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Gedanken zum Schabbat

Diese Parascha wird am Vorabend des Einzuges der Kinder Israels ins Land Kanaan gesprochen und die Forderung, Gott und das Leben durch soziale Regeln zu lieben, ist sehr wichtig.

Gott

Wochenlesung – וָאֶתְחַנַּן – Wa´etchanan – Und ich flehte ; 5.Mose 3,23 – 7,11 ;  Jesaja 40,1 – 26

 

Gott spricht jeden Menschen persönlich an, und dies verdeutlichte Mose seinem Volk kurz vor dem Einzug ins Gelobte Land. Zudem trug er den Israeliten zum zweiten Mal die Zehn Gebote vor. Dabei machte er zwei kleine Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Version. Interessanterweise nimmt Mose, nach 40 Jahren quer durch die Wüste, mehr Rücksicht auf die Frau. Das ist unser Wochenabschnitt heute.


Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.  


 

„Und Mose flehte zum HERRN um Gnade, denn auch er wollte gemeinsam mit seinem Volk hinübergehen und das gute Land sehen jenseits des Jordan, dieses gute Gebirge und den Libanon!“

Mose richtet seine Gebete an Gott und fleht um Einlass ins Land Israel. Er fleht nicht nur in Gottes Ohr, der seine Bitte ablehnt, sondern auch in unser Ohr, in das Ohr seiner Zuhörer, dem Volk Israel. Hier wird die besondere Stellung Moses erneut deutlich: Er wird die neue Ära nicht miterleben, glaubt jedoch, dass er die Mittel hat, das Volk anzuleiten, wie es in der neuen Ära leben soll. „Und der HERR gebot mir zu jener Zeit, dass ich euch die Satzungen und Rechte lehre, die ihr tun sollt in dem Lande, darein ihr ziehet, um es einzunehmen“.

Mose setzt einen moralischen und erzieherischen Kompass für die kommenden Generationen. Die Vergangenheit blickt auf das Kommende. Für Mose ist wichtig, dass der geschlossene Bund mit Gott auch für sie und die kommenden Generationen im neuen Land gilt.

In der pädagogischen Erziehung heißt es, dass jedes Kind einzigartig und besonders ist, und in dieser Passage im Wochenabschnitt sehen wir, wie wahr das ist. Die Worte Moses und Gottes sind absichtlich in der Einzahl formuliert, denn Gott spricht jeden Einzelnen von uns an, nicht nur die Gesamtheit. Niemand kann sündigen und davon ausgehen, dass die Rechte anderer seine eigenen Sünden versöhnen und auslöschen. Jeder Mensch ist vor Gott und in seinem Umfeld für sein Verhalten verantwortlich. In der jüdischen Denkweise ist jeder Mensch ein Glied im Körper, in der sogenannten Knesset Israel – Versammlung Israel – Volk Israel. Aber nie wird das Individuum durch die Gemeinschaft ausgelöscht, noch wird die Gemeinschaft wegen eines Individuums oder einzelner Personen benachteiligt. Jeder hat seine Aufgabe im Leben und seinen eigenen Platz.

In diesem Wochenabschnitt werden zum zweiten Mal die Zehn Gebote erwähnt, aber mit subtilen und wichtigen Unterschieden zur ersten Version am Berg Sinai, der Zeit, in der die Kinder Israels noch unterwegs in der Wüste waren. In diesen Tagen, in denen wir alle über die Idee von Gleichberechtigung und Emanzipation, den Weg zu einer idealen Gesellschaft reden, klärt uns der Wochenabschnitt darüber auf, dass dies die richtige Richtung ist. Im Gebot des Schabbats in der ersten Version (2.Mose 20,9-10) wird ein religiöser Grund gegeben, der in der Schöpfung der Welt verwurzelt ist: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten, aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes, da sollst du kein Werk tun, weder du noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist“.

In der zweiten Version dagegen, im Wochenabschnitt Wa´etchanan, liegt der Blick und die Betonung nicht nur auf Vergangenheit und Weltschöpfung, sondern ist ebenso zukunftsorientiert und sozial und menschlich betrachtet. Am Ende des Gebotes wurde hinzugefügt, damit „dein Knecht und deine Magd sich ausruhen können wie du“. Dies fehlt in der ersten Version. Der andere soll dieselben Rechte haben wie du. Das ist etwas, was Mose wahrscheinlich auf dem Weg durch die Wüste lernte, wie wichtig das ist. Und so fügte er dies in der zweiten Version, kurz vor dem Einzug ins Gelobte Land, beim Abschied von seinem Volk hinzu.

Aber auch beim zehnten Gebot stoßen wir auf einen wichtigen Unterschied. In der ersten Version heißt es: „Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten; du sollst nicht die Frau deines Nächsten, seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen Esel oder alles, was deinem Nächsten gehört, begehren“. Aber in unserem Wochenabschnitt heißt es zuerst: „Und du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren“ und danach folgt das „Haus deines Nächsten“ und so weiter.

Hier wird die Frau aus dem materiellen Besitz herausgenommen und erhält einen unabhängigen und hohen Status vor dem materiellen Besitz. Deshalb wird auch ein separates Verb für die Frau im Vers verwendet „du sollst nicht begehren (Tachmod)“ (וְלֹא תַחְמֹד) und ein anderes Verb für den Rest „du sollst nicht habgierig (Titawae) sein“ (וְלֹא תִתְאַוֶּה) verwendet. Das ist ein Statement. Aber dies kommt in den deutschen Bibelübersetzungen nicht zum Ausdruck, weil beides mit begehren oder gelüsten übersetzt wird. Der biblische Bibeltext macht jedoch in der zweiten Version einen klaren Unterschied zwischen Frau sowie Eigentum und Vermögen. Schon in der Bibel ist eine klare Tendenz zur Stärkung der Stellung des weiblichen Geschlechtes und zur Förderung der Geschlechtergleichheit zu lesen.

Diese Parascha wird am Vorabend des Einzuges der Kinder Israels ins Land Kanaan gesprochen und die Forderung, Gott und das Leben durch soziale Regeln zu lieben, ist sehr wichtig. Denn der Überfluss steht vor der Tür, die Städte und Häuser sind voller Güter, die Brunnen sind gehauen und die Felder gepflanzt und die Welt ist voll, aber genau hier liegt die Gefahr. Alles Gute um uns blendet unsere Augen und verführt uns hinweg von Gott, und davor warnte Mose, östlich des Jordanflusses. Mose kennt sein Volk und ahnt die bevorstehenden Gefahren, deswegen spricht er darüber. „Tut was recht und gut ist vor den Augen des HERRN, damit es dir wohl gehe und du hineinkommest und das gute Land einnehmest, das der HERR deinen Vätern zugeschworen hat“. Bitte beachtet, hier wird der einzelne Mensch angesprochen, jeder einzelne vor Mose, nicht das Volk als allgemeines. Diese Worte müssen wir wahrnehmen und umsetzen im Land, in dem wir leben, ansonsten können wir das Land wieder verlieren und das versteht jeder von uns im Volk – besonders in diesen Tagen.

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Patrick Callahan

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