Regierungskoalition unter Schock und Trauma

Die israelische Regierung trägt die alleinige Verantwortung nicht nur für das größte Versagen in der Geschichte des Staates Israel, sondern auch für alles, was noch kommen wird.

von Aviel Schneider | | Themen: Benjamin Netanjahu
Minister und Abgeordnete bei einer Sonderplenarsitzung zur Vorstellung der neuen Notstandsregierung im Plenarsaal der Knesset, dem israelischen Parlament in Jerusalem, am 12. Oktober 2023. Foto: Noam Revkin Fenton/Flash90

Vier Tage und die Regierungskoalition schweigt. Nicht nur das, alle Ämter und Behörden, die der israelischen Gesellschaft die Realität vor der Kamera erklären und die notwendigen Dienste wie Logistik, Militär, Sicherheit, psychologische Hilfe und vieles mehr leisten sollten, waren in den ersten Kriegstagen wie vom Erdboden verschluckt. Als hätten alle das Land verlassen und stünden unter Schock.

Niemand wandte sich in den ersten Tagen direkt an die Menschen in Israel, um sie zu beruhigen. Niemand ging in die Nachrichtenstudios, um zu erklären, um Mitgefühl auszudrücken, um Verantwortung zu übernehmen, um Fragen zu beantworten. Null. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu war so freundlich, ein kurzes Video zu veröffentlichen, in dem er versprach, dass wir gewinnen würden. Am nächsten Tag ging er für eine kurze Erklärung auf Sendung, und das war’s.

Israelis verfolgen eine Erklärung des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu zum aktuellen Krieg am 9. Oktober 2023. Foto: Noam Revkin Fenton/FLASH90

Niemand sprach mit der Öffentlichkeit, niemand sprach mit den Verletzten, niemand traf sich mit den Überlebenden und den Familien. Ganze Familien wurden entführt und massakriert und nirgendwo waren Regierungsvertreter zu sehen. Wie gelähmt und geschockt. Dann wachten sie auf. Und als sie aufwachten, was taten sie? Sie wandten sich an die Medien.

Die Erste, die sich an die Welt und die Medien wandte, war die ehemalige israelische Informationsministerin Galit Distel-Atbaryan. Diejenige, die ein überflüssiges Ministerium bekam, das auf ihre Größe zugeschnitten war, und die sich seit ihrem Amtsantritt beschwerte.

Überflüssig: Die zurückgetretene Ministerin Galit Distel-Atbaryan. Foto: Yonatan Sindel/Flash90

Es tut mir leid, aber diese Ministerin hat sich vor der Kamera lächerlich gemacht. Sie wusste genau, wer für das strategische Versagen ihrer Regierungskoalition verantwortlich war. Danny Kushmaro, der 55-jährige Journalist, Nachrichtensprecher und Fernsehmoderator von N12. Und warum? Kushmaro wagte zu sagen, dass es Probleme in der israelischen Luftwaffe gebe und dass die Kampfpiloten, die gegen die Rechtsreformen seien, ihren freiwilligen Reservedienst verweigern wollten. Kushmaro sei für das Fiasko im Süden verantwortlich, nicht ihre Regierung, nicht Benjamin Netanjahu.

Und wer war der erste Minister, der in den Süden kam, um mit den Bewohnern zu sprechen, abgesehen vom israelischen Verteidigungsminister Yoav Galant, der sich mit Militäreinheiten im Süden traf? Israels Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir. Ben-Gvir traf erst am Mittwochmittag in Sderot ein. Vier Tage nach dem Überfall im Süden und den Raketenangriffen machte sich ein Minister auf den Weg in den Süden. Keiner der Minister hatte den Mut, sich in die Feuerzone zu begeben. Und was macht Minister Ben-Gvir in Sderot? Er beschuldigt die Medien, Fake News zu verbreiten.

Und als jemand Ben-Gvir darauf hinwies, dass dies keinen Sinn habe, begann er zu schreien, anstatt Mitgefühl und Barmherzigkeit auszudrücken oder sich an die besorgten Anwohner und traumatisierten Bürger zu wenden. Wiederholt schrie er jeden an, der ihn vor laufender Kamera kritisierte. Dabei ist Sderot die Hochburg der rechten Likud-Wähler.

