Themen: Archäologie

Berühmter Archäologe widerlegt Tempelberg-Theorie

Eli Shukron, einer der anerkanntesten Archäologen im Heiligen Land, im Gespräch mit Israel Heute über die Entstehung der umstrittenen Tempelplatz-Theorie.

Berühmter Archäologe widerlegt Tempelberg-Theorie
Oren Nahshon / FLASH90

Viele Christen und Juden glauben, dass der jüdische Tempel der Schrift zufolge wieder aufgebaut werden wird, und zwar auf dem alten Tempelberg, der 636 n.Chr. von den Moslems erobert worden ist. Das etwa 14.500 Quadratmeter große Plateau ist das umstrittenste Stück Land in der Welt, umkämpft von Christen, Juden und Moslems gleichermaßen.

Seit einiger Zeit macht in der christlichen Welt eine Theorie die Runde, die besagt, dass Salomons Tempel nicht auf dem Berg Moria gestanden habe, sondern entlang des südlichen Abhangs der Stadt David. Nicht wenige evangelikale Christen haben sich mit dieser Idee schon angefreundet, bedeutet sie doch, dass der Jüdische Tempel gebaut werden könnte, ohne dass die Moscheen auf dem Tempelberg zerstört werden müssten, was den 3. Weltkrieg auslösen könnte.

Wie so vieles, was in christlichen Kreisen die Runde macht (und besonders was Israel angeht) basiert auch diese Theorie auf unvollständigen Informationen und falschen Annahmen, die nun Verwirrung stiften. Christen mögen die Vorstellung, dass die Juden ihren Tempel in der Davidstadt bauen könnten und damit die Rückkehr des Messias einleiten würden. Doch falsche Nachrichten und widerlegte Theorien werden den wahren König Israels und sein Königreich nicht bringen.

Wir haben am 5. Dezember unter der Rubrik „Meinungen“ einen Artikel veröffentlicht, der diese Theorien beschreibt und dem Leser selbst die Möglichkeit gibt, sich ein Bild zu machen („Nach neuen Erkenntnissen kann Israel nun den Tempel bauen“)

Wir haben uns auch mit Archäologe Eli Shukron getroffen, um dieser merkwürdigen Verschwörung auf den Grund zu gehen. Was wir entdeckt haben, ist ein Netz aus Übertreibung, Ungenauigkeiten und Annahmen, die nach wie vor von bekannten evangelikalen Christen verbreitet werden.

Eli Shukron arbeitet für die Israelische Altertumsbehörde. Er studierte an der renommierten Hebräischen Universität in Jerusalem am Archäologischen Institut und begann vor mehr als 15 Jahren seine Arbeit in der Stadt Davids (City of David). Shukron ist einer der führenden Experten, was die Archäologie Jerusalems angeht, sein Fachgebiet sind die Zeitperioden des Ersten und Zweiten Tempels.

Im Zuge seiner Ausgrabungen in der Stadt Davids legte Shukron eine Mauer frei, die, wie er sagte, „zu einem Tempel in dieser Gegend gehört haben könnte“. Ebenso fand er einen glockenförmigen goldenen Granatapfel, von der Art, wie sie einst von den Tempelpriestern am Saum des Gewandes getragen wurden (Video).

Im Jahr 2014 führte Shukron eine Gruppe evangelikaler Christen durch die Stadt Davids. Er zeigte ihnen die Mauer und den Granatapfel. Einer der Leiter der Gruppe, Frank Turek, fragte Shukron, ob diese Mauer als Beweis dafür gelten könne, dass Salomons Tempel nicht auf dem Tempelberg, sondern hier in der Stadt Davids gestanden haben könne. „Diese Wand gehörte sicherlich zu einem Tempel aus der Zeit des Ersten Tempels (ca. 970 – 586 v.Chr.), aber Salomos Tempel war auf dem Tempelberg“, antwortete Shukron.

Turek gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Zusammen mit Pastor Bob Cornuke widmete er sich seither der Verbreitung der Idee, dass der Tempel in der Stadt Davids gestanden haben könnte. Cornuke schrieb 2014 sogar ein Buch („Temple“), das beschreibt, wie Salomos Tempel höchstwarscheinlich nicht auf dem Tempelberg gestanden habe, sondern in der Davidsstadt. Cornuke bediente sich an einigen der Funde Shukrons, um seine Theorie zu untermauern.

