Nach dem Auslaufen des internationalen Atomabkommens hat Iran seine Rhetorik gegenüber Israel deutlich verschärft. Außenminister Abbas Araghchi erklärte in einem Interview mit dem arabischen Sender Al Jazeera, Teheran sei zwar zu Gesprächen über sein Atomprogramm bereit, werde jedoch über sein Raketenarsenal keine Verhandlungen führen. „Es wäre töricht, wenn man seine Waffen übergibt“, sagte Araghchi. Sein Land befinde sich „auf dem Höhepunkt der Einsatzbereitschaft auf allen Ebenen“ und rechne mit „feindseligem Verhalten des zionistischen Regimes“. Israel werde, so der Minister, „in einem künftigen Krieg eine weitere Niederlage erleiden“.
Araghchi betonte zugleich, Iran wolle Missverständnisse über den Charakter seines Atomprogramms ausräumen. „Es ist möglich, zu einer fairen Vereinbarung zu gelangen“, erklärte er, doch Washington habe „unmögliche und inakzeptable Vorbedingungen“ gestellt.

Das Ende des Atomabkommens
Das Atomabkommen von 2015, der sogenannte Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA), war im Oktober nach zehn Jahren ausgelaufen. Es hob einst die internationalen Sanktionen gegen Iran auf, während Teheran sich im Gegenzug verpflichtete, seine Urananreicherung stark zu begrenzen. Nun erklärte die iranische Regierung, sie betrachte das Abkommen nicht länger als bindend.
Nach einem Bericht des persischsprachigen Senders Iran International lehnt Teheran aber jede Einschränkung seines Raketenprogramms ab. Araghchi habe klargestellt, Iran werde „keine Verhandlungen über seine Raketen führen“ und sei „auf jedes Szenario vorbereitet“. Während des zwölf Tage dauernden Krieges mit Israel im Juni habe sein Land „wertvolle Erfahrungen gesammelt“ und seine Raketen „in einem echten Gefecht getestet“.
Anhaltende Spannungen mit dem Westen
Wie Reuters berichtet, haben Deutschland, Frankreich und Großbritannien Ende September den sogenannten Snapback-Mechanismus aktiviert und damit die im Atomabkommen vorgesehenen Sanktionen wieder in Kraft gesetzt. Diese Entscheidung erfolgte, nachdem Iran die Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) deutlich eingeschränkt hatte.
Die IAEA bestätigte zuletzt, dass ihre Inspektoren nur noch begrenzten Zugang zu iranischen Atomanlagen erhalten. Teheran wies die westlichen Maßnahmen als „illegal“ zurück und sprach von einem „Mangel an internationalem Konsens“. Araghchi erklärte, die Priorität seines Landes liege nun in engeren Beziehungen zu den Nachbarstaaten, man sei aber weiterhin bereit, mit dem Westen zu sprechen – „ohne Diktate“.
Erfahrungen aus dem Zwölf-Tage-Krieg
In seinen jüngsten Äußerungen verwies Araghchi mehrfach auf den zwölftägigen Krieg mit Israel im Juni. Dabei waren laut Berichten mehrere iranische Nuklearanlagen – darunter Fordow, Natanz und Isfahan – durch gezielte Luftangriffe beschädigt worden. Nach Angaben des Ministers seien die Gebäude und Geräte teilweise zerstört, das Know-how und die Technologie blieben jedoch intakt.
Diese Formulierung soll offenbar Stärke signalisieren: Trotz der erlittenen Schäden hält das Regime an seiner militärischen und technologischen Handlungsfähigkeit fest.
Zwischen Diplomatie und Drohgebärde
Araghchis Äußerungen machen deutlich, dass Iran derzeit auf zwei Ebenen agiert: diplomatisch und militärisch. Während man den Dialog über das Atomprogramm nicht grundsätzlich ausschließt, zieht Teheran beim Raketenarsenal eine unüberwindbare rote Linie. Damit zeigt die Führung, dass sie sich ihrer militärischen Abschreckung bewusst ist und diese nicht zur Verhandlung stellt.
Für Israel bedeutet das anhaltende strategische Unsicherheit. Die Warnungen aus Teheran sind keine formale Kriegserklärung, doch sie verdeutlichen die Entschlossenheit, im Falle einer Eskalation militärisch zu reagieren. Zugleich sendet Iran die Botschaft, dass es auf die Fortsetzung westlicher Sanktionen und politischen Druck vorbereitet ist.
Iran präsentiert sich somit als Gesprächspartner – aber zu eigenen Bedingungen. Während über das Atomprogramm möglicherweise wieder geredet werden kann, bleibt das Raketenarsenal tabu. Die Kombination aus diplomatischer Offenheit und militärischer Härte ist typisch für die iranische Außenpolitik: Sie soll Stärke zeigen, ohne den Weg für künftige Verhandlungen völlig zu versperren.
Für Israel und den Westen bleibt die Lage angespannt. Die jüngsten Aussagen aus Teheran unterstreichen, dass eine Rückkehr zu stabilen Vereinbarungen nur dann möglich ist, wenn Sicherheitsinteressen und politische Realitäten gleichermaßen ernst genommen werden.




