Zum Jom HaShoah, dem Gedenktag an den Holocaust, veröffentlicht die Tel Aviv University ihren aktuellen Bericht zur Lage des Antisemitismus. Die Zahlen für das Jahr 2025 zeichnen ein klares Bild: Weltweit nimmt die Gewalt gegen Juden zu.
Im Schatten des Gaza-Krieges hat der Antisemitismus weltweit ein neues Ausmaß erreicht. Der Jahresbericht dokumentiert eine dramatische Zunahme schwerer Gewalt gegen Juden – mit historischen Höchstwerten.
Im vergangenen Jahr wurden bei vier antisemitischen Anschlägen insgesamt 20 Juden ermordet. Damit erreicht die Zahl der Todesopfer den höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten.
Auch die Zahl körperlicher Angriffe – etwa durch Schläge oder Steinwürfe – ist in vielen Ländern deutlich gestiegen. In zahlreichen westlichen Staaten wurden mehr Juden Opfer physischer Gewalt als noch im Jahr zuvor. Gleichzeitig bleibt die Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle – einschließlich Vandalismus, Drohungen und Online-Hetze – auf einem deutlich erhöhten Niveau und liegt weiterhin in allen untersuchten Ländern um ein Vielfaches über den Zahlen von 2022, also vor Beginn des Gaza-Krieges.
Der Bericht basiert auf Daten von Strafverfolgungsbehörden, jüdischen Gemeinden, spezialisierten Einrichtungen sowie eigener Feldforschung und umfasst 152 Seiten.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Deutschland. Die Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle ging zwar von 6.560 im Jahr 2024 auf 5.729 im Jahr 2025 zurück. Doch im Vergleich zu 2022 mit 2.811 Fällen bleibt das Niveau mehr als doppelt so hoch. Gleichzeitig sank die Zahl der körperlichen Angriffe nur minimal – von 148 auf 144 Fälle.
In Großbritannien stieg die Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle von 3.556 im Jahr 2024 auf 3.700 im Jahr 2025. Besonders auffällig ist die Entwicklung nach dem Ende der Kämpfe im Gazastreifen: Während zwischen Oktober und Dezember 2024 noch 741 Vorfälle registriert wurden, waren es im gleichen Zeitraum 2025 bereits 1.078. Die Zahl schwerer Gewalttaten verdoppelte sich von zwei auf vier Fälle, während andere Gewaltformen zurückgingen und Vandalismus zunahm.
Auch in Kanada wurde ein deutlicher Anstieg verzeichnet: Die Zahl antisemitischer Vorfälle stieg von 6.219 auf 6.800 und liegt damit mehr als dreimal so hoch wie im Jahr 2022.
In Australien wurden besonders schwere Vorfälle registriert. Neben einer hohen Zahl antisemitischer Angriffe kam es nahe Sydney zu einem Anschlag während Chanukka, bei dem 15 Juden ermordet wurden. Die Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle stieg dort von 1.727 im Jahr 2024 auf 1.750 im Jahr 2025 – nach 1.200 im Jahr 2023 und 472 im Jahr 2022. Auch hier nahm die Zahl der Vorfälle nach dem Ende der Kampfhandlungen weiter zu.
In Frankreich sank die Gesamtzahl antisemitischer Vorfälle von 1.570 im Jahr 2024 auf 1.320 im Jahr 2025, blieb jedoch deutlich über dem Niveau von 2022 mit 436 Fällen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Vorfälle mit physischer Gewalt von 106 auf 126.
In Belgien verdoppelte sich die Zahl antisemitischer Vorfälle nahezu von 129 auf 232, während die Zahl körperlicher Angriffe von 27 auf 32 anstieg.
Auch in den USA zeigt sich ein gemischtes, aber insgesamt besorgniserregendes Bild. In New York, der größten jüdischen Stadt der Welt, ging die Gesamtzahl der Vorfälle leicht zurück – von 344 auf 324. Doch in den Monaten nach dem Gaza-Krieg stieg sie wieder an, von 68 auf 80. In Chicago sank die Gesamtzahl von 79 auf 47, während gleichzeitig die Zahl körperlicher Angriffe von acht auf zehn zunahm.
Auch in weiteren Ländern zeigt sich eine uneinheitliche, aber insgesamt erhöhte Entwicklung: In Italien wurden 963 Vorfälle registriert (2024: 877), darunter 11 körperliche Angriffe (2024: 8). In Spanien stieg die Zahl von 193 auf 207, in Neuseeland von 131 auf 143, darunter fünf körperliche Angriffe (2024: 2). In Mexiko wurden 70 Vorfälle registriert (2024: 53), in Bulgarien 55 (2024: 50). In Chile hingegen sank die Zahl von 51 auf 27, ebenso in Südafrika von 128 auf 95.
Der Chefredakteur des Berichts, Prof. Uria Shavit, warnt, dass sich die Gesellschaft zunehmend an ein hohes Maß an antisemitischen Vorfällen gewöhne. Nach einem Höhepunkt unmittelbar nach dem 7. Oktober sei zwar ein Rückgang zu beobachten gewesen, doch diese Entwicklung habe sich 2025 nicht fortgesetzt.
Scharfe Kritik üben die Autoren an der israelischen Regierung. Diese habe im Kampf gegen Antisemitismus „keine einzige wirksame Maßnahme“ ergriffen und durch eine Ausweitung des Begriffs dessen Bedeutung verwässert. Stattdessen empfehlen die Verfasser, Zuständigkeiten und Ressourcen stärker auf diplomatische Vertretungen zu verlagern, um vor Ort wirksamer handeln zu können.
Auch Prof. Irwin Cotler warnt vor einer dramatischen Entwicklung: In Kanada stellen Juden nur etwa ein Prozent der Bevölkerung, sind jedoch Ziel von 72 Prozent der gemeldeten Hassverbrechen. Ihr Risiko, Opfer eines solchen Verbrechens zu werden, sei 25-mal höher als das anderer Minderheiten.
Auch in den USA beschränkt sich die Entwicklung nicht auf steigende Fallzahlen. Der im Bericht vertretene Dr. Carl Yonker warnt vor einer ideologischen Verschiebung: Offener Antisemitismus, einschließlich Holocaustleugnung und Hitler-Verehrung, dringe zunehmend in zentrale Strömungen der Republikanischen Partei vor. Zugleich erschwerten soziale Medien den Kampf gegen diese Entwicklung erheblich, möglicherweise machten sie ihn sogar nahezu unmöglich.
Yonker spricht von einem „massiven und gefährlichen Trend gegen Israel“ und einer Form des Antisemitismus, die ein Ausmaß erreicht habe, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr beobachtet worden sei.
Der Bericht zeichnet damit ein klares Bild: Antisemitismus ist weltweit nicht nur präsent, sondern nimmt in seiner Intensität zu – und äußert sich immer häufiger in offener Gewalt.




