammlung, die heute ein beredtes Zeugnis für das Leben der jüdischen Gemeinden in Deutschland ist, die im Holocaust geplündert und vernichtet wurden.
Sechs Jahre lang reiste Harburger durch Bayern, fotografierte Synagogen, Privatsammlungen jüdischer Familien und jüdische Friedhöfe – mit besonderem Fokus auf Judaica.
Seine Aufnahmen wurden auf Glasplatten konserviert. Die entwickelten Fotos klebte er auf Karteikarten, auf denen er knapp dokumentierte, was er aufgenommen hatte. Parallel dazu fertigte er dichte Notizen auf kleinen Zetteln an.
Wo Harburger seine kunsthistorische Ausbildung erhalten hatte, ist unklar. Er erwähnt mehrere Universitäten, an denen er studierte, darunter München, Genf und Berlin.
Seine Notizen, Artikel und Vorträge belegen jedoch eindrücklich seine umfassende Kenntnis in Kunst, Kunstgeschichte sowie jüdischer und allgemeiner Geschichte. Seine Schriften zeugen von tiefer Vertrautheit mit hebräischen und jüdischen Quellen, seine Vorträge in Deutschland und später in Israel spiegeln ein ausgeprägtes jüdisches Bewusstsein wider.
Ein Jahr nach Abschluss seines Projekts kamen die Nazis an die Macht. Viele Synagogen in Deutschland wurden während der Novemberpogrome 1938 niedergebrannt, ihre Einrichtung ging verloren – viele Judaica-Gegenstände waren schon Jahre zuvor beschlagnahmt worden, lange vor der systematischen Ermordung der Juden.
Harburgers Dokumentation erlaubt uns einen letzten Blick in eine verschwindende Welt. Über 70 % der Objekte, die er fotografierte und beschrieb, wurden im Holocaust zerstört oder gingen verloren. Doch seine Aufzeichnungen und Fotografien geben einen präzisen Überblick über 300 Jahre jüdisches Leben in den ländlichen Gemeinden Bayerns.
In den letzten Jahren wurden seine Aufnahmen verstärkt genutzt, um von den Nazis geraubte Judaica zu identifizieren und wieder aufzufinden. Harburgers Arbeit stand auch im Zentrum eines Forschungsprojekts unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums München.
Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis verließ Harburger Deutschland, emigrierte nach Israel und nahm seine Sammlung mit. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffneten er und seine Frau Meta (Miriam) eine Pension in Tiberias. Später ließen sie sich – wie viele andere deutsch-jüdische Familien – in der nordisraelischen Stadt Nahariya nieder, wo Harburger 1949 verstarb.
Das Ehepaar hatte keine Kinder. Das Archiv wurde dem Zentralarchiv zur Geschichte des jüdischen Volkes (CAHJP) übergeben, das heute zur Nationalbibliothek Israels gehört. Dort werden die empfindlichen und schweren Glasnegative aufbewahrt. Seitdem wurden Harburgers Fotografien in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, vor allem in Deutschland.
Die meisten von Harburger dokumentierten Judaica-Gegenstände befanden sich in Synagogen – die Sederteller jedoch wurden in jüdischen Privathäusern aufgenommen. Harburger hielt Dutzende solcher Teller in Privathaushalten in ganz Bayern fest – einige über Generationen weitergegeben, andere von namhaften Sammlern erworben.
Sederteller bildeten – damals wie heute – den Mittelpunkt des Pessach-Abendmahls. Sie geben entscheidende Einblicke in zentrale Feiertagstraditionen deutscher Juden im 18. und 19. Jahrhundert. Ihr Design hat sich über die Jahrhunderte gewandelt, doch ihre Ästhetik und Schönheit bleiben außergewöhnlich.
Im Gegensatz zu modernen Sedertellern mit Mulden oder Schälchen für symbolische Speisen – etwa das Schenkelknochen, das Ei oder Charosset – die je nach Tradition unterschiedlich angeordnet sind, verfügten frühe süddeutsche Sederteller nicht über solche Einteilungen.
