Biblischer Sturm wütet am See Genezareth

Diese Woche hat ein gewaltiger Sturm einen Vers aus dem Neuen Testament bestätigt und Millionenschäden verursacht

von David Shishkoff | | Themen: See Genezareth
Sturmschäden an der Promenade in Tiberias, 15. Mai 2022 Foto: Michael Giladi/Flash90

Haben Sie sich jemals über die „wütende Böe“ gewundert, von der im Neuen Testament berichtet wird, dass sie sich auf dem eher milden See, den wir See Genezareth nennen, ereignet hat? Ich lebe seit über einem Jahrzehnt im östlichen Galiläa in der Nähe des Sees und erst diese Woche wurden mir endlich die Augen (und Ohren) für diesen historischen Bericht in Markus 4:37 (siehe unten) geöffnet.

 

Keine normale, steife galiläische Nachmittagsbrise

Jeder, der im Sommer den Osten Galiläas besucht, kennt die Nachmittagsbrise, die zwischen 13 und 20 Uhr vom Mittelmeer ins Landesinnere weht. Ich habe gesehen, wie sie Buschfeuer entfacht und Sonnenschirme umwirft, aber dieser angenehme Nachmittagsluftstrom hätte aus dem Griechischen in Markus 4,37 kaum folgendermaßen übersetzt werden können:

„großer Windwirbel“ (Luther); „ein heftiger Sturm“ (Neue Genfer Übersetzung); „gewaltiger Sturm“ (Hoffnung); „großer Sturm“ (Schlachter 2000)

Und so fragte ich mich, ob die Schreiber des Neuen Testaments ein wenig übertrieben haben…

Aber dann, in der Nacht zum Samstag, als ich zu schlafen versuchte, drohte ein Sturm alles wegzublasen, außer dem Betonhaus selbst. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich mir fast sicher, dass die Schuppen im Hof umgestürzt waren. Zum Glück waren sie durch eine Steinmauer vor dem Wind geschützt.

Die Uferpromenade von Tiberias hatte nicht so viel Glück. Dort peitschte der Wind große Wellen auf den See Genezareth. Sie verwüsteten die Uferpromenade und überschwemmten Dutzende von Geschäften und Restaurants in der Nähe des Sees. Der See Genezareth ist so voll wie seit Jahren nicht mehr – was im dürregeplagten Nahen Osten eine gute Nachricht zu sein schien, bis jetzt…

Das hebräische Nachrichtenportal Ynet zitiert Boaz Yosef von der Stadtverwaltung Tiberias:

„Der Ostwind ließ die Wellen auf die Strandpromenade und das gesamte Ufer krachen… Es sah aus wie eine Szene aus einem Horrorfilm… Ich konnte nicht glauben, dass die schöne Promenade von Tiberias innerhalb weniger Stunden zerstört werden könnte.

„Jedes Jahr in den Frühlingsmonaten weht auf dem See Genezareth ein östlicher Wind, der unter den Tiberianern als der ‚Pfeifer‘ bekannt ist. Wenn der Wasserstand nicht hoch ist, sind die Schäden minimal, aber in diesem Jahr… sind die Schäden so groß wie nie zuvor.“

Die Uferpromenade von Tiberias ist der Mittelpunkt der einzigen Stadt am See Genezareth mit ihren jährlich 1,5 Millionen Besuchern (ohne COVID). Eine Million von ihnen sind christliche Pilger, deren zwei wichtigste Ziele in Israel der See Genezareth und Jerusalem sind. Um sie zu beherbergen, verfügt Tiberias über fünftausend Hotelzimmer.

Der See Genezareth (hebräisch Kinneret) ist der tiefste Süßwassersee der Welt und liegt 210 Meter unter dem Meeresspiegel. Er befindet sich im versunkenen Graben des Jordantals, der nördlich des Sees im Libanon beginnt und sich nach Süden bis zum tiefsten Punkt der Erde am Toten Meer (-436 m) erstreckt.

Boaz Yosef sieht sich die Schäden an der Promenade in Tiberias an, die durch die heftigen Winde entstanden sind, 15. Mai 2022. Foto: Michael Giladi/Flash90

Seltenes Sturmereignis am vergangenen Wochenende

Der Meteorologische Dienst der israelischen Regierung berichtete, dass große Luftdruckunterschiede zwischen Galiläa und dem Wettersystem in Syrien/Irak in Verbindung mit der Topographie Galiläas das ungewöhnliche Wetter verursachten:

„In der Nacht des 14. Mai und in den frühen Morgenstunden des 15. Mai wehten im Norden des Landes starke Ostwinde… mit einer Geschwindigkeit von etwa 80 km/h und Böen von fast 140 km/h, die Bäume zum Einsturz brachten und Straßen blockierten… die starken Ostwinde in Verbindung mit dem hohen Wasserstand des Sees von Galiläa führten zu Überschwemmungen und Schäden an der Promenade von Tiberias. Es ist anzumerken, dass diese Kombination schon früher derartige Schäden verursacht hat, die bekanntesten Beispiele sind das Frühjahr 1992 und das Frühjahr 1969.“

Die Schäden entlang des Sees Genezareth und in der näheren Umgebung werden derzeit auf etwa 47,5 Millionen Euro geschätzt.


Historischer Bericht über den Sturm in Markus 4:35-41

Und an jenem Tag, als es Abend geworden war, sprach er zu ihnen: „Lasst uns hinüberfahren an das jenseitige Ufer!“ Und nachdem sie die Volksmenge entlassen hatten, nahmen sie ihn mit, wie er da in dem Schiff war; es waren aber auch andere kleine Schiffe bei ihm. Und es erhob sich ein großer Sturm, und die Wellen schlugen in das Schiff, sodass es sich schon zu füllen begann. Und er war hinten auf dem Schiff und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?“

Und er stand auf, befahl dem Wind und sprach zum See: „Schweig, werde still!“ Da legte sich der Wind, und es entstand eine große Stille.

Und er sprach zu ihnen: „Was seid ihr so furchtsam? Wie, habt ihr keinen Glauben?“

Und sie gerieten in große Furcht und sprachen zueinander: „Wer ist denn dieser, dass auch der Wind und der See ihm gehorsam sind?“ (Schlachter 2000)

Israel Today Newsletter

Daily news

FREE to your inbox

Israel Heute Newsletter

Tägliche Nachrichten

KOSTENLOS in Ihrer Inbox