(Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs) Die jüngste Freilassung der letzten überlebenden israelischen Geiseln hat einen Moment nationaler Erleichterung geschaffen – verbunden mit zerbrechlicher Hoffnung, aber auch mit immensen Risiken. Der 20-Punkte-Plan von US-Präsident Donald Trump stellt sowohl eine historische Gelegenheit als auch eine entscheidende Bewährungsprobe für Israel, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten dar.
Wird der Plan strategisch umgesetzt, könnte er die Grundlage für echte mittel- und langfristige Stabilität in Gaza und der gesamten Nahostregion bilden.
Trumps Erfolg, zahlreiche arabische und muslimische Staaten für seinen 20-Punkte-Plan zu gewinnen, ist in der Geschichte des modernen Nahen Ostens beispiellos. Es sei betont, dass der Plan seine erste Bewährungsprobe mit der einmaligen Freilassung aller 20 noch lebenden Geiseln bestanden hat, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas und anderen dschihadistischen Terrorgruppen aus Israel entführt worden waren.
Die übrigen 19 Punkte des Trump-Plans können jedoch nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn sie durch ein klares und glaubwürdiges Bekenntnis der USA gestützt werden. Dieses muss Trumps erklärtes Prinzip „Frieden durch Stärke“ widerspiegeln und die öffentliche Unterstützung für Israels Recht garantieren, den Plan durchzusetzen und militärisch auf Verstöße der Hamas zu reagieren.
Andernfalls bleibt der Trump-Plan ein einmaliges Geiselfreilassungsabkommen und wird nicht in die zweite Phase übergehen – die Entmilitarisierung und den Wiederaufbau des Gazastreifens unter Führung internationaler Kräfte, die weder der Hamas noch der Palästinensischen Autonomiebehörde angehören.
Der ehemalige Stabschef der israelischen Streitkräfte, Generalleutnant (a. D.) Gadi Eizenkot, kritisierte am 20. Oktober scharf die Forderung nach internationalen Truppen im Gazastreifen. Dies, so warnte er, würde Israels Handlungsfreiheit bei der Durchsetzung des Abkommens stark einschränken. Er forderte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf, am Grundprinzip festzuhalten, „dass die Verantwortung für die Sicherheit im Gazastreifen in den Händen Israels bleiben muss“, während er gleichzeitig zustimmte, dass der wirtschaftliche und infrastrukturelle Wiederaufbau von moderaten arabischen Staaten unterstützt werden könne.
Ein vielversprechender Rahmen – mit Gefahren
Es überrascht nicht, dass die Hamas das zentrale Hindernis für den Trump-Plan darstellt. Es muss klar benannt werden: Die Hamas ist eine jihadistische Organisation, die ideologisch und religiös auf die Zerstörung Israels ausgerichtet ist – wie in ihrer Charta von 1988 festgeschrieben. Sie wird ihre Waffen nicht freiwillig abgeben.
Diese Terrororganisation – ideologischer Vorläufer von Al-Qaida – ist kein konventioneller politischer Akteur. Ihre Aktivitäten beschränken sich nicht nur auf Terror in Gaza, Judäa und Samaria. Sie betreibt auch diplomatischen, finanziellen und medialen Dschihad in anderen Teilen des Nahen Ostens, darunter in Syrien, im Libanon und in der Türkei.
Muhammad Nazzal, Mitglied des Politbüros der Hamas, forderte eine fünfjährige Hudna (Waffenstillstand), um Zeit zu gewinnen und den Wiederaufbau des Gazastreifens zu kontrollieren – finanziert durch 70 Milliarden US-Dollar der internationalen Gemeinschaft. Das stellt die westliche Vorstellung von „Waffenstillstand“ infrage, der dort meist als Schritt hin zu einem Friedensabkommen verstanden wird – ein Ziel, das die Hamas nicht verfolgt.
Die Aussage des US-Vizepräsidenten J.D. Vance, „wir verfügen nicht einmal über die erforderliche Sicherheitsinfrastruktur“, um die Hamas zu entwaffnen, verdeutlicht die strategische Schwäche im Trump-Plan. Dieser beruht auf der Annahme, internationale oder arabische Truppen könnten die Entwaffnung der Hamas gewährleisten – eine Fehleinschätzung.
Die scheinbare Bereitschaft der Hamas, ihre Regierungsrolle im Gazastreifen aufzugeben, ist ein trügerisches Manöver. Stattdessen will sie in ihre ursprüngliche Form zurückkehren: als geheimes Netzwerk im Schatten, orientiert an Ideologie und Strategien der Muslimbruderschaft.
Die von Trump vorgeschlagene, von Ägypten geführte internationale Truppe birgt erhebliche Risiken. Die Hamas wird versuchen, diese Kräfte mit Aufstands- und Guerillataktiken zu bekämpfen – ähnlich wie von Iran unterstützte schiitische Milizen im Irak gegen US-Truppen nach der Invasion 2003 vorgingen.
