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Guten Morgen Israel – Geduld

Alltägliche Dinge, denen wir früher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, sind heute sehr kompliziert geworden

Guten Morgen Israel – Geduld
Yonatan Sindel/Flash90

Boker Tov liebe Leser!

Ich sitze wieder zu Hause in Modiin, nachdem wir vor etwa anderthalb Monaten die „Rückkehr in den Alltag“ und ich persönlich die Rückkehr in unsere Redaktion nach Jerusalem gefeiert hatten. Damals waren die Zahlen der mit dem Coronavirus neu infizierten pro Tag in den zweistelligen Bereich zurückgegangen. Wir sahen das Licht am Ende des Tunnels und begannen, uns auf den Sommer zu freuen. Doch wir haben uns zu früh gefreut, wir waren viel zu naiv.

Jetzt liegt die Zahl der Neuinfizierungen jeden Tag im vierstelligen Bereich, am Freitag hätten wir fast die 2000 Marke erreicht, ein trauriger Rekord. Ich würde Ihnen gerne andere Dinge aus unserem israelischen Alltag erzählen, doch das Coronavirus bestimmt unseren Tag von morgens bis abends.

Alltägliche Dinge, denen wir früher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, sind heute sehr kompliziert geworden. Das spüre ich zurzeit am eigenen Leib. Es beginnt schon mit einem ganz normalen Besuch in der Bank, der heute eben nicht mehr normal ist. Ein Besuch in der Bank muss heute im Voraus geplant werden. Man braucht einen Termin, den man sich im Internet besorgen kann, oder auch am Telefon, wenn man sehr viel Geduld mitbringt. Diese Geduld hatte ich gestern nicht, nach einer einstündigen Wartezeit gab ich auf und legte den Hörer zurück.

Auch unsere Tochter brauchte einen Termin bei ihrer Bank. Da sie wegen Corona seit März nicht mehr im Kino arbeiten kann, wollte sie als eine aus dem Armeedienst entlassende das Angebot der Armee in Anspruch nehmen und etwas von dem Geld, das die Armee für alle Soldaten spart, abheben. Normalerweise darf man dieses Geld nur für das Studium, Kurse für die Weiterbildung oder dem Kauf einer Wohnung nutzen, oder man muss 7 Jahre warten, dann wird einem das Geld auf das Konto überwiesen. Jetzt darf man wegen der Coronakrise bis zu 5000 Schekel von diesem Ersparten, auf Hebräisch „Pikadon“, abheben, um über die Runden zu kommen. Dafür muss man sich persönlich an einen Bankangestellten wenden, d.h. man braucht einen Termin. Das ging diesmal recht einfach, doch unsere Tochter bekam einen Termin in zwei Wochen, bis dahin muss sie noch auf ihr Geld warten. Nicht so schlimm in unserem Fall, aber was ist mit denen, die völlig auf das Geld angewiesen sind?

Kein Geld für das Shopping, es wird gespart. Das Dizengoff-Center in Tel Aviv ist normalerweise viel voller.

Ich brauchte vor einigen Tagen ein Dokument von der Stadt. Auch das ist normalerweise keine besondere Angelegenheit. Doch jetzt, in den Coronatagen, muss man sich auch in diesem Fall telefonisch einen Termin besorgen. Im Büro der Stadtverwaltung wird jetzt immer nur ein Bürger bedient. Alle anderen müssen vor der verschlossenen Tür warten.

Ja, es ist alles sehr mühselig geworden. Mir hängt Corona zum Hals heraus, auch wenn ich weiß, dass meine Familie und ich in einer relativ guten Situation sind. Wir arbeiten und haben unser monatliches Einkommen. Nicht so ist es bei mehr als eine Million Menschen, die entweder ihre Arbeit verloren haben oder sich im unbezahlten Urlaub befinden. Ein Alptraum. Und die Rechnungen kommen weiter ins Haus, es muss eingekauft werden. Und das können viele nicht mehr.

Gestern packten israelische Künstler und Schauspieler Lebensmittelpakete für ihre Kollegen, denen das Geld ausgegangen ist. Ein seltsamer Anblick, plötzlich Menschen in Not zu sehen, die vor einem halben Jahr noch zu den besseren Verdienern gehörten und von Notlagen wie diese nur in den Zeitungen lasen. Und jetzt befinden sie sich selbst in dieser Situation.

Lebensmittelpakete für israelische Künstler und Schauspieler

 

Heute soll darüber entschieden werden, ob Restaurants geöffnet bleiben können oder nur noch Lieferungen oder Take Away machen dürfen. Momentan müssen sie seit 5 Uhr morgens geschlossen sein, doch das kann sich gegen 10 Uhr ändern, wenn sich der „Corona-Ausschuss“ trifft und die Entscheidung der Regierung wieder einmal umdreht, wovon ich Ihnen gestern erzählt habe.

Nichts ist zurzeit selbstverständlich, daher sind meine Familie und ich dankbar dafür, nicht zu hart vom Coronavirus betroffen zu sein. Meine Frau hat wohl ein paar Klavierschüler weniger, aber sonst geht eigentlich alles seinen normalen Gang, also relativ normal. An die Masken haben wir uns schon gewohnt. Wir beschweren uns also nicht, abgesehen von einer Sache: die Hitze! Es ist viel zu heiß, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Gerne hätte ich es etwas kühler.

 

Das Wetter für heute in Israel

Teilweise bewölkt bis heiter ohne bedeutende Veränderungen der Temperaturen. Für heute werden folgende Höchsttemperaturen erwartet: Jerusalem 30 Grad, Tel Aviv 30 Grad, Haifa 27 Grad, Tiberias am See Genezareth 36 Grad, am Toten Meer 38 Grad, Beersheva 34 Grad, Eilat am Roten Meer 41 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist um einen weiteren halben Zentimeter gesunken und liegt jetzt bei – 209.29 m unter dem Meeresspiegel, es fehlen 49 Zentimeter bis zur oberen Grenze!

Im Namen meiner lieben Kollegen von Israel Heute wünsche ich Ihnen einen angenehmen Dienstag. Machen Sie das Beste daraus und bleiben Sie gesund.

 

Schalom aus Modiin!