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Routine und ihre Unterbrechung

Wenn ich einen Moment darüber nachdenke, stelle ich fest, dass ich bis zum 6. Oktober 2023 ein anderes Leben hatte.

Klassenfoto: In der Mitte Elad und sein gefallener Freund Dekel, oben links Roi Nahari, der auch gefallen ist.

Ab dem 7. Oktober hat sich mein Leben verändert. Das ist kein Klischee. Es gibt Menschen, die sich innerhalb von Minuten in einer völlig anderen Welt wiederfanden. Es gibt Menschen, deren Angehörige ermordet wurden, manchmal ein oder zwei, manchmal eine ganze Familie. Es gibt viele Geiseln, die allein in Gaza noch gefangen gehalten werden. Wir wissen kaum, ob sie noch leben. Es gibt die Familien der Geiseln, die weder Tag noch Nacht ruhen.  Seit 60 Tagen versuchen sie alles, um ihre Angehörigen nach Hause zu bringen.

Da sind die Familien, deren Söhne und Töchter ihren Pflichtdienst in der IDF ableisten oder zur Reserve einberufen wurden; Mütter, die kaum schlafen, besorgte Väter, Frauen und Kinder, die seit zwei Monaten allein zu Hause sind.

Und es gibt Familien, für die sich nichts geändert hat. Sie beobachten das Geschehen um sie herum wie einen Horrorfilm. Einige von ihnen engagieren sich wirklich, helfen, spenden, machen Mut. Und glauben Sie mir, es gibt auch diejenigen, die völlig gleichgültig sind. Ich kenne einige von ihnen, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel (vielleicht).

Für mich persönlich hat sich mein Leben komplett verändert. Mein neuer Tagesablauf beinhaltet sehr wenig Schlaf, viel Arbeit und viel Hilfe für meine Enkelin, deren Vater in der Reserve ist.

Unser Büro in Jerusalem ist fast leer, obwohl es in diesen Tagen viel zu tun gibt.

Unser Haus ist in ständiger Bereitschaft. Es ist immer etwas los. Unsere Soldatensöhne bekommen manchmal für eine Nacht oder ein paar Stunden Urlaub. Auch die Kameraden meiner Söhne kommen oft vorbei. Essen muss gekocht, Geschirr gespült werden. Und wir wissen nicht, wann sie kommen. Deshalb achten wir darauf, dass zu Hause immer Essen, Trinken und alles Notwendige vorhanden ist. Aber auch Dinge, die sie zu ihren Freunden auf dem Stützpunkt mitnehmen können.

Ständig erreichen uns neue Berichte über Tragödien und Heldentaten. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht von noch mehr Leid, noch mehr Schmerz und noch einer unglaublichen Geschichte hören. Manchmal betreffen die Geschichten, die ich höre, Menschen, die ich persönlich kenne oder die meine Kinder kennen. Und dann ist die emotionale Auseinandersetzung doppelt so schwer.

Gestern zum Beispiel waren Aviel und ich in Tel Aviv bei der Beerdigung des Obersten der Negev-Brigade, der auch der geliebte Kommandeur meines Sohnes Moran war. Sein Name war Assaf Hamami. Assaf hinterlässt eine geliebte Frau namens Sapir und drei Kinder. Er hinterlässt eine Mutter, einen Vater und einen Bruder; und seine Großmutter Shoshana, die drei Familienmitglieder verloren hat, ihren Bruder, ihren Sohn und jetzt Assaf, ihren Enkel. Es ist herzzerreißend.

Auf dem Heimweg von Tel Aviv erzählte mir mein Sohn Elad, dass er einen Freund aus seiner Armeeeinheit ins Barzilai-Krankenhaus in Ashkelon gefahren habe, weil der Bruder seines Freundes in Gaza am Rücken verwundet worden war. Als Elad erkannte, dass es sich um eine komplizierte Rückenverletzung handelt, erinnerte er sich daran, dass mein Sohn Tomer vor 16 Jahren von einem der erfahrensten Ärzte Israels und der Welt, Dr. Kaplan, am Rücken operiert worden war. Er fragte Aviel nach der Telefonnummer des Arztes und so rief die Familie den Arzt an. Dr. Kaplan sagte sofort seine Hilfe zu. Als er hörte, dass es sich um einen verwundeten Soldaten handelte, sagte er: „Soldaten sind mir heilig und ich werde alles für sie tun.“

Die Familie ist bereits mit den Röntgenbildern des Sohnes auf dem Weg zum Privathaus des Arztes in Jerusalem. Und es ist gut möglich, dass der verletzte Sohn noch heute vom Barzilai-Krankenhaus nach Hadassah Ein Kerem in Jerusalem verlegt wird, um dort von Dr. Kaplan behandelt zu werden.

Am Sonntag, kurz bevor Elad zur Basis zurückkehrte, sagte er:

„Mama, erinnerst du dich an das Bild, das du mir nach Dekel Suissas Tod geschickt hast? Das Bild, auf dem er und ich auf der Bank in der Schule sitzen?“

„Ja“, sagte ich, „ich erinnere mich“.

Dann sagte er: „Auf dem Foto ist noch ein anderer Freund zu sehen, Roi Nahari, der auch mit Dekel und mir zur Schule ging und ebenfalls am 7. Oktober getötet wurde. Er war Offizier bei den Fallschirmspringern“.

Mein Körper spannte sich an. Wie viele Tote, wie viel Trauer, wie viel Leid müssen wir jetzt ertragen? Und ich denke an meine Kinder und ihre Freunde, die Anfang 20 sind. Wie viel Trauer tragen sie schon mit sich herum!

Jeden Tag eine neue Geschichte, ein neuer Schmerz, eine neue Unterbrechung der Routine. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass dies nicht nur eine Unterbrechung der Routine ist.

Es ist die neue Routine.

Das ist das Leben nach dem 7. Oktober 2023.

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Patrick Callahan

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2 Kommentare zu “Routine und ihre Unterbrechung”

  1. Esther Rieser sagt:

    Liebe Anat,
    deine Artikel schätzen wir sehr. Auf eine gute Art lassen sie uns in die Seele von euch blicken. Somit helfen sie uns, euch noch besser zu verstehen – ja, sogar ein Stück weit mitzuleiden. Wir wünschen euch viel, viel Kraft und Mut. Gemeinsam mit euch wollen wir zu Gott schreien: Erhöre uns, Gott Israels! Mach ein Ende dem Leiden deines Volkes! Sei gnädig!
    Esther und Ernst Rieser

  2. hanngre-lhz sagt:

    Ja, auch ich möchte sagen, es tut mir unendlich leid. Immer wieder mal, auch jetzt als ich Deinen Artikel las, kommen mir einfach die Tränen. Es ist so schlimm, was passiert ist und noch passiert!
    Auch ich denke im Gebet an Israel und leide ein Stück mit, aber natürlich kein Vergleich zu dem was Ihr durchmacht. Am Israel Chai – auch jetzt!
    Bei aller materieller Hilfe, die so nottut, wir suchen immer wieder den Gott Israels und wünshen uns, dass Israel es auch tut. Gott hat die Zusage, dass er sein Volk nie im Stich lässt – auch wenn wir jetzt so manches nicht begreifen. ER stärke auch Euch persönlich immer wieder und schütze Eure Söhne! Ein herzliches Shalom!

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