Sie wiesen auch keine konkreten Markierungen für die Platzierung der Speisen auf, sondern konzentrierten sich stärker auf Bildmotive und Inschriften – wie die hier vorgestellten Exemplare aus der Harburger-Sammlung, die in den 1920er- und 1930er-Jahren fotografiert wurden.
Sederteller haben keinen klaren halachischen Ursprung, erst recht keine Vorschriften zu Form oder Darstellungen. Dennoch kennen wir sie in runder Form – ihre kreisförmige Anordnung mit verschiedenen Höhenstufen ermöglicht die Integration vielfältiger Texte, manche angelehnt an die Haggada, andere mit persönlichen Widmungen.
Ein Beispiel ist ein Sederteller aus dem Jahr 1807, der Max Zeidel aus München gehörte. Er ist schlicht gehalten, aus Zinn gefertigt – wie die meisten der von Harburger dokumentierten Teller – und wurde mit der Repoussé-Technik verziert.
Am äußeren Rand ist die Reihenfolge des Seders eingraviert – „Kadesch“, „Urchatz“ usw. –, die aus Platzgründen in zwei konzentrischen Kreisen angeordnet sind. Eine innere Inschrift nennt die Besitzer – Mann und Frau – und das Entstehungsjahr: „Itzik, Gütel, gemacht im Jahr 5567 (1807)“. Im Zentrum befindet sich ein Lamm – das einzige Motiv, das nicht aus Text oder Pflanzenornament besteht.
Das Lamm symbolisiert den Monat Nissan, das jüdische Volk als einzelnes Schaf unter siebzig Wölfen – den Nationen der Welt –, und vor allem das Pessach-Opfer.
Dem Zentralarchiv gelang es nicht herauszufinden, was aus Zeidel wurde.
Die Gravur dieses Tellers ist besonders detailreich. Neben zahlreichen geometrischen und floralen Mustern enthält er interessante Texte, die vermutlich in mehreren Etappen ergänzt wurden.
So wird im erhöhten Bereich des Tellers als Entstehungsjahr 5674 (1754) genannt, während die Widmung, die den Eigentümer Meir bar Schlomo Segal aus Orebach (Harburger identifizierte den Ort als Oderbach) und seine Frau Tamara, Tochter von Rabbi Aharon Schalit, nennt, mit dem Jahr 1755 datiert ist – vermutlich wurde die Widmung später hinzugefügt.
Die Seder-Reihenfolge befindet sich im Inneren des erhöhten Bereichs, während auf der Außenseite das Lied „Chad Gadja“ illustriert ist. Der Vater sitzt am Tisch, raucht Pfeife, und kauft das Böcklein nicht für „zwei Susim“, sondern für das örtliche Äquivalent: zwei Pshitum, einfache Münzen geringen Werts.
Das „Wasser“ im Lied erscheint als ein zeitgenössischer Brunnen, und der Engel des Todes hat ein fast luziferisches Aussehen.
Menschliche Figuren auf einem rituellen Gegenstand darzustellen, war heikel – noch schwieriger war es, eine Darstellung des Heiligen, gelobt sei Er (oder „Himmel“, wie in der Inschrift), zu finden. Die Lösung war eine Art Sonne, aus der sechs Trompeten (Schofarot) hervorgehen, dazu eine Hand mit einem Schwert, das sich dem Todesengel entgegenstreckt.
Die Kreisform betont die zyklische Struktur des Liedes, und im Zentrum des Tellers steht kein Böcklein, sondern ein Lamm. Zur Verdeutlichung erscheinen darunter die hebräischen Buchstaben ק“פ – für Kurban Pessach, das Pessach-Opfer.
Wie ein Schaf unter Wölfen gelang es Dr. Wilhelm Feibelmann nicht, Deutschland zu entkommen. Am 19. Januar 1942 starb seine Frau. Zehn Tage später nahm er im Alter von 81 Jahren Schlaftabletten und beging Suizid. Was mit dem Sederteller geschah – ob er die Geschichte der Familie weitertrug –, ist nicht bekannt.

