Kriegsspiele und politische Interessen

So schrecklich die Bilder aus der Ukraine auch sind, am Ende scheint jeder nur an sich selbst zu denken.

| Themen: Guten Morgen, Russland, Ukraine
Israelis protestieren gegen die russische Invasion in der Ukraine, gestern Abend in Tel Aviv Foto: Tomer Neuberg/Flash90

Guten Morgen, liebe Leser!

8:30 Uhr Ortszeit. Eine neue Woche beginnt. Ich war so froh, dass Corona aus den Schlagzeilen verschwunden war und wir uns endlich wieder mit unserem ganz normalen Alltagsleben mit all seinen Problemen befassen können. Aber wissen Sie was? Viel lieber würde ich jetzt über Corona-Statistiken schreiben und mich über vielleicht übertriebene Maßnahmen gegen die Omikron-Variante beschweren. Leider habe ich schon seit Tagen so gut wie nichts mehr über Corona gelesen oder gehört. Die Welt ist verrückt geworden, es geht nur noch um den russischen Wahnsinn in der Ukraine.

Seit Beginn der russischen Offensive in der Ukraine bin ich schlecht gelaunt. Ich schaffe es nicht, mich zu beruhigen. Während des ganzen Wochenendes verfolgte ich die Entwicklungen. Die Bilder, die ich über Sender wie Sky News ,CNNFrance24 und Fox News zu sehen bekam, schockierten mich. Ich verstand nicht, wie es sein kann, dass die Welt tatenlos zusieht, wie ein souveräner Staat von einem anderen Staat einfach so überfallen wird.

Auch hier in Israel brauchte man etwas Zeit, bis man sich zu der russischen Aggression äußerte. Aber dann traute man sich, Russlands Angriff aus die Ukraine zu verurteilen. Kurz vor Beginn der Invasion ging Außenminister Yair Lapid so weit, dass er sagte, dass Israel sich, wenn es sich entscheiden müsse, auf die Seite der Amerikaner stellen würde, sprich der Ukraine. Prompt wurde der israelische Botschafter in Moskau, Alexander Ben Zvi, von den Russen zu einem Aufklärungsgespräch geladen. Der stellvertretende russische Verteidigungsminister Mikhail Bogdanov wollte wissen, warum sich Israel hinter die “Nazis” in der Ukraine stelle.

Das israelische Dilemma in dieser Geschichte ist bekannt, Israel will es sich nicht mit Putin verderben, um weiter in Syrien gegen die iranische Bedrohung vorgehen zu können. Denn Russland hat die israelischen Angriffe in Syrien immer geduldet. Können wir es uns daher erlauben, Putin zu verurteilen, wenn wir die Russen quasi an der nördlichen Grenze haben?

Am Freitag wurde im UN-Sicherheitsrat über eine Verurteilung der russischen Aggression abgestimmt. Israel, zurzeit Mitglied des Rates, wurde von den USA aufgefordert, mit ihnen gegen Russland zu stimmen. Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Israel mit seinem wichtigsten Freund stimmt, oder? Doch Israel enthielt sich der Stimme. Ich war zunächst empört. Sofort musste ich daran denken, wie Israel sich immer beschwert, wenn Staaten, die sich als Freunde Israels bezeichnen, bei anti-israelischen UN-Resolutionen der Stimme enthalten und damit indirekt die Resolution gegen Israel unterstützen. Jetzt dürfen wir uns nie wieder darüber bescheren, wenn sich befreundete Staaten bei den Abstimmungen nicht auf unsere Seite stellen, dachte ich.

Das war eine von Emotionen gelenkte Reaktion. Und Emotionen haben in der Politik keinen Platz. Es geht immer nur um persönliche Interessen, so traurig das in diesem Falle auch sein mag. Auch dachte ich über die Bitte des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an Ministerpräsident Naftali Bennett nach, Gespräche mit Russland hier in Israel abzuhalten. Mit einer israelischen Abstimmung gegen Russland würde Putin ganz sicher nicht zu Gesprächen hier in Israel bereit sein. Aber auch so bin ich mir nicht sicher, ob Verhandlungen zwischen den beiden Seiten momentan überhaupt reell sind.

Und noch etwas: Die Ukraine hat sich bei UN-Resolutionen gegen Israel nie auf “unsere” Seite gestellt, sondern immer gegen uns gestimmt, oder sich der Stimme enthalten. Auch das wohl wegen eigener Interessen.

Israelis protestieren gegen Russland. (Foto: Tomer Neuberg/Flash90)

Die ganze Lage in der Ukraine ist grausam. Und noch grausamer scheint es, dass unsere Entscheidungen von persönlichen Interessen gelenkt werden. Für uns Bürger ist es einfacher, uns auf eine Seite zu stellen. So haben sich gestern tausende Israelis in Tel Aviv zu einer Protestaktion gegen Russland und Purin versammelt. Doch in der Politik ist leider eben kein Platz für Emotionen.

 


 

Und nun wünsche ich Ihnen, liebe Leser, eine gute neue Woche. Möge es tatsächlich eine gute Woche werden. Immerhin scheint sich das Wetter darum zu bemühen.

Bald ist Frühling. Blühende Mandelbäume in der Nähe von Modiin. (Foto: Gershon Elinson/Flash90)

Das Wetter für heute in Israel

Teilweise bedeckt bis heiter. etwas wärmer.  Für heute werden folgende Höchsttemperaturen erwartet: Jerusalem 13 Grad, Tel Aviv 17 Grad, Haifa 16 Grad, Tiberias am See Genezareth 18 Grad, am Toten Meer 18 Grad, Beersheva 17  Grad, Eilat am Roten Meer 25 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist weiter angestiegen und liegt jetzt bei -209.76 m unter dem Meeresspiegel. Es fehlen nur noch 96 Zentimeter bis zur oberen Grenze.

Im Namen der Redaktion von Israel Heute wünsche ich Ihnen einen angenehmen Sonntag. Bleiben Sie gesund.

 

Schalom aus Modiin!

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