
Anat Schneider
Das Volk Israel durchlebt eine der schwersten Zeiten seiner Geschichte. Seit dem 7. Oktober 2023 leben wir wie in einem endlosen Horror-Thriller. Wir sitzen in der Dunkelheit, angespannt, und warten darauf, dass es endlich vorbei ist und das Licht angeht. Dass wir frische Luft holen und erleichtert durchatmen können. Doch inmitten dieser Dunkelheit leuchten immer wieder funkelnde Lichter auf.
Merav Gonen, die Mutter von Romi Gonen, die von der Nova-Party in den Gazastreifen entführt wurde, war eine sehr präsente Stimme im Kampf für die Rückkehr der Geiseln. Sie kämpfte wie eine Löwin für ihre Tochter, damit sie lebend zurückkehrt. Sie sprach bei Demonstrationen, in Liveübertragungen und Interviews. Sie ruhte keinen Moment – und das alles mit unerschütterlichem Optimismus. Keinen Augenblick hat Merav aufgegeben; sie wusste tief in ihrem Herzen, dass Romi nach Hause zurückkehren würde. Während der ganzen langen Zeit hielt sie in ihrem Kopf das Bild fest, wie ihre Tochter Romi direkt in ihre Arme zurückkommt. Auf ihrer aktiven Facebook-Seite konnte man diesen Optimismus trotz der enormen Schwierigkeiten stets spüren.

Gestern, als die ersten Gerüchte und Meldungen aufkamen, dass ihre Tochter Romi zu den drei ersten Geiseln gehören würde, die von der Hamas freigelassen werden, packte Merav einen Koffer für ihre Tochter – für das Krankenhaus, wo sie Romi angeblich treffen würde – und sagte:
„Wir wissen schon, in welches Krankenhaus sie kommen wird. Wir haben einen Koffer mit ihrer Kleidung. Jetzt fragen wir uns, wo ihr Parfüm ist. Welches Deo sie bevorzugt? Und welches Shampoo wir mitbringen sollen, damit sie ihre eigene Identität durch die Dinge, die sie kennt, zurückerlangen kann.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob sie gehend ins Land kommen wird – hoffentlich doch! Aber selbst wenn sie im Rollstuhl zurückkehrt, ist sie meine Tochter. Schließlich habe ich sie geboren, und ihre Heimkehr jetzt ist wie eine Wiedergeburt meiner Tochter! Atme noch ein bisschen, meine Liebe, nur noch ein bisschen – gleich sind wir da, und du bist hier bei uns, in einem sicheren Israel, bereit für den nächsten Abschnitt in unserem Leben. Und sag das auch allen anderen Geiseln, die du dort triffst. Sag ihnen genau das: Es gibt ein ganzes Volk, das auf euch wartet, ein starkes Volk. Sei stark, meine Liebe.“
Als Romi gestern – nach 470 Tagen – in Israel ankam, fragte sie als Erstes: „Wo ist meine Mama? Wo ist meine Mama?“ Ihr könnt das Bild sehen, auf dem sie in den Armen ihrer Mutter sitzt, direkt nach ihrem Wiedersehen, beide eng umschlungen, als wäre sie gerade erst aus dem Mutterleib gekommen. Das Bild spricht für sich und erzählt die ganze Geschichte. Gestern war ein Feiertag. Gestern haben wir wieder erleichtert durchgeatmet.

Drei unserer Schwestern, Frauen, sind in die Grenzen Israels zurückgekehrt, aus der Hölle, und sie sind zu Hause: Romi Gonen (24), Emily Damari (28) und Doron Steinbrecher (31). Zu Hause – Aviel und ich – haben wir das „Schehechejanu“ gebetet: „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns hast leben lassen, uns erhalten hast und uns hast diese Zeit erreichen lassen.“ Ich denke, die meisten im Land haben dieses Gebet im Herzen ausgerufen.
Gestern gingen wieder Lichter an, es wurde im Raum heller, und der endlose Horrorfilm hielt für einen Moment inne. Alles, was wir in den letzten 15 Monaten durchgemacht haben, verdichtete sich in diesem reinen Augenblick – dem Moment der Rückkehr der Geiseln, unserer Schwestern.
Wir waren in Euphorie, auch wenn wir wissen, dass die jungen Frauen eine Rehabilitation durchlaufen müssen und dass sie Schreckliches in den Händen der Hamas in der Hölle erlebt haben. Auf dem Bild, auf dem Doron ihren Vater umarmt, kann man den Schmerz förmlich spüren. Ihr Gesichtsausdruck erzählt eine Geschichte – und diese Geschichte ist vermutlich schwer. Ich ahne vieles, möchte aber nicht daran denken, was unsere Schwestern in den 471 Tagen unter der Erde im Gazastreifen durchgemacht haben. Aber nun sind Doron, Romi und Emily hier, zu Hause, umarmt in Liebe und Wärme von ihren Familien und Freunden.
Wie mein Sohn Tomer zu mir sagte: „Ich glaube, alles kann geheilt werden.“ Er fügte hinzu: „Wenn sich Gilad Shalit, der fünf Jahre allein in Gefangenschaft war, erholen konnte, glaube ich, dass es jeder schaffen kann.“ Ich hoffe, du hast recht, mein Sohn. Das Bild von Emily mit einem so breiten Lächeln im Gesicht, während sie ihre verletzte, bandagierte Hand hebt, hat uns daran erinnert, was wirklich wichtig ist im Leben.
Gestern war ein freudiger Tag für uns. Das Land kleidete sich in Feierlichkeit; wir alle atmeten auf und feierten die wahre Freude über die Rückkehr eines Teils unseres Volkes nach Hause. Aber im gleichen Atemzug möchte ich auch die gestrige Rückkehr des Soldaten Oron Shaul erwähnen. Bei einer großen Operation wurde sein Leichnam ins Land zurückgebracht, der vor etwa zehn Jahren während der Gaza-Operation „Starker Felsen“ 2014 fiel und dessen Leiche von der Hamas im Gazastreifen entführt wurde. Man wusste, dass Oron tot ist, aber für seine Mutter Zehava und die Familie ist dies eine enorme Erleichterung, zu wissen, dass er nun im Boden Israels ruhen wird.

Wir wissen, dass noch ein langer Weg vor uns liegt, aber wir sehen, dass es Licht am Ende des Tunnels gibt. Wir hoffen, dass alles darauf hinausläuft, dass alle Geiseln, unsere Schwestern und Brüder – ohne Ausnahme – bald wieder zu Hause sein werden. Das ist mein Gebet. 94 Geiseln hocken noch immer unter der Erde im Gazastreifen und warten auf ihre Erlösung und Befreiung, während fast das gesamte Volk Israel für sie betet und auf ihre Heimkehr wartet.
Wie und was sagte Ruben an der Zisterne, als er sah, dass Josef verschwunden war, nachdem er an Fremde verkauft wurde: „Der Knabe ist verschwunden! Und ich, wo soll ich hin?“ (1. Mose 37,30).
Wenn unsere Schwestern und Brüder nicht zurückkehren, weiß ich nicht, wohin wir als Volk gehen oder gelangen werden. Biblisch sind wir verpflichtet, den Nächsten in unserem Volk in Not nicht im Stich zu lassen – „nicht auf seinem Blut stehen“. Die Rückkehr aller ist entscheidend für unser weiteres, gesundes Bestehen als Volk Israel – für unseren Verstand und unsere Seele. Die Stunde der Gnade ist gekommen.




