(JNS) Mit dem offenbar halbwegs katastrophalen Ende des Iran-Krieges schreiben viele erneut den politischen Nachruf auf Benjamin Netanjahu – darunter, wie ich zugeben muss, auch ich selbst. Ob wir damit richtigliegen oder nicht, wird sich zeigen, denn der israelische Ministerpräsident ist ein politisches Genie und sollte niemals abgeschrieben werden, solange er noch im Amt ist. Dennoch sehen seine Wahlaussichten im Moment nicht vielversprechend aus.
Sollte Netanjahu jedoch tatsächlich stürzen, besteht kein Zweifel daran, wie die Reaktionen ausfallen werden. Unter jenen, die seine Wählerbasis bilden und ihm mit großer Loyalität verbunden sind, wird es viel Klage geben. Ebenso groß dürfte die Freude seiner Gegner sein, darunter möglicherweise auch die Mehrheit der amerikanischen Juden.
Es gibt zahlreiche Gründe, warum Menschen Netanjahu ablehnen, und ebenso viele Hoffnungen darauf, was nach ihm kommen könnte. Lässt man all diese Überlegungen jedoch beiseite, bleibt eine Frage besonders wichtig: Wird Netanjahus Sturz die internationale Unterstützung für Israel erhöhen – insbesondere in den Vereinigten Staaten?
Das ist keine nebensächliche Frage. Es besteht kein Zweifel daran, dass Israels internationale Unterstützung einen Tiefpunkt erreicht hat, wenn nicht sogar ihren absoluten Tiefstand. Die weltweite Unterstützung ist für Israels Sicherheit und Wohlergehen nicht unbedingt entscheidend, doch die Unterstützung der Vereinigten Staaten ist es sehr wohl. Und genau diese Unterstützung hat erheblich gelitten. Umfragen zeigen, dass erstmals mehr Amerikaner die Palästinenser unterstützen als Israel.
Ein Teil davon ist selbstverständlich das Ergebnis jahrzehntelanger Verleumdung und Gewalt gegen Israels Unterstützer und gegen Zionisten im Allgemeinen. Hinzu kommen die Unterwanderung, Eroberung und ideologische Vereinnahmung der Demokratischen Partei durch professionelle rassistische Anti-Zionisten, unterstützt von Politikern, die es eigentlich besser wissen müssten. Auf der politischen Rechten treiben fremdenfeindliche und klassisch antisemitische Kräfte die zunehmende Entfremdung der Bewegung vom jüdischen Staat voran. Zudem spielen gesellschaftliche und demografische Faktoren eine Rolle: Eine junge Generation hängt an TikTok und lässt sich leicht durch Desinformation, Dämonisierung und die sadistischen Freuden des Rassenhasses täuschen.
Dennoch machen viele Menschen sowohl in Israel als auch in den Vereinigten Staaten zumindest teilweise Netanjahu für den Zusammenbruch von Israels internationalem Ansehen verantwortlich, insbesondere hinsichtlich der amerikanischen öffentlichen Meinung. Das Argument lautet, Netanjahu habe seit der Regierung Barack Obama die Demokratische Partei systematisch provoziert und entfremdet. Gleichzeitig habe er zunehmend rechtsradikale Politiker in die Regierung geholt und dadurch amerikanische Juden sowie andere Liberale entfremdet. Den Höhepunkt bilde seine heutige Koalition, der auch eine kahanistische Partei angehöre.
Dem Ministerpräsidenten wird außerdem vorgeworfen, gegenüber israelischen Arabern und anderen Gruppen eine inakzeptable Rhetorik verwendet und sich geweigert zu haben, die Schaffung eines palästinensischen Staates überhaupt in Betracht zu ziehen. Nun, so heißt es weiter, habe Netanjahu auch die politische Rechte gründlich entfremdet, indem er die Vereinigten Staaten in einen unerwünschten Krieg „hineingezogen“ habe.
Mit all dem habe er sich wie eine Art mediales Kamikaze verhalten, das Israels internationales Ansehen im Alleingang zur Explosion gebracht und die amerikanische Unterstützung zerstört habe.
