(JNS) ZIKIM, Israel – Fast anderthalb Jahre lang blickte Michal Reichter vom Haus ihrer Familie in erster Strandreihe in ihrer landwirtschaftlich geprägten Gemeinde im Süden Israels auf das Mittelmeer – doch sie wagte es nicht, sich ihm zu nähern.
„Das Meer ist mein Zuhause, aber ich konnte nicht zustimmen, auch nur in seine Nähe zu kommen“, sagt die 46-jährige Bewohnerin des Kibbuz Zikim, drei Meilen nördlich des Gazastreifens.
Das Trauma der von der Hamas angeführten Angriffe vom 7. Oktober 2023 – selbst nach neun Monaten Evakuierung aus ihrem Zuhause im Süden Israels noch immer präsent – überwältigte sie.
Heute jedoch heilt sie ausgerechnet das Meer, vor dem sie sich so sehr fürchtete.
„Ein Strand der Wiedergeburt“
Vor drei Monaten brachte ein Nachbar Reichter mit HaGal Sheli („Meine Welle“ auf Hebräisch) in Kontakt, einer zwölf Jahre alten israelischen Nichtregierungsorganisation. Ursprünglich war sie dafür bekannt, gefährdete Jugendliche mithilfe des Surfens zu unterstützen. Nach dem 7. Oktober konzentriert sie sich jedoch vor allem darauf, Bewohner des Südens Israels, die durch den Angriff traumatisiert wurden und infolge dessen in einen zweijährigen Krieg im Gazastreifen gerieten, durch diesen Sport bei der Verarbeitung zu begleiten.
Der Strand von Zikim war nach dem Angriff vom 7. Oktober zwei Jahre lang zur geschlossenen Militärzone erklärt worden. Damals waren 38 Hamas-Terroristen in sieben Schnellbooten aus dem nahegelegenen Gazastreifen aufgebrochen. Sie ermordeten 17 Zivilisten und einen Soldaten am Strand. Israelische Sicherheitskräfte sowie das Schnellreaktionsteam der Gemeinde verhinderten jedoch, dass die Terroristen in den angrenzenden Kibbuz eindringen konnten, wo sich die Bewohner in Schutzräumen verschanzt hatten.
Israels südlichster Strand wurde im vergangenen Oktober im Zuge der Waffenruhe im Gazastreifen wiedereröffnet. Zeitgleich nahm ein neues Surfzentrum von HaGal Sheli seinen Betrieb auf, das während des Krieges errichtet worden war, um pünktlich zur Wiederöffnung bereit zu stehen.
„Das hier wird eines der wichtigsten Rehabilitationszentren im Süden Israels“, sagt Yaron Waksman, Gründer und Geschäftsführer von HaGal Sheli. Die Idee, die Leidenschaft für die Arbeit mit gefährdeten Jugendlichen mit dem Surfen zu verbinden, entstand vor anderthalb Jahrzehnten während seiner Studienzeit gemeinsam mit einem Freund.
Nach über einem Jahrzehnt Arbeit mit komplexen Traumata bei Tausenden gefährdeter Jugendlicher entfallen inzwischen rund 60 Prozent der Aktivitäten der Organisation auf akute Traumata infolge des 7. Oktober. Allein an diesem Standort werden in diesem Jahr etwa 1.500 Teilnehmer erwartet – darunter Bewohner, Hinterbliebene und Reservisten. Insgesamt betreibt die Organisation zwölf Zentren in ganz Israel.
Ein Drittel des jährlichen Budgets von sieben Millionen Dollar stammt aus staatlichen Mitteln, ein Drittel aus dem Verkauf von Dienstleistungen und ein Drittel aus Spenden.

„Wir wollten, dass der Strand für die Bewohner ein Strand der Wiedergeburt wird und nicht ein Ort der Zerstörung“, sagt Shir Ariel, 28, die das neue Surfzentrum leitet. Die Sozialarbeiterin und leidenschaftliche Surferin berichtet, dass die Organisation bereits in den ersten Tagen nach dem 7. Oktober aktiv wurde, Evakuierte therapeutisch begleitete und kostenlose Surfkurse anbot, um das Trauma zu lindern. Mit einer derart großen Nachfrage – teils mit Wartelisten – habe jedoch niemand gerechnet.
„Wir wissen, dass wir auch im kommenden Jahrzehnt dringend gebraucht werden“, sagt sie. „Ich habe gesehen, wie dieser Ort Seelen heilt.“

Kampf gegen das Trauma
„Das hat mich vollkommen verändert“, sagt Michal Reichter. Sie erinnert sich an die 13,5 Stunden, in denen sie mit ihren zwei Kindern in einem nicht verschlossenen Schutzraum ausharren musste, während draußen Schüsse fielen und das Sicherheitsteam des Kibbuz die Terroristen bekämpfte. „Es hat lange gedauert, aber ich habe mit mir selbst gerungen und mir gesagt: Ich muss kämpfen, um diese Angst zu überwinden.“
Es ist ein Kampf, der noch nicht abgeschlossen ist.
„Selbst wenn ich im Wasser bin, sehe ich Gaza vor mir“, sagt sie. „Ich habe Angst, ich stehe unter Druck – aber ich bin hier.“
Auch andere Bewohner berichten Ähnliches.
„Ich kam mit enormer Angst hierher, und es ist das Beste, was ich für mich getan habe“, sagt Maya Gantz, 47, ebenfalls aus Zikim. Am 7. Oktober war sie allein mit ihren vier Kindern zu Hause. Ihr ältester Sohn bewaffnete sich mit Messern, während ihr Mann draußen mit dem Schnellreaktionsteam kämpfte. „Das Team hier bringt dich dazu, deine eigene Stärke zu entdecken – auf eine Weise, wie es einem Psychologen nicht gelingt.“
Der 15-wöchige Kurs über dreieinhalb Monate verbindet traumafokussierte Therapie mit Surftraining. Jede Einheit wird von einem professionellen Team aus Psychologen, Sozialarbeitern und erfahrenen Surflehrern begleitet.
„Ich bin ohne jede Vorkenntnis aufs Surfbrett gestiegen, und selbst wenn man ins Wasser fällt, erfüllt es einen mit enormem Antrieb“, sagt Gantz.
Auch Omri Negev, 37, Elektroingenieur am Flughafen Ben-Gurion und freiwilliger Surflehrer in Zikim, ist überzeugt von der Kraft des Meeres: „Ich habe gesehen, wie sehr das Meer heilen und den Teilnehmern guttun kann. Das erfüllt mich mit positiven Gefühlen. Das Meer hat mich geheilt – und ich weiß, dass es weiterhin andere heilen wird.“