Der Wandel der Hamas – von einer sichtbaren militärisch-politischen Macht hin zu einem verdeckten „Geister“-Netzwerk – stellt langfristig eine größere Bedrohung dar. In dieser Form kann sie sich tiefer in die Gesellschaft einbetten, Wahlen beeinflussen und zukünftige Regierungen manipulieren – ohne Verantwortung für öffentliches Handeln tragen zu müssen.
Weltpolitiker, darunter auch Trump, laufen Gefahr, sich von symbolischen Entwaffnungsgesten täuschen zu lassen – oft orchestriert durch Türkei und Katar, zwei mit der Muslimbruderschaft verbundene Staaten, die die Hamas politisch und finanziell unterstützen.
Das derzeitige Problem für Israel besteht darin, dass die ersten direkten Verhandlungen der USA mit der Hamas de facto einer Anerkennung dieser Terrororganisation gleichkommen – vergleichbar mit Verhandlungen mit Al-Qaida oder dem IS. Dies erschwert es Israel, künftig militärisch auf politisch motivierte Gewalt oder Terrorakte zu reagieren.
Die entscheidende Rolle der Vereinigten Staaten
Nur die Vereinigten Staaten verfügen über die notwendige diplomatische Reichweite, den strategischen Einfluss und die Glaubwürdigkeit, um die Umsetzung der Bestimmungen dieses Abkommens zu gewährleisten. Die Unterstützung der USA muss dabei explizit, messbar und kontinuierlich sein – bloße Absichtserklärungen reichen nicht aus.
Für Israel bedeutet ein solches Engagement seitens der USA operative Tiefe und internationale Legitimität. Es stellt sicher, dass Israels Verteidigungsmaßnahmen nicht als einseitiges Handeln wahrgenommen werden, sondern als Teil eines koordinierten, regelbasierten Rahmens.
Die Umsetzung von Phase B des Abkommens, die internationale Aufsicht sowie den Übergang von militärischer Stabilisierung zu zivilem Wiederaufbau vorsieht, wird maßgeblich von der Entschlossenheit Washingtons abhängen. Ohne konsequente Durchsetzung seitens der USA – in enger Abstimmung mit Israel und regionalen Partnern – wird die Hamas jede entstehende Lücke nutzen, um ihre militärische Infrastruktur wieder aufzubauen.
Der Faktor Türkei–Katar
Über den Gazastreifen hinaus stellen zwei Akteure eine besondere Herausforderung dar: die Türkei und Katar. Beide Länder agieren zwar als Vermittler, unterstützen jedoch weiterhin politisch, medial und finanziell die Hamas – häufig über undurchsichtige Kanäle, wohltätige Tarnorganisationen oder scheinbar zivile Wiederaufbauprojekte.
Damit ein Umsetzungsplan glaubwürdig ist, muss er Transparenz- und Kontrollmechanismen enthalten, die verdeckte Finanzierungs- und Unterstützungsstrukturen offenlegen und einschränken.
Drei strategische Säulen für den Erfolg
Um den Trump-Plan von einer Vision in eine nachhaltige Realität zu überführen, wird eine Politik benötigt, die auf drei eng miteinander verbundenen Säulen basiert:
- Diplomatische und sicherheitspolitische Führung durch die USA
Die USA sollten eine Koalition regionaler und globaler Partner anführen, die sich zur Durchsetzung der Vereinbarung verpflichten. Jeder Verstoß – sei es Waffenschmuggel, Raketenbau oder finanzielle Unterstützung der Hamas – muss eine koordinierte diplomatische und, falls notwendig, militärische Reaktion nach sich ziehen. - Robuste Überwachung und Kontrolle
Israel und seine Verbündeten müssen modernste Technologien und geschultes Personal einsetzen, um Grenzen, Übergänge und logistische Knotenpunkte zu überwachen. Ziel ist es, den Zufluss von Waffen und Dual-Use-Gütern zu verhindern, während humanitäre Hilfe gezielt die Zivilbevölkerung erreicht – nicht die Hamas. - Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung zur Deradikalisierung
Langfristige Stabilität ist ohne einen Kampf gegen die Ursachen der Radikalisierung nicht möglich. Investitionen in Bildung, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und Arbeitsplätze schaffen Alternativen zu extremistischen Ideologien.
Länder wie Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Marokko haben Reformen ihrer Bildungssysteme und öffentlichen Diskurse eingeleitet – ein Modell, das auch für Gaza von Bedeutung sein könnte.
Je mehr die Jugend im Gazastreifen Perspektiven und Lebensmöglichkeiten sieht – statt Märtyrertum –, desto geringer wird der Einfluss der Hamas.
Abgewogene Abschreckung und Reaktion
Eine zentrale Frage bleibt: Wie soll Israel auf Verstöße gegen das Abkommen reagieren?
Abschreckung muss klar, diszipliniert und strategisch kommuniziert werden.
- Reagiert Israel zu schwach, lädt es zu weiteren Verstößen ein.
- Reagiert es überzogen, riskiert es den Verlust internationaler Unterstützung und moralischer Glaubwürdigkeit.
Die Doktrin der „abgewogenen Durchsetzung“ ermöglicht es, Israels Sicherheitsinteressen zu wahren und zugleich die internationale Stellung des Landes zu festigen. Sie macht deutlich, dass Israels Handlungen nicht impulsiv erfolgen, sondern auf Recht, Notwendigkeit und dem Streben nach Frieden beruhen.
