Zurück in den Alltag

Die Eurovision ist beendet. Nach einer Woche, in der wir ein Teil von Europa waren, müssen wir uns ab heute wieder mit den Problemen des Nahen Ostens auseinandersetzen. Aber es war eine tolle Woche.

Es ist vorbei. Der Alltag hat uns wieder. Die Nacht war kurz. Ja, ich gehöre zu denen, die sich jedes Jahr den Eurovision Song Contest anschauen, vom Anfang bis zum Ende, bis zum letzten Punkt, der vergeben wird, bis zum Abspann, bis zum letzten Ton, bis der Bildschirm schwarz ist. Das war bei mir schon immer so, der Samstagabend des „Grand Prix de la Chanson“, wie er früher genannt wurde, war immer ein ganz besonderer Tag. Warum? Gute Frage. Es war und ist einfach eine Veranstaltung, die Spaß macht, auch wenn es musikalisch nicht immer so toll ist. Das ist eh nur Nebensache. Es geht um das ganze Paket. Teilnehmer aus vielen Ländern, die Show und dann natürlich die Punktewertung. Die war früher sogar noch fesselnder, als jedes Land noch alle Punkte von 1 bis 12 vergab. Jetzt bei 41 teilnehmenden Ländern geht das leider nicht mehr.

Und diesmal war die Eurovision hier bei uns in Israel. Ein ganzes Jahr lang haben wir darauf gewartet. „Willkommen Europa“, hieß es gestern. Ja, wir gehören dazu. Teilnehmer aus 40 Ländern zu Gast in Israel zu haben, zusammen mit mehreren tausend Touristen, das war schon etwas ganz Besonderes. Und für Israel eine einmalige Gelegenheit, sich der Welt zu präsentieren. Vor 200 Millionen Fernsehzuschauern weltweit. Sie alle sahen gesten Bilder aus unserem kleinen Land. Dazu hatte jeder Teilnehmer ein Video an einem der vielen schönen Plätze Israels aufgenommen.

Gestern Abend sassen wir zu Hause vor dem Bildschirm. Bei Beginn der Übertragung empfand ich ein enormes Gefühl des Stolzes. Das Flugzeug mit Netta als Pilotin über dem Himmel von Tel Aviv. Die Vorbereitung zur „Landung“ der 26 Teilnehmer der Endrunde mit Bildern aus unserem Land, Radfahrer vor dem Davidsturm in Jerusalem, Israelische Pfadfinder-Kinder, Fischer vor der Küste Tel Avivs, Sie können das Video in unserem heutigen Video des Tages sehen. Und dann die Liveschaltung in die Halle von EXPO Tel Aviv. Wieder wurde ich von Emotionen umhüllt. Der große Moment ist da. Die Welt blickt nach Tel Aviv. Hallo Europa, wir gehören dazu.

Vor zwei Wochen wurden noch 700 Raketen aus dem Gazastreifen auf uns geschossen. Die Terroristen versprachen uns, die Eurovision zu verderben. Die BDS-Bewegung war fleißig damit beschäftigt, zum Boykott des Wettbewerbes in Israel aufzurufen. Israel wurde dabei als Apartheid-Staat bezeichnet. In einer BDS-Zeitung las ich sogar den Begriff „Apartheid-Tel Aviv“. „Kommt nach Tel Aviv“, kann ich da nur sagen.

Es war eine tolle Show, der Auftritt unseres Kobi Marimi war enorm emotionell. Kobi konnte die Tränen am Ende seiner tollen Darbietung nicht mehr aufhalten, so emotionell bewegt war er. Er hat wirklich alles gegeben Der Beifall in der Halle war enorm.

Die Show ging weiter, die Lieder der Teilnehmer waren beendet. Jetzt warteten alle auf Madonna. Ich meinerseits war dann froh, dass ihr Auftritt schnell wieder vorbei war. Auch hielt sie sich nicht an den Vertrag mit der EBU, keine politischen Aussagen auf der Bühne zu machen. Zwei Tänzerinnen hatten auf ihrem Rücken die israelische und palästinensische Fahne. Sie riefen zum Frieden auf, was ja auch absolut in Ordnung ist. Aber eben nicht auf einer nicht-politischen Veranstaltung. Der ESC hat nichts mit Politik zu tun. Er soll verbinden und einfach nur Spaß machen.

Und den hatten wir auch. Dann kam die Punkteverteilung. Irgendwann hörte man dann Pfiffe und Buhrufe. Die Isländer, auf der Bühne hatten sie sich noch artig verhalten, hatten zwei Schals mit der palästinensischen Fahne hervorgeholt und präsentiert. Schon lange vor dem Wettbewerb hatten sie damit gedroht, eine politische Aussage gegen Israel zu machen. Das Sicherheitspersonal griff ein und nahm ihnen die Schals weg. Gerne würde ich die isländische Gruppe bei einem Auftritt in Gaza sehen, so, wie sie bei uns aufgetreten sind.

Sie konnten es nicht lassen, die Isländer gestern

Am Ende siegte der Sänger aus den Niederlanden. Er war von Anfang an der Favorit gewesen. Er hat auch schön gesungen, musikalisch. Ein verdienter Sieger. Nächstes Jahr dann in Amsterdam. Unser Kobi belegte leider nur den 23. Platz. Aber so ist es oft bei den Gastgebern. Dennoch haben wir gestern gewonnen. Israel hat gewonnen. Es war eine tolle Woche, die man hier bei uns nicht so schnell vergessen wird. Und auch die vielen Touristen , die nach Israel kamen, werden von ihren Erlebnissen und ihren Eindrücken von Israel erzählen.

Die Eurovision ist beendet, ich schaue auf die Uhr, es ist schon halb drei. In nur wenigen Stunden muss ich aufstehen, um pünktlich in die Redaktion nach Jerusalem zu kommen. Wir sind eben doch nicht in Europa, dachte ich mir. Während man sich dort heute einen schönen freien Sonntag machen kann, beginnt bei uns in Israel bereits die neue Arbeitswoche. Jetzt haben wir wieder Zeit für andere Nachrichten. Die Feier ist vorbei. Auf Wiedersehen Europa.

Bild: “Hello Europe!” Die vier Moderatoren des ESC in Tel Aviv (Foto: Hadas Parush/Flash90)

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