Leben und Leben lassen

Ein paar persönliche Worte zum Streit über ein Konzert, wo Frauen und Männer getrennt voneinander saßen.

Konzert vor jüdisch-orthodoxem Publikum in Afula
Konzert vor jüdisch-orthodoxem Publikum in Afula Foto: Meir Vaknin/Flash90

Wie groß die Kluft zwischen religiösen und nicht religiösen Juden hier bei uns in Israel ist, das wurde uns durch den Streit um ein Konzert eines jüdisch-orthodoxen Sängers gestern in Afula deutlich.

Motti Steinmetz heißt der junge Sänger, der mit seinen jüdischen Liedern mit Texten aus der Schrift und den Gebeten viele Menschen begeistert. Er stammt aus der Vizhniz Familie aus Bnei Brak. Das gestrige Konzert wurde von der Stadt Afula organisiert und wurde als Veranstaltung mit totaler Trennung der Geschlechter angekündigt, d.h. Frauen und Männer sitzen voneinander getrennt, zwischen den Seiten befindet sich eine sogenannte Mechiza (wie auf dem obigen Foto). Damit wollte die Stadt es der jüdisch-orthodoxen Gemeinde ermöglichen, am Konzert des beliebten Sängers teilhaben zu können. Auch der Sänger selbst tritt wegen seines Glaubens nicht vor einem gemischten Publikum auf.

So schien alles in Ordnung zu sein. Doch nicht alle waren mit der Veranstaltung, bei der Männer und Frauen getrennt voneinander sitzen müssen, einverstanden. In der Öffentlichkeit dürfe es keine Trennung geben. Jeder Mensch müsse frei wählen dürfen, wo er sich aufhalten wolle. Die „Israelische Frauenlobby“ (hebr. Shdulat HaNashim) wandte sich an das Gericht, das zunächst der Klage stattgab und die Veranstaltung mit der Trennung untersagte. Doch im letzten Moment hob ein Gericht in Nazareth die Entscheidung auf, das Konzert konnte stattfinden. Die Frauenlobby erhob Einspruch vor dem Obersten Gericht, das nun das letzte Wort haben sollte. Es gehe nicht an, dass es Frauen verboten werde, sich an bestimmten Plätzen aufzuhalten.

Mittlerweile hatte das Konzert in Afula begonnen, im Fernsehen wurde live aus Afula berichtet, der Sänger interviewt. Ein TV-Reporter des öffentlichen Rundfunks KAN zeigte in seinem Gespräch mit dem Sänger seine Freude darüber, dass das Konzert stattfinden konnte. Der Sänger war ebenfalls zufrieden und dankte Gott dafür, vor seinem Publikum auftreten zu können.

Als das Konzert dann schon längst angefangen hatte, entschied das Oberste Gericht, dass der Richter aus Nazareth nicht das Recht hatte, das ursprüngliche Urteil, das die Veranstaltung untersagt hatte, umzukippen. So wurde die Veranstaltung quasi im Nachhinein doch wieder verboten.

Dieser Streit ist hier in Israel nichts neues. Und es geht hier in der Tat um ein Dilemma. Auf der einen Seite scheint es selbstverständlich zu sein, dass Frauen nicht eingeschränkt werden dürfen, nur weil sie Frauen sind. So gab es einmal in Beit Shemesh einen Fall, bei denen es getrennte Bürgersteige gab. In einem anderen Streit ging es darum, dass in Bussen, die hauptsächlich von orthodoxen Juden genutzt werden, die Frauen hinten sitzen. Oft wurden nicht religiöse Frauen aufgefordert, sich nach hinten zu setzen und das nicht immer in einem netten Ton. Es ist klar, dass diese beiden Beispiele nicht in Ordnung sind. Die Trennung der Bürgersteige in Beit Shemesh wurde verboten und auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln darf jeder sitzen, wo er möchte.

Wie sieht es aber bei Veranstaltungen aus, die von vorneherein nur für die jüdisch-orthodoxe Gesellschaft gedacht sind? Die orthodoxen Frauen, die gestern zum Konzert kamen, wären nicht gekommen, wenn sie zusammen mit Männern im Publikum hätten sitzen müssen. Vor Beginn des Konzerts sprach der orthodoxe israelische Innenminister Arie Deri vor dem Publikum und fragte die Anwesenden, ob sie freiwillig getrennt sitzen würden. „Aus freien Willen“, riefen sie zurück.

„Leben und Leben lassen“, das ist das Motto, von dem ich mich führen lasse. Jeder Mensch soll glücklich und zufrieden mit seinem Glauben leben können. Mich persönlich hat es nicht gestört, dass das Konzert vor einem getrennten Publikum stattfand. Ich respektiere die Lebensweise und den Glauben des anderen. Doch leider liegt genau hier das Problem. Denn wenn am Shabbat Busse für die nichtreligiösen jüdischen Bürger eingesetzt werden, damit auch diejenigen, die kein Auto haben, den Shabbat am Strand genießen können, dann ist der Aufschrei der orthodoxen Juden groß. Genauso ist es beim Thema der geöffneten Geschäfte am Shabbat. Das heißt, die nichtreligiösen Juden dürfen ihre Lebensweise nicht den orthodoxen Juden aufzwingen, doch die orthodoxen Juden möchten den nichtreligiösen Juden vorschreiben, wie sie zu leben haben.

Ich persönlich bin der Meinung, dass das Gericht sich nicht einmischen sollte, wenn es um Veranstaltungen innerhalb der orthodoxen Gemeinde geht. Warum sollen die Orthodoxen nicht ein Konzert ihres beliebten Sängers genießen. Aber es muss auch andersherum gehen. Wenn ein nichtreligiöser Jude am Shabbat an den Strand möchte, so sollte ihm das ermöglicht werden. Niemand wird am Shabbat dazu gezwungen, zu arbeiten. Es sind meistens Nichtjuden, die am Shabbat beschäftigt werden.

Wir werden uns leider wohl noch lange mit diesem Problem auseinandersetzen. Mir tut es immer weh, wenn ich diese Streitigkeiten sehe, denn schließlich sind wir doch alle Juden. Wir sollten miteinander klarkommen, um Kraft für die wirklichen Probleme zu haben.

אל תשליכיייני לעייית זיקנה, ככלות כוחי אל תעזביייני…אויי יויי אויי אל תעזביייני…חח חמוד!חמוד המוטי (שטיינמץ) הזה…

פורסם על ידי ‏מוטי שניאור‏ ב- יום רביעי, 14 באוגוסט 2019

Der Sänger Motti Steinmetz und Innenminister Deri singen im Duett, gestern in Afula

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