Und plötzlich war es wieder ruhig

Dov Eilon

Die Terroristen im Gazastreifen haben einer Waffenruhe zugestimmt. Doch vorher mussten erst vier Israelis sinnlos ihr Leben verlieren. Nun können wir uns auf die Eurovision vorbereiten. Auch der Unabhängigkeitstag ist gerettet. Alles gut, oder?

Und es ist wieder passiert. Eigentlich sollte dies uns nicht mehr überraschen, sind doch auch die letzten „Runden“ der Gewalt mit einer plötzlichen Einigung auf eine Waffenruhe beendet worden. Die Auseinandersetzungen mit der Hamas im Gazastreifen werden bei uns als „Runde“ bezeichnet, hebr. „Sevev“ . Und auch diese Runde gehört nun seit 7 Uhr früh der Vergangenheit an.

Und wer ist der Sieger? Gibt es überhaupt einen Sieger? Auf israelischer Seite mussten gestern erst vier Menschen ums Leben kommen, damit es heute wieder ruhig ist. Im Gazastreifen wurden erstmals wieder Terroristen gezielt ins Visier genommen. Diesmal hat sich die israelische Armee nicht mit Angriffen auf leerstehende Häuser begnügt. Die hat es natürlich auch gegeben. Und auch ist immer ein mehrstöckiges Hochhaus mit dabei. Das macht sich in Videos immer gut. Wir haben es den Terroristen gezeigt, sie werden es nicht wagen, uns weiter mit Raketen zu terrorisieren. Wirklich?

Mehr als 600 Raketen sind in knapp 48 Stunden auf den Süden Israels niedergegangen. Das Raketenabwehrsystem, der Iron Dome, hat davon rund 200 erfolgreich abgewehrt. Doch es gab noch genug Raketen, die in den Städten des Südens und der Shfela Ebene auf Häuser und Straßen niedergingen und dabei erhebliche Schäden anrichteten. Ein Drittel unseres Landes wurde terrorisiert. Die Terroristen haben gelernt, 30 bis 50 Raketen auf einmal auf den Weg zu schicken. Das macht die Abwehr so schwierig.

Gestern konnte ich erstmals seit 2014 wieder von unserem Garten aus Zeuge einiger Raketenabfänge vom Iron Dome werden. Bevor die Gerüchte um eine erneute Waffenruhe begannen, gab es gegen 19 Uhr noch einmal eine ordentliche Ladung von Raketen auf den Süden Israels und auch auf die südliche Shfela Ebene. Auch Modiin befindet sich in der Shfela Ebene. Das tiefdumpfe Donnern der Raketenabwehr konnte man sehr gut hören und auch fühlen.

Raketenabwehr vor der Haustür. Über den Hügeln von Modiin, gestern Abend (Foto: Dov Eilon)

Eigentlich dachte ich, dass es gleich auch bei uns losgehen würde. Vorher hatte der Islamische Jihad doch gedroht, Tel Aviv als nächstes Ziel anzugreifen. Dort fanden zur gleichen Zeit die Proben zum ESC statt. Vielleicht war der Song Contest einer der Gründe für die plötzliche Einigung auf eine Waffenruhe?
Wie auch immer, nach diesem letzten massiven Raketenbeschuss, bei dem in Ashdod das vierte Opfer zu beklagen war, wurde es langsam ruhig. Die Berichte über eine Einigung bei den Gesprächen in Kairo häuften sich. Dabei soll es offiziell keine Gespräche mit der Hamas gegeben haben, hieß es immer seitens der israelischen Regierung. Damit waren direkte Gespräche gemeint. Denn am Tisch saßen neben den Israelis und der Hamas auch die ägyptischen Vermittler, über die die Verhandlungen abliefen.

In Ashdod wurde gestern ein 21-Jähriger durch Raketensplitter getötet (Foto: Flash90)

Kurz nach Mitternacht gab es dann einen weiteren Raketenalarm im Grenzgebiet zum Gazastreifen, danach wurde es ruhig. Heute früh wachten wir auf mit der Meldung über das Erreichen einer Einigung zur Waffenruhe. Dazu sollte gesagt werden ,dass sie von israelischer Seite weder bestätigt noch dementiert wurde. So sagte Ministerpräsident Netanjahu heute, dass die Aktion keineswegs beendet sei und ein langes Durchhaltevermögen fordere. Die Hamas und der Islamische Jihad hätten verstanden, dass die Spielregeln nun anders seien. Sie hätten um eine Waffenruhe gebeten.

Sicherheitsexperten sagten, dass es völlig klar sei, dass es bis zu einer nächsten “Runde” nur eine Frage der Zeit sei. Viele Israelis sehen in der vereinbarten Waffenruhe eine Niederlage Israels. Man würde sich von den Terroristen diktieren lassen, wann gekämpft werde und wann nicht.

Natürlich ist ein Waffenstillstand immer besser als ein Krieg. Aber die Situation im Süden mit der Hamas im Gazastreifen ist kompliziert. Die seit heute früh herrschende Ruhe ist, wie die Ruhephasen davor, zeitlich begrenzt. Die Hamas hat ihre Einstellung Israel gegenüber nicht geändert. Am Freitag werden wir wieder den “Marsch der Rückkehr” am Grenzzaun erleben. Ganz langsam wird sich die Atmosphäre dann wieder erhitzen und wenn es die Hamas für passend hält, wird wieder eine Rakete zu uns rüberkommen, vielleicht sogar “aus Versehen”.

Vier Menschen sind gestern durch den Raketenbeschuss getötet worden, völlig sinnlos. Aber immerhin braucht man sich in Tel Aviv keine Sorgen mehr zu machen, die Eurovision ist gerettet. Und auch unser Unabhängigkeitstag kann am Donnerstag gefeiert werden, nachdem wir uns einen Tag vorher an die Opfer der Kriege und Terroranschläge erinnern werden. Die Liste der Opfer hat nun vier Namen mehr dazu bekommen.

Bild: Im israelischen Fernsehen werden die Raketenalarme bekanntgegeben (Foto: Dov Eilon)

 

 

 

 

 

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