Eine Prognose des israelischen Verteidigungsministeriums zeichnet ein düsteres Bild der psychologischen Auswirkungen des „Eiserne Schwerter“-Krieges. Bis 2028 rechnet Israel damit, mindestens 100.000 IDF-Veteranen als verwundet anzuerkennen – die Hälfte von ihnen mit schwerer posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). Es sind die unsichtbaren Narben des Krieges, die sich nun zu einer nationalen Krise auswachsen.
Seit dem 7. Oktober 2023 sind über 18.500 Soldaten und Sicherheitskräfte der IDF in die Rehabilitationsabteilung des Verteidigungsministeriums aufgenommen worden. Viele leiden neben körperlichen Verletzungen an akuten Traumata. Die bisherige Prognose von „100.000 verwundeten Veteranen bis 2030“ wurde nun auf 2028 vorgezogen. Der Grund: ein starker Anstieg der PTBS-Fälle bei jenen, die der Hamas-Invasion begegneten und im anschließenden Krieg kämpften.
Im Jahr 2024 wurden rund 1.600 Soldaten offiziell als PTBS-Patienten anerkannt. Weitere 9.000 befinden sich im Anerkennungsverfahren. Insgesamt sind derzeit 3.769 Fälle aus diesem Krieg anerkannt – ein bisher nie dagewesener Wert in der Geschichte der IDF.
Eine zerbrochene junge Generation
Warum hat gerade dieser Krieg so viele PTBS-Fälle hervorgebracht? Diese Frage stellen sich viele. Über 50 % der neuen psychologischen Opfer sind unter 30 Jahre alt. Viele sind junge Eltern, meist Reservisten. Mehr als 12.000 Soldaten wurden vom aktiven Dienst entbunden und stehen damit auch der Wirtschaft nicht mehr zur Verfügung. Der Schaden reicht weit über das Schlachtfeld hinaus.
Heartbreaking 💔 Daniel Edri, an IDF soldier who fought in Gaza and suffered from PTSD, took his own life this morning.
May his memory be a blessing. pic.twitter.com/44G3NeLNhR
— Vivid.🇮🇱 (@VividProwess) July 6, 2025
Diese Zahlen überfordern das System. Das Verteidigungsministerium arbeitet derzeit mit nur einem Sozialarbeiter pro 750 Verwundete. Dringend benötigt werden mindestens 150 weitere ausgebildete Fachkräfte im Bereich psychische Gesundheit, um dem Ansturm gerecht zu werden.
Militärexperten warnen zudem: Die Zahlen werden weiter steigen. Die eigentliche Welle des Traumas kommt erst nach Ende der Kämpfe. Wenn das Operations-Tempo abnimmt, treten die Symptome zutage. Während des aktiven Einsatzes erleben viele Soldaten eine Art psychologische „Immunität“. Doch sobald wieder Ruhe einkehrt – falls überhaupt – holt sie die Realität ein. Dann wird ein dramatischer Anstieg der Fälle erwartet.
Neue Behandlungsansätze
Das Verteidigungsministerium hat mobile psychiatrische Notfallteams aufgestellt, alternative Therapien wie Hunde- oder Tauchtherapie eingeführt und vier „offene Häuser“ in der Nähe psychiatrischer Kliniken für kurzfristige psychologische Betreuung eröffnet. Alle Kapazitäten sind bereits erschöpft. In Hofit wurde ein spezielles Zentrum für Reservisten eingerichtet, die seit dem 7. Oktober nicht mehr mit dem zivilen Leben zurechtkommen.
Eine nationale wirtschaftliche Herausforderung
Diese seelischen Verwundungen haben auch ihren Preis für die israelische Wirtschaft. Der sprunghafte Anstieg der PTBS-Fälle wird den Verteidigungshaushalt um Milliarden belasten. Spendensammlungen, die sich früher auf Ausrüstung und Fürsorgezentren konzentrierten, dienen nun verstärkt der Finanzierung von Traumatherapie-Programmen für zehntausende Kriegsveteranen.
Neben den direkten Kosten für die Versorgung leisten viele PTBS-Betroffene keinen Beitrag mehr zur israelischen Wirtschaft. Ein überproportional großer Teil der Reservisten im Gaza-Krieg stammt aus den produktivsten Sektoren der israelischen Gesellschaft – darunter viele Hightech-Arbeiter. Ihr Ausfall über längere Zeiträume oder gar dauerhaft durch PTBS hat gravierende Folgen.
Neuland
Vertreter der IDF und des Verteidigungsministeriums räumen ein, dass es sich um eine Krise handelt, wie sie das Land noch nie erlebt hat. Selbst Veteranen früherer Kriege erleiden Rückfälle unter dem psychischen Druck des Gaza-Krieges. Der Krieg hat selbst bei lange aus dem Dienst Entlassenen psychische Zusammenbrüche ausgelöst.
Wie es ein ranghoher Beamter unverblümt ausdrückte:
„Wir können einem 80-jährigen kriegsversehrten Veteranen nicht sagen: ‚Du musst bis nächsten Monat auf Hilfe warten.‘“




