Die Bedeutung von Pessach in unserer heutigen Gesellschaft

Viele glauben nicht daran, dass der Exodus tatsächlich stattgefunden hat, aber trotzdem finden sich sich alle aufgrund ihrer jüdischen Identität zu Pessach zusammen.

Die Bedeutung von Pessach in unserer heutigen Gesellschaft
Nati Shohat/Flash90

Am letzten Donnerstag trafen sich wieder Familien, um gemeinsam den zweiten Passah-Feiertag am Ende der Pessachwoche zu feiern, die an den Auszug aus Ägypten erinnert. Obwohl wir Israelis diese Familienzusammenkunft für selbstverständlich halten, ist es schon ungewöhnlich, etwas zu feiern, das von vielen Juden für ein Mythos gehalten wird.

Die Menschen in Israel sind sich in dieser Angelegenheit nicht einig, und das Zusammenkommen einer Familie zu einem Fest, das uns an ein Wunder erinnert, von dem manche glauben, dass es nie passiert ist, verdient eine Erklärung, die über den einfachen Wunsch nach einem Familientreffen hinausgeht. Nehmen Sie zum Beispiel meine erweiterte Familie. Um den Tisch saßen Leute, die sich auf fast nichts einigen können. Einige von ihnen befinden sich auf der politischen linken Seite. Andere wiederum sind politisch rechts. Andere sind dazwischen verstreut. Unsere Familie repräsentiert das gesamte politische Spektrum und ist dennoch in der Lage, diese Fest-Mahlzeit gemeinsam einzunehmen.

Man könnte meinen, dass eine solche Versammlung deshalb möglich ist, weil wir eine postmoderne Identitätspolitik angenommen haben, die jedem Glauben und Überzeugung den gleichen Wert gibt. Aber das kann es nicht sein, da Identitätspolitik kein Ausdruck von Liebe ist, sondern eher eine progressive Vorstellung von Toleranz, die von mindestens der Hälfte der Familie, die am Tisch sitzt, nicht geteilt wird. Die religiösen Überzeugungen einiger werden von anderen verachtet, und die Liste der Uneinigkeiten geht weiter. Trotzdem können Familien diese Unterschiede immer noch überwinden. Sie sitzen und essen zusammen und erzählen eine Geschichte, die manche glauben, andere nicht.

Und das ist möglich, glaube ich, aufgrund unseres gemeinsamen jüdischen Erbes, das in uns jene Liebe erweckt hat, die in der Lage ist, die unüberwindlichen Hindernisse zu überwinden, denen wir immer wieder in verschiedenen Gestalten und Formen ausgesetzt sind. Es ist die Liebe, die selbst die hingebungsvollsten Atheisten unter uns an ihrer jüdischen Identität festhalten lässt, und es ist die Liebe, die diejenigen, die glauben, dass der Exodus wirklich geschehen ist, dazu befähigt, diejenigen zu umarmen, die die biblische Erzählung in den Bereich der Mythologie verbannen.

Wir haben über diese Art von Liebe aus den Geschichten gelernt, die wir seit Jahrtausenden am Pessach-Tisch erzählen. Wir wiederholen jedes Jahr am Pessachfest die Geschichte der vier Söhne, in der es als selbstverständlich angesehen wird, dass der verlorene Sohn immer als Teil der Familie betrachtet wurde. Und wir werden an unsere Götzen verehrenden Vorfahren erinnert, nur um sicherzugehen, dass sich keiner von für etwas Besseres hält als sie.

Auch das zweite Pessachfest erzählt die Geschichte der beiden Israeliten, die sich beim Überqueren des Meeres zwischen zwei gewaltigen Wassermauern damit beschäftigten, den Schlamm zu untersuchen, auf dem sie sich befanden, und ihn mit dem Mörtel, den sie in Ägypten machten, zu vergleichen, wodurch die das göttliche Ereignis verpassen, das sie umgibt. Doch diese vernünftigen Ungläubigen durchquerten zusammen mit den Gläubigen sicher das gespaltene Meer. Dieses Erbe ermöglicht es uns heute, einander zu lieben, trotz der Ideologien, die uns auf immer zu spalten drohen.

Foto: Nati Shohat/Flash90

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