Gedenken an 6 Millionen

Das ganze Land gedenkt heute den sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden.

Gedenken an 6 Millionen
Esther Rubyan/FLASH90

Guten Morgen liebe Leser!

Heute um 10 Uhr ist es wieder so weit. Das ganze Land wird für zwei Minuten zum Stillstand kommen, wenn die Sirenen ertönen, in Gedenken an die sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden. Dieser Tag des Gedenkens und der Erinnerung ist immer ein ganz besonderer Tag. Seit gestern Abend, seit Beginn der Zeremonie in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gegenüber vom Herzl Berg in Jerusalem, befasst man sich auch in den Medien nur noch mit der Erinnerung an die Ereignisse in der Shoah, wie wir den Holocaust auf Hebräisch nennen.

In allen Fernseh- und Radioprogrammen werden die persönlichen Geschichten von Holocaust-Überlebenden erzählt. Das ist wichtig, denn noch gibt es Menschen, die uns von ihren unfassbaren Erlebnissen aus dieser schweren Zeit erzählen können.

Ich erinnere mich an die Zeit, als unsere Tochter noch in die Schule ging und sie mit einem Projekt zur Erinnerung an den Holocaust beschäftigt war. Dieses Projekt gehört zum Lehrprogramm und findet in der 11. Klasse statt. Die Klasse wurde in kleine Gruppen aufgeteilt, jede Gruppe hatte die Aufgabe, die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden aus der Familie der Schüler zu dokumentieren und festzuhalten. Die Tatsache, dass es in jeder Gruppe mindestens ein Familienmitglied gab, dass den Holocaust überlebt hat, zeigt, wie direkt verbunden wir auch heute noch mit dem Holocaust sind.

Israelische Soldaten besuchen die Gedenkstätte in Yad Vashem.

Ich begleitete meine Tochter zu der Großmutter einer Mitschülerin, um ihre Geschichte zu hören. Wir wurden nett empfangen und bekamen Kaffee und Kuchen und dann begann die Großmutter zu erzählen. Sie erzählte ihre Geschichte, die Flucht aus ihrer Heimatstadt in Russland, die Sorge um ihren Vater, der, da er von den Nazis als für die Arbeit nützlich erklärt wurde, für die Nazis mit der Herstellung von Terpentin beschäftigt war. Dann gab es einen Bruder, der sich als 12-Jähriger als “Goj”, als Nichtjude, gab, um in der Nähe seines Vaters zu sein. Danach hörten wir, wie ihre Mutter sich mit den Kindern in einer Hütte versteckte und mit ihnen in die Büsche rannte, als die Nazis kamen und an der Tür klopften. In diesem Fall hatte die Geschichte ein gutes Ende. Zum Schluss erzählte uns die Großmutter, Nechama Hochbaum, wie sie am 14. Mai 1948 nach Tel Aviv fuhren, um mit dabei zu sein, als David Ben Gurion die Gründung des Staates Israel bekannt gab.

Die ganze Geschichte hat meine Tochter aufgeschrieben. Sie wurde dann zusammen mit allen anderen von ihren Mitschülern gesammelten Geschichten in einem fast 500 Seiten dicken Buch veröffentlicht. Das Treffen mit der Holocaust-Überlebenden hatte auf meine Tochter einen großen  Eindruck gemacht. Durch das Niederschreiben der Erinnerungen war sie sehr mit der Geschichte verbunden. Und genau deswegen ist es so wichtig, dass wir so viele Erlebnisberichte wie möglich sammeln, solange dies noch möglich ist.

In der Gedenkstätte in Yad Vashem werden all diese Geschichten gesammelt und sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Denn wir dürfen diese Erinnerungen nie vergessen.

Eine weitere Geschichte einer Überlebenden: Hilde Zimche – die Geige rettete ihr das Leben

Wenn ich in den Netzwerken an den Holocaust erinnere, bekomme ich leider sehr oft Kommentare von Deutschen, wonach es doch irgendwann mal genug sein müsse mit der ständigen Erwähnung des Holocaust. Es sei doch schon so viel Zeit vergangen. Außerdem sei man ja gar nicht dafür verantwortlich, es wären die Großeltern gewesen, dafür könne man ja nichts. Ich gebe dann immer dieselbe Antwort. Richtig, die Deutschen von heute haben keine Schuld und müssen sich auch nicht entschuldigen, aber sie haben zusammen mit uns die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passieren wird. Nach dieser Erklärung hat die Diskussion dann meistens ein Ende.

Ich verstehe ja, dass Deutschland eine schwere historische Last mit sich herumträgt und dass es für viele Deutsche heute unangenehm ist und es leichter wäre, sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen, aber das geht leider nicht, denn wir dürfen dieses schwarze Kapitel in der Geschichte der Menschheit nie vergessen.

In 15 Minuten werden die Sirenen ertönen, vielleicht schließen Sie sich mir an und machen Sie eine kurze Pause, um der Opfer zu gedenken.

 

Und jetzt das Wetter:

Teilweise bewölkt mit einem weiteren Rückgang der Temperaturen. Für heute werden folgende Höchsttemperaturen erwartet: Jerusalem 22 Grad, Tel Aviv 23 Grad, Haifa 20 Grad, Tiberias am See Genezareth 27 Grad, am Toten Meer 29 Grad, Beersheva 28 Grad, Eilat am Roten Meer 32 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist unverändert und liegt bei – 209,105 m unter dem Meeresspiegel. Es fehlen nur noch 30,5 Zentimeter bis zur oberen Grenze.

Im Namen der gesamten Redaktion von Israel Heute wünsche ich Ihnen einen angenehmen Tag des Gedenkens und der Hoffnung. Machen Sie es gut.

 

Schalom aus Modiin!

 

 

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