In Kirchen klingt das Konzept edel, in politischen Debatten moralisch überlegen, doch an den Grenzen von Israel, unter Raketenalarm, Terrorangriffen und Geiselnahmen stellt sich die Frage neu und brutal konkret: Bedeutet Feindesliebe Wehrlosigkeit? Muss ein Volk jene lieben, die seine Vernichtung anstreben? Oder meint die Bibel etwas Tieferes, meint sie Menschlichkeit ohne Selbstaufgabe, Barmherzigkeit ohne Naivität, Würde ohne Kapitulation? Zwischen Jesuswort und Staatsräson, zwischen Moralpredigt und Überlebenskampf verläuft eine Spannung, die viele im Westen nur schwer verstehen. Denn Feindesliebe klingt einfach, solange der Feind weit entfernt ist. Sie wird kompliziert, wenn er vor der eigenen Tür steht.
Viele reden von Feindesliebe, doch nur wenige wissen, was es bedeutet, den Feind wirklich zu lieben. Noch weniger sind bereit, den Preis dafür zu tragen. Im Neuen Testament (Matthäus 5) heißt es unmissverständlich: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“. In der Thora (3. Mose 19) steht zuvor: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Was verbindet beide Gebote? Und wer ist überhaupt mein Nächster? Der Nachbar? Der Bruder? Das...
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