Guten Morgen liebe Leser!
Um 10 Uhr Ortszeit werden heute überall die Sirenen heulen und das ganze Land wird für 2 Minuten stillstehen. Auf den Straßen werden die Autofahrer anhalten und aus dem Auto steigen, in den Fabriken des Landes werden die Maschinen abgeschaltet, im Gerichtssaal werden die dort Anwesenden, Richter wie Angeklagte, aufstehen und schweigen, der Eilbote wird von seinem Motorroller steigen, der Postbote bleibt vor dem Briefkasten eines Hauses stehen, in den Schulen stehen bereits alle Schüler und Lehrer auf dem Hof oder in der Halle, wo dann zwei Minuten später die Zeremonie beginnen wird, die Straßenbahn, der Zug, die Flugzeuge, alles steht still. Bei uns in der Redaktion werden wir unsere Arbeit unterbrechen und aufstehen. Unter dem Heulen der Sirenen werden wir an die 6 Millionen Juden gedenken, die in der Shoah von den Nazis ermordet wurden. Wir haben heute den Gedenktag an die Opfer des Holocaust, der Shoah.

Als ich heute früh in Jerusalem aus dem Bus stieg, schaute ich mir die Menschen an, denen ich bei meinem Fußweg zur Redaktion begegnet bin. Oft sehe ich immer wieder dieselben Menschen, wenn sie bei mir vorbeilaufen, sie sind wie ich jeden morgen gegen 7 Uhr unterwegs, die blonde Frau mit dem Kaffeebecher in der Hand, die junge Soldatin auf ihrem Weg zur Rekrutierungsstelle, wo sie wohl ihren Dienst leistet, der obdachlose Mann im olive-farbenen Anorak und dem Plastikbecher in der Hand, der jüdisch-orthodoxe Vater, der seine kleine Tochter gerade in den Schulbus setzt, die junge Mutter, die mit ihren zwei Kindern auf die Straßenbahn wartet. Wer waren ihre Vorfahren? Was wird in ihren Köpfen vorgehen während der zweiminütigen Sirene? Heute musste ich daran denken, wieviele andere Menschen ich vielleicht heute früh getroffen hätte, wenn es diese 6 Millionen Opfer nicht gegeben hätte. Wieviele Familien hätten noch gegründet werden können. Wie sähe Jerusalem, das Land Israel aus, hätte es die Shoah nicht gegeben. Oder wäre ich dann vielleicht gar nicht hier? Würde der Staat Israel in der nächsten Woche seinen 70. Geburtstag feiern? Diese Gedanken machten mir eine Gänsehaut.
Gestern Abend sah ich zusammen mit meiner Familie im Fernsehen die Zeremonie zum Holocaust-Gedenktag in Yad Vashem. Es war fast das erste Mal, dass ich die ganze Zeremonie sehen konnte. Denn bis zu diesem Jahr war ich immer unterwegs mit meiner Tochter, die bei den Gedenkfeiern im Chor mitgesungen hatte. Dieses Jahr ist sie in der Armee, auch dort wird heute eine Zeremonie abgehalten werden. Zurück zu Yad Vashem. Nachdem der Staatspräsident Rivlin und Ministerpräsident Netanjahu ihre Reden beendet hatten (sogar das Thema Iran wurde von Netanjahu angesprochen) und nach einem weiteren Lied kam der wohl emotionellste Moment der Veranstaltung, das Zünden von sechs Fackeln durch sechs Überlebende des Holocausts. Diese Menschen sind alle schon über 90 Jahr alt. Vor dem Anzünden der Fackel gab es einen kurzen Film, in dem der Überlebende seine Geschichte erzählte. Ich war sehr berührt, diese Menschen haben das Grauen überlebt, haben es geschafft, nach Israel zu kommen und haben hier eine Familie gegründet.
Sechs Fackeln zur Erinnerung an die 6 Millionen Opfer (Fotos: Yonatan Sindel/Flash90)
Wenn Sie die Zeremonie von gestern in voller Länge sehen wollen, dann klicken Sie bitte auf das Bild. Ich habe es so eingestellt, dass das Video mit dem Entzünden der Fackeln beginnt. Die Reden sind vorher.
Nun frage ich mich, was sein wird, wenn es keine Überlebende mehr geben wird. Wer wird dann die Fackeln am Gedenktag anzünden? Wie werden wir mit der Erinnerung umgehen?
Draußen scheint die Sonne, in etwa 45 Minuten werden die Sirenen ertönen. Die Sonne scheint, es soll wieder wärmer werden.
Und hier ist das Wetter für heute in Israel:
Teilweise bewölkt mit einem leichten Anstieg der Temperaturen. Folgende Höchsttemperaturen werden erwartet: Jerusalem 21 Grad, Tel Aviv 22 Grad, Haifa 21 Grad, Tiberias am See Genezareth 26 Grad, am Toten Meer 28 Grad, Eilat am Roten Meer 31 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist unverändert und liegt bei -213.40 m unter dem Meeresspiegel.
Um eine Minute vor 10 Uhr werde ich meinen Schreibtisch verlassen und auf den Balkon gehen und auf den Beginn der Sirenen warten. Dann werde ich zwei Minuten lang mit einen Gedanken bei denen sein, die damals auf die grausamste Art und Weise ermordet wurden. Es werden zwei traurige Minuten sein, doch danach, wenn dann das Leben auf den Straßen und im ganzen Land wieder seinen Lauf nehmen wird, werde ich vielleicht sogar lächeln können. Denn die Nazis haben es nicht geschafft. Wir sind noch da, Israel lebt. Das Volk Israel lebt, Am Israel Chai!
Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen und friedlichen Donnerstag. Machen Sie es gut.
Shalom aus Jerusalem!
Dov