Abrüstung als fortlaufender Prozess
Die Entwaffnung der Hamas kann nicht von heute auf morgen erfolgen. Sie erfordert einen mehrstufigen, langfristigen Prozess, der Sicherheitsoperationen, Geheimdienstkooperation und den zivilen Wiederaufbau miteinander verbindet. Die kontrollierte Auflösung der Milizen, die technologische und personelle Überwachung von Hilfslieferungen sowie eine transparente regionale Aufsicht müssen dabei Hand in Hand gehen.
Die USA, Ägypten und moderate arabische Staaten – insbesondere Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate – können in diesem Prozess eine entscheidende Rolle spielen. Ihre Aufgabe wäre es, die Umsetzung zu überwachen und gleichzeitig sicherzustellen, dass Staaten wie Türkei und Katar in der zweiten Phase des Plans keine operative Rolle übernehmen.
Auch Ägypten muss aus der Einflussachse Türkei–Katar herausgelöst und stärker in die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den USA und der pragmatischen Golfkoalition eingebunden werden.
Über den Waffenstillstand hinaus: Auf dem Weg zu nachhaltiger Stabilität
Der eigentliche Erfolg des Plans wird sich nicht daran messen lassen, ob Raketenangriffe ausbleiben, sondern daran, ob es gelingt, ein entmilitarisiertes, wirtschaftlich funktionierendes Gaza zu etablieren – regiert von pragmatischer Führung statt von ideologischer Militanz.
Es wäre eine gefährliche Illusion zu glauben, dass guter Wille oder diplomatische Appelle eine jihadistische Organisation wie die Hamas zur Aufgabe ihrer Waffen bewegen könnten. Nur durch konsequente Aufdeckung von Terror, Täuschung und Desinformation sowie durch klare Maßnahmen zur Abschreckung und Bekämpfung ihres Handelns kann eine nachhaltige Zukunft für Gaza und die Region entstehen.
Die Vision von Trump, MBS und Netanjahu für den Nahen Osten: Eine strategische Neuausrichtung
Die Annäherung zwischen den USA, Saudi-Arabien und Israel während Trumps erster Amtszeit beruhte nicht auf ideologischer Nähe, sondern auf einer Konvergenz strategischer Interessen. Getragen von Donald Trump, Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, zielte sie darauf ab, regionale Allianzen neu auszurichten, den Einfluss Irans einzudämmen und wirtschaftliche Modernisierung voranzutreiben – selbst wenn dafür klassische liberale Normen zugunsten von Stabilität und Sicherheit zurückgestellt werden mussten.
Diese Vision veränderte die geopolitische Architektur des Nahen Ostens grundlegend. Sie stellte pragmatische Kooperation über traditionelle Ideologie, stärkte Militär- und Sicherheitsallianzen und ermöglichte die Ausweitung der Abraham-Abkommen.
Fazit
Die von Trump, MBS und Netanjahu formulierte Vision entstand aus strategischer Notwendigkeit – nicht aus ideologischer Reinheit. Durch die Priorisierung von Sicherheitspartnerschaften, wirtschaftlicher Entwicklung und regionalen Allianzen hat sie die traditionelle Nahostpolitik tiefgreifend verändert.
Ihr Vermächtnis zeigt sich in der Eindämmung des iranischen Einflusses, in der Beschleunigung arabisch-israelischer Normalisierung und in neuen wirtschaftlichen Initiativen. Auch nach Trumps Amtszeit prägt diese strategische Neuausrichtung weiterhin die politische und wirtschaftliche Landschaft der Region.
Trumps 20-Punkte-Plan öffnet damit den Weg hin zu einem stabileren, prosperierenden Nahen Osten. In dieser Vision erscheint MBS als Architekt eines technologiebasierten – nicht terrorbasierten – Nahen Ostens.
Eine strategische und moralische Notwendigkeit
Der Trump-Plan bietet eine seltene Verbindung von Chancen und Verantwortung. Er liefert einen Rahmen für durchsetzbaren Frieden – basierend auf humanitärem Wiederaufbau und überprüfbarer Abrüstung. Gleichzeitig verlangt er moralische Klarheit und strategische Geduld.
Für Israel ist dies nicht nur eine Frage der Sicherheit, sondern des Überlebens und der Führungsrolle in der Region. Für die USA ist es ein Test ihrer globalen Glaubwürdigkeit: Können sie Visionen in dauerhafte Stabilität überführen?
Wenn der Plan mit Entschlossenheit und Integrität umgesetzt wird, könnte er einen historischen Wendepunkt markieren – den Moment, in dem der Kreislauf aus Gewalt, Terror und Hoffnungslosigkeit einer neuen Ära von Verantwortung, Wiederaufbau und Stabilität weicht.
Jetzt ist es an der Zeit, dass Israel und die USA – entschlossen, verantwortungsvoll und gemeinsam – die Führung übernehmen. Die Sicherheit Israels, die Stabilität der Region und die Zukunft Gazas hängen davon ab.
Originally published by the Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs.