Die Stadt Treuchtlingen steht exemplarisch für die Bedeutung von Harburgers Expedition. Über Jahrhunderte war sie eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Bayerns. Im Jahr 1837 waren etwa 20 % der Bevölkerung jüdisch.
1925, drei Jahre vor Harburgers Besuch, lebten dort nur noch etwa 100 Juden. Harburger dokumentierte sorgfältig alles, was er fand. Dieser Sederteller wurde in einem Privathaus genutzt, weist jedoch Motive auf, die eher in Synagogen zu finden sind – etwa Torarollen und Toravorhänge.
Die Seder-Symbole befinden sich erneut auf dem erhöhten Teil, doch das Innere zeigt nicht ein Lamm, sondern zwei Löwen mit einer Krone darüber. Jeder der Löwen hält etwas in der Pranke. Harburger identifizierte das eine Objekt als Mazza, das andere als Maror.
In der Mitte, umgeben von floralen Mustern, erscheinen drei Buchstaben: ה ע ט (Heh, Ajin, Tet). Harburger konnte ihre Bedeutung ebenso wenig entschlüsseln wie wir. Doch seine Notizen, in denen er den Besuch in Treuchtlingen beschrieb, geben einen Hinweis.
Dort vermerkte er, dass auf der Rückseite des Tellers das Herstellungsjahr 1719 eingraviert war. Daraus lässt sich schließen, dass die Inschrift in der Mitte eine fehlerhafte Darstellung der hebräischen Jahreszahl תע“ט (5470) ist – wahrscheinlich von einem christlichen Künstler eingraviert, der mit dem hebräischen Alphabet nicht vertraut war und das Taf (ת) mit einem Heh (ה) verwechselte.
Aus der jüdischen Presse in Deutschland erfahren wir, dass Siegfried Meyer, 22 Jahre lang Vorsteher der Gemeinde, 1937 starb und seine Frau Mina hinterließ. Im Bericht des Bürgermeisters an die NS-Behörden nach der Kristallnacht wird sie als eine der letzten Jüdinnen der Stadt erwähnt. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt – wie auch der Verbleib des Sedertellers.

Der Sederteller aus der Privatsammlung von Dr. Benedikt Nussbaum, ursprünglich im Besitz von Aharon bar Eljakim, konzentriert sich thematisch auf den Pessach-Seder.
Teller wie dieser waren zur Zeit von Harburgers Forschung bereits rund 200 Jahre alt und von großem Wert für ihre Besitzer. Auf dem erhöhten Bereich stehen die drei zentralen Begriffe, die laut Tradition beim Seder genannt werden müssen: Pessach, Mazza, Maror.
Im Inneren zeigt der Teller eine bildliche Darstellung eines Raumes, in dem der Seder stattfindet. Die Details sind deutlich zu erkennen – Bodenfliesen, Fenster mit Vorhängen, und der aus jüdischen Haushalten bekannte Schabbat-Leuchter.
An beiden Enden des Tisches sitzen Gastgeber und Ehefrau, entlang der Seiten vier weitere, weniger prominent dargestellte Figuren. Der Gastgeber hält einen Weinkelch in der Hand, auf dem Tisch sind weitere Gegenstände wie die Mazza zu erkennen.
Im Gegensatz zu seinen drei Schwestern, die in einem Konzentrationslager starben, wanderte Nussbaum nach Israel aus und wurde 1946 in Binyamina beigesetzt. Ob er den Sederteller mitnehmen konnte, ist nicht bekannt.
Sederteller spiegeln stets die Zeit wider, in der sie entstanden, und die Menschen, die sie in ihren Häusern bewahrten.
Diese Glasnegative – manchmal die einzigen Spuren ganzer jüdischer Familien aus Bayern – bilden ein wichtiges Bindeglied der Generationen und sind ein eindringliches Mahnmal für das reiche jüdische Leben, das ausgelöscht wurde.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in The Librarians, der offiziellen Online-Publikation der Nationalbibliothek Israels für jüdische, israelische und nahöstliche Geschichte, Kultur und Erbe.