Fairerweise muss man sagen, dass an all dem etwas dran ist. Netanjahu hat die Unterstützung der Demokratischen Partei für Israel über Jahre hinweg ganz bewusst aufgegeben. Seine Regierungsbildung mit extremistischen Parteien musste zwangsläufig zu einem tiefen Bruch mit amerikanischen Juden und Liberalen führen. Und ihm dürfte klar gewesen sein, dass der isolationistische Flügel der Republikanischen Partei wegen des Iran-Krieges außer sich geraten würde.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wird sich die Unterstützung für Israel verbessern, wenn Netanjahu die politische Bühne verlässt? Die Antwort lautet wahrscheinlich: In bestimmten Kreisen ja – insgesamt jedoch wird sein Abgang keinerlei Unterschied machen.
Der Grund dafür ist einfach: Israel sieht sich nicht wegen eines einzelnen Mannes oder der Machenschaften eines einzelnen Politikers mit Widerstand konfrontiert. Es steht einem gesellschaftlichen Phänomen gegenüber – einer Massenbewegung, die von dunklen Kräften angetrieben wird, welche weit über die alltägliche Politik, den Nachrichtenzyklus oder Trends in den sozialen Medien hinausgehen.
Diese Bewegung hat derzeit keinen wirklichen Namen, man könnte sie jedoch schlicht als „Neo-Antisemitismus“ bezeichnen.
Allerdings wird auch dieser Begriff der Größe und der Gewalt ihres ideologischen Hasses nicht gerecht. Es handelt sich um eine Bewegung, die offen völkermörderisch und zutiefst rassistisch ist, deren Wurzeln in klassischen antisemitischen Verschwörungstheorien und deren modernen Varianten liegen, wie sie zuerst von der Sowjetunion und längst verstorbenen palästinensischen Nationalisten verbreitet wurden. Sie bedient sich der Verleumdung, Einschüchterung, Gewalt und Unterwanderung, um öffentliche wie private Räume zu besetzen, zu erobern und ideologisch zu kolonisieren – und sie schließlich von allen Juden und Unterstützern Israels zu säubern, die ihr im Weg stehen könnten.
Ihr kurzfristiges Ziel besteht darin, in den Vereinigten Staaten politische und kulturelle Hegemonie zu erlangen und schließlich selbst die Präsidentschaft zu übernehmen.
Ihr erklärtes Ziel ist die Vernichtung Israels und seiner jüdischen Bürger – und wenn ihr Slogan „Globalisiert die Intifada“ ernst gemeint ist, was er ist, dann letztlich aller Juden weltweit. Sie hat bereits unzählige Hassverbrechen sowie Terror- und Mordanschläge verübt und zugleich beachtliche Wahlerfolge erzielt. Sie umfasst sowohl die politische Linke als auch die politische Rechte, erfreut sich insbesondere unter jungen Menschen großer Beliebtheit und zeigt derzeit keinerlei Anzeichen einer Abschwächung.
Nichts davon kann Netanjahu angelastet werden. Es ist das Ergebnis weit größerer und mächtigerer historischer Kräfte, die in den alten Feindbildern des traditionellen Christentums und des Islams wurzeln und durch die Pathologien des modernen Totalitarismus verstärkt werden. Netanjahu, seine Politik und seine Rhetorik mögen das Ungeheuer zeitweise genährt haben, doch vermeiden konnte er das kaum, denn dieses Ungeheuer nährt sich von allem.
Denn Neo-Antisemiten interessiert es nicht, wer den Staat führt, den sie mit jeder Faser ihres Wesens zerstören wollen. Ein anderer israelischer Ministerpräsident wäre für sie lediglich ein weiterer absoluter Feind, ein weiteres Hindernis und ein weiteres Ziel ihrer ständigen Verleumdung und Hetze. Ein weiteres – wie der antisemitische Bürgermeister von New York kürzlich über AIPAC sagte – „Monster“.
Es ist denkbar, dass Netanjahus Abgang, verursacht durch seine eigenen Fehler und Fehleinschätzungen, von denen viele katastrophal waren, die Anziehungskraft des Neo-Antisemitismus schwächen könnte. Unmöglich ist das nicht. Doch Israel sollte darauf nicht setzen.
Stattdessen sollte Israel den Neo-Antisemitismus und die von ihm hervorgebrachte Bewegung als echte strategische Bedrohung erkennen und alles daransetzen, sie so weit wie möglich zu neutralisieren. Das ist – mit oder ohne Netanjahu – die Sisyphusaufgabe, vor der der jüdische Staat heute steht.




