(JNS) Das israelische Staatsarchiv hat am Freitag Tausende Seiten bislang geheimer Dokumente veröffentlicht, die die Beratungen der israelischen Regierung während der Geiselnahme von Entebbe im Jahr 1976 detailliert dokumentieren. Anlass ist der 50. Jahrestag der Operation, bei der 102 Geiseln in Uganda befreit wurden.
Die vom Staatsarchiv im Büro des Ministerpräsidenten veröffentlichte Sammlung umfasst vollständige Protokolle der Kabinetts- und Sicherheitskabinettssitzungen, Aufzeichnungen der Beratungen eines von Ministerpräsident Jitzchak Rabin eingerichteten Sonder-Sicherheitsteams, neu freigegebene Tonaufnahmen sowie diplomatische Korrespondenz rund um eine der bekanntesten Militäroperationen Israels.
Zu den neu veröffentlichten Unterlagen gehört auch der Moment, in dem Rabin seine Minister darüber informierte, dass eine Air-France-Maschine auf dem Flug von Tel Aviv nach Paris entführt worden war.
„Bevor wir fortfahren, habe ich eine Mitteilung“, sagte Rabin, als er eine Kabinettssitzung unterbrach. „Es scheint, dass das Flugzeug entführt worden ist.“
Den Protokollen zufolge bestand Rabin sofort darauf, dass Frankreich die Verantwortung für das Schicksal der israelischen Passagiere an Bord der Air-France-Maschine trage.
„Meine Absicht ist es, die französische Regierung für das Schicksal der Israelis an Bord des Air-France-Flugzeugs verantwortlich zu machen und die französische Regierung nicht von dieser Verantwortung zu entbinden“, sagte er.
Die Dokumente zeichnen die Beratungen der Regierung während der einwöchigen Krise nach, als die Minister zwischen Verhandlungen mit den Terroristen und militärischen Optionen abwogen. Israel entschied sich schließlich, Verhandlungen aufzunehmen, um Zeit zu gewinnen, während gleichzeitig die Rettungsmission vorbereitet wurde, die in den frühen Morgenstunden des 4. Juli 1976 mit dem erfolgreichen Einsatz auf dem Flughafen Entebbe ihren Höhepunkt erreichte.
Bei der Operation wurden die israelischen Geiseln sowie die französische Flugbesatzung befreit. Vier Menschen kamen während der Befreiungsaktion ums Leben, darunter Oberstleutnant Yonatan („Yoni“) Netanjahu, Kommandeur der Eliteeinheit Sayeret Matkal der IDF und der einzige israelische Soldat, der bei der Operation fiel. Der Einsatz trug ursprünglich den Namen „Operation Entebbe“ oder „Operation Thunderbolt“ und wurde später zu seinen Ehren in „Operation Yonatan“ umbenannt.

Erstmals veröffentlichte das Staatsarchiv zudem Aufzeichnungen von 26 Telefongesprächen, die Rabins Stabschef Eli Mizrahi während der Krise mit dem Ministerpräsidenten, dem Generaldirektor des Außenministeriums und weiteren ranghohen Regierungsvertretern führte.
Ebenfalls freigegeben wurden Abschriften von fünf Gesprächen zwischen Oberst Baruch Bar-Lev, einem ehemaligen israelischen Militärattaché in Uganda, und Ugandas Diktator Idi Amin, den Israel vergeblich dazu bewegen wollte, zugunsten der Geiseln einzugreifen.
„Ich glaube, Sie haben eine von Gott gegebene Gelegenheit, Menschen zu retten und der Welt zu beweisen, dass das, was andere über Sie gesagt und geschrieben haben, nicht wahr ist“, sagte Bar-Lev in einem der Gespräche zu Amin. „Wenn Sie die Menschen retten, werden Sie ein heiliger Mann sein.“
Die Sammlung enthält außerdem ein Interview mit der Geisel Jitzchak David, einem Holocaust-Überlebenden, der schilderte, wie die Trennung der israelischen Geiseln von den übrigen Passagieren Erinnerungen an den Holocaust in ihm wachrief.
Neben den Regierungsprotokollen umfasst das neu freigegebene Archiv diplomatische Korrespondenz zwischen Israel und Frankreich, den Schriftwechsel mit den Regierungen jener Staaten, deren Bürger sich unter den Geiseln befanden, Unterlagen zu den Beratungen im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nach der Befreiungsaktion, Briefe an Rabin von Staats- und Regierungschefs sowie Privatpersonen nach der Operation sowie Fotografien und Dokumente zur Erinnerung an Yoni Netanjahu, den Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.
Das nun freigegebene Material ist über das israelische Staatsarchiv als Teil einer besonderen Online-Sammlung zum 50. Jahrestag der legendären Operation zugänglich.