Die ersten beiden Minister, die vor drei Tagen vor die Kamera traten und sich öffentlich für das Versagen im Süden entschuldigten, waren Yoav Kisch und Zachi HaNegbi. „Wir sind verantwortlich für die Situation im Land. Ich sage uns allen, dass wir uns mit Unsinn beschäftigt haben“, sagte der israelische Bildungsminister Yoav Kisch in einem Interview mit Ynet. Er ist damit der erste Minister seiner Regierungskoalition, der nach dem Überraschungsangriff öffentlich Verantwortung übernimmt. „Niemand wird sich der Verantwortung entziehen. Es ist in unserer Regierung passiert und wir werden die Verantwortung übernehmen. Die Familien können sagen, was sie wollen, ich verspreche ihnen eines: Die Hamas wird es nach dem Krieg nicht mehr geben. Auch der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitskomitees und Minister Tzachi HaNegbi gab zu, dass er mit seiner Einschätzung, die Terrororganisation in Gaza sei abschreckend, die er nur sechs Tage vor dem Mordanschlag geäußert hatte, falsch gelegen habe. Alle anderen schweigen.

Tzachi Hanegbi, Leiter des nationalen Sicherheitsdienstes, spricht am 14. Oktober 2023 auf dem Stützpunkt HaKirya in Tel Aviv zu den Medien. Foto von Avshalom Sassoni/Flash90

Die israelische Regierung trägt die alleinige Verantwortung nicht nur für das größte Versagen in der Geschichte des Staates Israel, sondern auch für alles, was noch kommen wird. Israels größte und am weitesten rechts stehende Regierungskoalition ist in einen Schockzustand gefallen, und das war in den Medien deutlich zu sehen. Die Minister waren einfach nicht da. Die einzigen Verantwortlichen im Volk waren die Bürger selbst, es war das Volk, das sich in den ersten Stunden des Kampfes und in den ersten Tagen des Krieges um sich selbst gekümmert hat. Wer sich dann zusammengerauft hat, war die israelische Armee. Erst am Ende die Regierung. Das Volk ist nicht nur wütend auf seine Regierung, sondern auf das gesamte israelische Parlament. Von allen Seiten der israelischen Gesellschaft höre ich immer wieder, dass nach Krieg und Sieg die gesamte Führung des Volkes, die Knesset mit ihren 120 Abgeordneten, abgelöst werden muss.

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4 Antworten zu “Regierungskoalition unter Schock und Trauma”

  1. udin sagt:

    Wer auf israelischer Seite Schuld an den Versäumnissen hat, die zu dieser Katastrophe führten, muss noch viel genauer untersucht werden. Solange sollte man sich zurückhalten.

    Verantwortung haben beide Seiten, nicht nur alleine die Regierung. Auch diejenigen, die in den letzten Monaten das öffentliche Leben in Israel dominiert und lahmgelegt haben, tragen dafür Verantwortung. Ihre extreme Kompromisslosigkeit und das Einbeziehen von Soldaten und Reservisten in ihre Aktionen hat seinen Teil beigetragen.

  2. lyzu sagt:

    Eine Regierung trägt zu jeder Zeit die beeinflussbaren Ereignisse der eigenen Bevölkerung – leider steht anscheinend niemand an das Fenster wie Königin Ester und sucht den Weg des HErrn.
    Nebst den aktuell schier untragbaren Kreuzen auf den Schulter seines Volkes gilt es nun umso stärker den Blick auf das Wort zu richten: Offenbarung 22:20-21
    [20]Der diese Dinge bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. Amen; komm, Herr Jesus!
    [21]Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit allen Heiligen!
    Möge Der (!) Tröster mit allen Seinen sein.

  3. Hans-Jürgen Rieth sagt:

    An ‚lyzu‘: Der bald kommt ist keineswegs Jesus CHRISTUS! Der sich da mehrfach ankündigt ist der HERR Zebaoth, der Gott der heiligen Propheten, siehe dazu Offbg. 22, 6+7!
    Es sei denn, für dich ist der Gott JHWH Zebaoth derselbe wie Jesus CHRISTUS!
    Im Buch Sacharja angekündigt: ‚Sie werden auf mich (JHWH Zebaoth) schauen, den sie durchbort haben – in Offbg. 1, 7 bestätigt.

  4. lyzu sagt:

    an H.J. Rieth:
    Ist aus meiner Sicht zu umständlich den von Ihnen angesprochenen Sachverhalt im Verständnis hier im Blog/Kommentar zu besprechen.
    Mir gieng es darum zu erwähnen, dass der Blick auf das Wort hilft, die momentanen Ereignisse zu (ein-)ordnen – bis ER, der Herr Jesus kommt und alles nach seiner Vorkenntnis abschliessend ordnet.

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