Davidstadt

Wir fragten Archäologe Shukron, was er von dieser neuen christlichen Theorie hält. „Es gibt keine Beweise, dass der Tempel in der Stadt Davids war“, beteuerte Shukron. „Salomos Tempel stand definitiv auf dem Tempelberg. Ich habe daran überhaupt keine Zweifel.“

Auf die Frage, wie eine Gruppe Christen, die bei ihm eine Tour gebucht hatten, solche abwegigen Theorien entwickeln und verbreiten könne, antwortete er: „Ich weiß es nicht. Aber es ist falsch. Jemand hat ein Buch geschrieben, dass ich diese Theorie unterstütze oder zumindest der Vorstellung nicht abgeneigt sei. Diese Theorien gibt es schon seit geraumer Zeit. Doch lassen sie mich eines klarstellen: Der Jüdische Tempel war auf dem Tempelberg auf der höchsten Erhebung des Berges Moria.“

Meinem Kollegen Ryan und mir stellte sich die brennende Frage, wie solche Verwirrung über einen  derart wichtigen Teil biblischer Geschichte herrschen kann, was den Standort des Tempels und des Berges Moria betrifft. Wir recherchierten und fanden heraus, dass Pastor Cornuke, der die Tour zusammen mit Shukron abgehalten hatte, tatsächlich ein Buch geschrieben hat, in dem er seine Idee vorstellt. Cornuke und Turek erklären, wie sie während der Tour Dinge von Shukron lernten, die auf eine „neue und aufregende Entdeckung“ hinwiesen, nämlich der alternativen Lage des Tempels.

Hier ein paar Zitate von einem Artikel, der von Turek veröffentlicht worden ist und in dem er und Cornuke ihre Idee vertreten und Shukron diese Theorie angeblich unterstütze:

„Als ich ihn (Shukron) fragte, was es für archäologische Beweise für den Tempelberg gebe, hatte er nicht viel zu sagen“, schreibt Turek. Dieses Argument, dass Shukron nicht viel gesagt habe, ist absurd. Die Wahrheit ist nämlich, dass es eine überwältigende Menge an archäologischen Beweisen gibt, darunter die riesigen Steine der Klagemauer, die einst Teil der Außenmauer des Tempelvorhofes waren. Für eine ausführliche Erläuterung war an diesem Tour-Tag einfach nicht die Zeit.

Turek spekuliert weiter: „Vielleicht ist der Mangel an Beweisen (dass der Tempel nicht auf dem Tempelberg war) der politischen Realität geschuldet, die größere Ausgrabungen nicht möglich machen.“ Wieder spricht Turek von einem „Mangel an Beweisen“, um seine Theorie zu belegen. Dass „politische Zustände“ Shukron davon abhalten, die Fakten offenzulegen, ist eine Unterstellung.

„Warum spricht Shukron dann nicht selbst darüber, dass die Stadt Davids der Ort ist, an dem der Tempel stand?“ schreibt Turek mit Blick auf einen der größten Archäologen in Israel. „Shukron müsste die Beweise erst näher untersuchen und die Meinungen seiner Kollegen einholen, bevor er mit einer solchen monumentalen Frage an die Öffentlichkeit ginge. Der Tempelberg ist verwoben mit Traditionen, Politik und der jüdischen Identität. Die Klagemauer ist der heiligste jüdische Ort zum Beten. Eine Änderung der Lage würde auf Widerstand stoßen. Shukron hält sich diese Möglichkeit offen“, schlussfolgert Turek.

Kritiker fragen sich, wie es dieser evangelikale Christ wagen kann, der weder Erfahrung noch Ausbildung auf dem Gebiet der Archäologie besitzt, einem hoch qualifizierten jüdischen Archäologen mit einwandfreien Referenzen zur Geschichte des Ersten und Zweiten Tempels zu unterstellen, er basiere seine Funde auf „festgefahrene jüdische Identität und Politik“?

Als ich bei Shukron nachhakte, zögerte er zunächst, kommentierte dann aber, er wisse nicht, „wie diese Dinge dermaßen übertrieben und hochstilisiert werden konnten. Der Tempel stand auf jeden Fall auf dem Tempelberg“.

Bezüglich der Mauer, die Shukron in der Stadt Davids entdeckt hatte, hatten die Evangelikalen gefragt: „Wenn sie nicht zu Salomos Tempel gehörte, wessen Tempel haben Sie dann entdeckt?“ Shukrons Antwort: „Das werden wir sehen.“ Womit er sagen wollte, dass die Mauer nicht zu Salomos Tempel gehört habe, und wir es eines Tages herausfinden werden, zu welchem Gebäude sie gehörte. Doch diese Antwort genügte den Touristen nicht. Sie kamen zur Erkenntnis: „Ist es möglich, dass Shukrons Entdeckung jene ist, die den 3. Weltkrieg verhindert?“

Es scheint, als gehe es den christlichen „Entdeckern“ mehr um sensationsheischende Schlagzeilen als um klare Fakten. Das ist bedauerlich, da es nicht nur die Hoffnung der Christen auf falsche Theorien lenkt, sondern, und das ist noch viel schlimmer, das Christentum und Jesus in den Augen jüdischer Experten lächerlich macht.